Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-31 · Heft 5 (31.1.1896) · p. Seite 51

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 5 (31.1.1896)
Date
1896-01-31
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228154--52546-3258174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

51 Gemeinde, Herr Moritz Karpeles, seine Demission gegeben, weil er nicht länger die Verantwortung für ein ständiges Defizit von mehr als hunderttausend Gulden tragen wollte, ein eigenthümliches Licht ans die dortigen Verhältnisse. Es ist ja natürlich, daß die Bedürfnisse der Wiener Gemeinde, die namentlich für den Religionsunterricht große Summen aufwendet, von Jahr zu Jahr wachsen. Gleichwohl ist die Thatsache eines solchen Defizits gerade in Wien und in der Gemeinde, die einst eine der opferfreudigsten Europas war, eine traurig charakteristische Erscheinung unserer Zeit. Denn die Vernnithung, daß die Steuerkraft der Geineinde sich verringert habe, wird von Kennern der einschlägiger! Verhältnisse entschieden in Abrede gestellt. Verringert haben - sich also nur die Opferfreudigkeit, der Gemeinsinn und die Glaubenstreue — et liinc illae lacrymae! Hoffentlich bemüht sich die Wiener Gemeinde, ihren alten historischen Ruf wieder zu erlangen. Für andere Großgemeindeu möge aber dieser Vorgang ein Menetekel sein! Sir Julian Goldsmid. Von Benas Levy. fie Juden Englands haben einen herben Verlust erlitten; sie beklagen den frühzeitigen Tod eines der besten ihrer Söhne, und eine allgemeine Trauer herrscht in den Kreisen unserer Glanbensgenoffen in Großbritannien. Sir Julian Goldsmid war überall verehrt und hochgeachtet, sein Name hatte einen goldenen Klang und der Zauber seines liebenswürdigen Wesens übte einen niächtigen Einfluß aus auf Alle, die das Glück hatten, ihm näher zu treten. Er hatte nicht nur den Adel von seinen angesehenen Vorfahren geerbt, er besaß auch von Natur ans eineu seltenen Adel der Seele und des Herzens, der sich in allen seinen Thaten kennzeichnete. Er genoß das unbegrenzte Vertrauen seiner Mitbürger, sowie die Liebe seiner Glanbensgenoffen, — und elftere wählten ihn zu ihrem Vertreter, letztere zum Leiter der verschiedensten Vereine. In beiden Eigenschaften hat Sir Julian Goldsmid so Segensreiches weit über die Grenzen Englands hinaus gewirkt, daß es wohl berechtigt erscheint, hier ein ausführliches Bild seines Lebens und Schaffens in Ergänzung der in letzter Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" erschienenen Korrespondenz zu geben. Julian Goldsmid bewies bereits auf der Universität zu Oxford seine große Begabung und einen unermüdlichen Fleiß. Er war in den allergünstigsten Verhältnissen aufgewachsen, denn die Familie seines Vaters gehörte zu den reichsten und geachtetsten des Landes, aber trotzdem bewarb sich der junge Student eifrig um die Universitäts-Prämien und erwarb sich auch verschiedene Preise, besonders durch hervorragende Leistungen in den Sprachen. Er errang im Jahre 1859 den Titel B. A baclielor ofarts und im Jahre 1861 M. A master of arts und beabsichtigte, sich der juristischen Karriere zu widmen. Er gab dieselbe aber auf, als er im Jahre 1866 als Nachfolger seines Vaters, Frederick Goldsmid, ins Parlament gewählt wurde. Bis zu seinen! Tode behielt Sir Julian Goldsmid die Würde eines Abgeordneten, die er nur von 1880 bis 1885 nicht bekleidete; seit zehn Jahren war er der'Vertreter eines Londoner Bezirks, nämlich von South Pancras. Im Parlament entfaltete Sir Julian Goldsmid eine umfassende Thätigkeit; seine hervorragenden Kenntnisse stellte er in den Dienst der Allgemeinheit, und mit besonderem'Eifer trat er. für die Interessen seiner Glaubensgenossen ein. Er wirkte dafür, daß die armen jüdischen Einwanderer nicht vor den Thoren Londons zurückgewiesen wurden, indem er klar darlegte, daß durch die billigeren Arbeitslöhne die ökonomischen Verhältnisse Englands nur gebessert werden. Er vertheidigte aber auch die Rechte der bedrängten und bedrückten Juden Rumäniens und Rußlands mit trefflichen Worten und mit großer Sachkenntniß. Sir Julian Goldsmid erfreute sich nicht nur in seiner — der liberal-unionistischen — Partei, sondern im ganzen Parlament einer großen Hochachtung; eine ganz hervorragende Ehre und Anerkennung wurde ihm vor einigen Wochen noch dadurch zu Theil, daß die Königin von England ihn zum Mitglied des Staatsraths ernannte. Die umfassendste Thätigkeit entwickelte Sir Julian Goldsmid auf dem Gebiete der Philanthropie. Seine Richtschnur im Leben bildete der Spruch: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut." Er bewies seinen Edelsinn, indem er allen Idealen der Menschheit nachstrebte, er öffnete seine hilfreiche Hand Allen, ohne Unterschied des Glaubens, und ec offenbarte seine Güte in allen seinen Handlungen. Sir Julian Goldsmid gehörte der Londoner jüdischen Reform- Gemeinde au und war ein sehr eifriger Anhänger derselben. Zum Vorsteher der Geineinde erwählt, hat er stets dafür gewirkt, daß die Verhältnisse zwischen der Reform- und der orthodoxen Gemeinde sich friedlich gestalten. Er strebte danach, eine Einigung zwischen den beiden Parteien herbeizuführen, und wenn ihm dies auch nicht ganz gelungen, so hat er es doch bewirkt, daß in vielen Beziehungen ein freundliches Uebereinkonunen erzielt worden ist. Sir Julian Goldsmid war erfüllt von tiefer Religiosität, und er hat auch durch Predigten, die er einige Male in der Synagoge der Reform- Gemeinde (Upper Berkeley Street) hielt, gezeigt, welch' tiefe Wurzeln die Frömmigkeit in seinem Herzen geschlagen hatte. Diese Frömmigkeit gab sich auch in seinem Wirken für die Ziele aller größeren Wohlthütigkeitsvereine kund. In den meisten derselben war er die leitende Kraft, und gern leisteten Alle seinem bewährten Scharfblick, sowie seinem einsichtigen Rath Folge. Als im Jahre 1871 die Anglo Jewisli Association gegründet wurde, um nach dem Muster der Alliance Israeiite universelle für arme, verfolgte und bedrängte Juden in allen Theilen der Welt zn sorgen, ward Sir.Julian Goldsmid zum Vize-Präsidenten gewählt und im Jahre 1886 wurde er Präsident der Gesellschaft. Es ist in den weitesten Kreisen bekannt, welch' segensreiche Wirksamkeit diese Gesellschaft entwickelt hat, am meisten aber verdankt die Anglo Jewisli Association dem hingebungsvollen Eifer, mit dem Sir Julian Goldsmid für sie arbeitete, und der Förderung, die er ihr zu Theil werden ließ. Er unterstützte sie mit stets offenen Händen, und er verwandte sich für die nothleidenden Glaubensbrüder bei einflußreichen Würdenträgern innerhalb und außerhalb Englands. Sir Julian Goldsmid war auch Mitglied des Central-Komitees der Alliance Israeiite universelle, er war Vize-Präsident der Jüdischen Kolonisations-Gesellschaft, welche Baron von Hirsch ins Leben gerufen hatte, und ferner Vorsitzender des russisch-jüdischen Komitees in London. Als im Jahre 1882 die Inden in großen Schaaren aus Rußland ausgewiesen wurden und überall Komitees zur Unterstützung der armen Unglücklichen entstanden, stellte sich Sir Julian Goldsmid an die Spitze des Londoner Komitees und brachte große Summen auf, .die zum Besten der Nothleidenden verwendet wurden. Er fand aber auch Mittel und Wege, um die Auswanderung der vielen Tausende in die richtigen Bahnen zu leiten. Als Delegirter wohnte Sir Julian Goldsmid den Konferenzen bei, welche im Jahre 1882 in Berlin und 1890 in Paris stattgefunden haben; beide Male wurde er zum Vizepräsidenten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.