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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-31 · Heft 5 (31.1.1896) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 5 (31.1.1896)
Date
1896-01-31
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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Zm&i WWDDMWM 50 ——'' gegangen. Jede Spur nioderner Klcktur fehlte. Die ersten Fonds, über welche die 1860 begründete Alliance verfügte, wurden der Schöpfung einer Knabenschule in Tet.uan zugewandt, welche 1862 eröffnet werden konnte. 1864 entstand die Schule in Tanger, 1865 die von Bagdad. Heute sind 59 Schulen in voller Thätigkeit. Im Jahre 1895 betrug die Zahl der Schüler, welche die Schulen der Alliance besuchen, 12 050 und das Jahresbudget derselben beläuft sich auf 625 00ö Francs. In türkischen Ländern ist der Unterricht der weiblichen Bevölkerung sehr zurückgeblieben. Heute besitzt die Alliance 22 Mädchenschulen mit 4900 Schülerinnen. Die Lehrkräfte werden zum Theil in der 1880 staatlich anerkannten, israelitischen Normalschule in Paris ausgebildet, die in diesem Jahre 28 junge Männer und 28 Fräuleins, sämmtlich Eingeborene aus der Türkei, Bulgarien, Tunis und Marokko ausbildet. In den letzten Jahren hat die Alliance ihre Aufmerksamkeit dem Verfall zugewandt, in den im Orient und in Afrika die rabbinischen Studien geratheu waren. 1891 haben die Alliance und die Anglo-Jewish- Association zur Begründung eines Rabbinerseminars in Adrianopel beigetragen. In ihrer dritten Abt Heilung schildert die Festschrift, wie selbst die besten Schulen unter den elenden Verhältnissender orientalischen Juden nichts nützen, wenn der Bevölkerung nicht) bessere Möglichkeiten zur Erwerbung des Lebensunterhalts beschafft werden. Dank der Großmuth des Barons Hirsch hat die Alliance in allen Städten, wo sie Schulen errichtet hat, auch Lehrwerkstätten, für Handwerker eingerichtet. Eine Kunsttischlerei und eine Möbelwerkstätte in Konstantinopel, eine Schunede uiib eine Tischlerei in Tripolis werden von der Alliance selbst geleitet. Unter ben; 120 Lehrlingen der Handwerkerschule in Jerusalem befinden sich Tischler, Schlosser, Schmiede, Gießer, Mechaniker, Bildhauer n. s. w. Charles Netter war der Erste, der daran arbeitete, die Alliance für die Hebung des Ackerballs unter den Juden in Palästina zll gewinnen. Die 1870 begründete Acker bausch ule wird heute von 100 einheimischen Schülern besticht, die Leituilg befindet sich in den Händen eines im Abendlaude geschulten technischen Personals. Im vorigen Jahre haben die lalldwirthschaftlichen Produkte der der Schule 37 000 Francs eiugebracht. Die Unkosten beliefen sich für 100 Schüler auf 28 000 Francs. Die Ackerbauschule ist die Nührmlltter der jetzt so herrlich anfblühenden Kolonien in Palästina geworden. Herr M. S. Hirsch, langjähriger Leiter der Ackerbauschule in Jaffa, und andere von der Alliance ausgebildete Männer leiten jetzt die Kolonien in Argentinien. In Kanada hat die Alliance einstweilen 60 Familien allgesiedelt, welche nach einem am 27. September dieses Jahres eingereichten Bericht jetzt mit Eifer ihren Arbeiten obliegen. In Tllnis, wo das französische Protektorat den Bestrebullgen der Alliance zu Gute kommt, ist eine Ackerbaukolonie von 1500 Hektarell mit 22 Hektaren Weinbergen seit Oktober dieses Jahres vollständig eingerichtet. Noch auf lange hin wird das durch die Alliailce vertretelie Kulturwerk eine Nothwendigkeit sein. Nicht nur für die halbbarbarischen Länder allein. Seit 20 Jahren ist ein Theil Europas von jenem neueil Kreuzzuge bedroht, der unter verschiedenen Namen überall die Religionsfreiheit und die Grundlageil der modernen Gesellschaft bedroht. In der Erfüllung ihrer Pflicht auch diesen An-- griffen gegeilüber glaubt die Gesellschaft, der wir als Juden besonders zu Dank verflichtet sind, mit Recht gleichzeitig die Interessen der Wahrheit und der Bildling überhaupt zu schützen. . Die Woche. ' Berlin, 28. Januar. 1>as wichtigste, wohl aber das charakteristischste Ereiguiß dieser Woche ist das Duell aus antisemitischen Motiven, welches am 20. d. im Potulitzer Walde bei Rakel zwischell dem Gutsbesitzer Ritter aus Gerau und dem Gerichtsassessor Wollstein aus Rakel stattgeflmden hat und bei welchem Letzterer schwer verwundet wurde. DieVeralllassung zu diesem Zweikampf wirft ein trauriges Licht aufgewiffeVerhältnisse. Anläßlich derReichsjubiläumsfeier fand im Hotel du Nord zil Rakel ein Festesten statt, an welchem auch die beiden Duellailten theilllahnien. Im Laufe des Gesprächs ließ sich null Herr Ritter zu der Aeußerung hinreißeu, daß sein, vom Amtsgericht Rakel wegen einer Uebertretuug zu drei Tagen verurtheilter Knecht diese Strafe nicht erhalten hätte, wenn den Vorsitz in jener Gerichtsverhandlung nicht ein. Jude, nämlich Herr Wollstein, geführt hätte. Als bald darauf sich beide Herren zufälligerweise in einem Nebenzimmer trafen, versetzte Wöllstein seinem Gegner eine Ohrfeige, welche von Letzterem erwiedert wurde, worauf der Assessor vom Rittergutsbesitzer eiile Forderung auf Pistolen erhielt. Ein antisemitisches Blatt bemerkt hierzli: „Das sind die üblen Folgen davon, daß mit besonderer Vorliebe aufs Land jüdische Einzelrichter beordert werden. Im Uebrigen ist das Auftreten des Herrn Assessors ein für einen Richter höchst befremdliches. Die Zustände werden immer unerträglicher." Also daß Jemand sich erdreistet, einen jüdischell Richter öffentlich der Parteilichkeit zu beschllldigeu, wird als ein Argument gegen die Austelllmg jüdischer Einzelrichter iils Treffen geführt! Und bem jüdischen Assessor wird zugemuthet, daß er die Beschimpftlng ruhig hätte eiusteckeu sollen! Hütte er das Duell abgelehut, so würde das Autisemiteublatt natürlich von jüdischer Feigheit gesprochen haben. Die Moral der ganzen recht traurigen Geschichte steht freilich auf einem anderen Blatte. * Wie schon aus dieser Mittheilung ersichtlich und wie wir auch schon in der vorigen Nummer angedeutet, haben unsere braven Antisemiten auch nicht einmal die letzten Festtage vorüber gehen lassen, ohne gegen die Juden zu Hetzen. Von verschiedenen Seiten wird uns ein Bericht über die Rede zugeschickt, welche der Oberlehrer Dr. Weidenbach im Gewerbehaussaale zu Dresden am Reichsfesttage gehalten hat. In derselben ist u. A. der folgende Paffus enthalten: „Tief aber kränkt es uns, daß der inneren Feinde so viele erstanden sind. Nicht von Denen will ich reden, die fremden Stammes in unserer Mitte leben, um ihres persönlichen, materiellen Vortheiles willen — es ist begreiflich, daß sie mit wenigen rühmlichen Ausnahmen für unseres Vaterlandes Größe und seine Ehre kein Herz haben; aber wider die Natur und schier unbegreiflich ist es, daß deutsche Männer in thörichter Verblendung vaterlandslos geworden sind." Der erste Paffus dieser Rede, der sich gegen die Juden wendet, hat selbst in Dresden böses Blut gemacht, und das will viel sagen! Vielleicht beruhigt man sich in bem schönen Elbflorenz, wenn man sich des begeisterten Vortrags erinnert, den derselbe Herr vor Jahren über „Faust und Nathan", vielleicht gar in demselben Saale, gehalten und in dem er das Evangelium der Humanität und die Toleranz gegen die Juden als die höchsten Güter gepriesen hat. Damals war der Antisemitismus freilich noch nicht Mode. * Traurige Zustände scheinen nicht nur in der politischen, sondern auch in der jüdischen Gemeinde zu Wien zu herrschen. Zum Mindesten wirft die Nachricht, daß der Obmann der Finanzsektion der

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