Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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WWWWWWWMWWWMMM Berlin, 31. Januar 1896. 60. Jahrgang. Nr. 5. Gin unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redactenr: Gustav Karpeles. Begründet von NaLiüiner Dr Ludwig phrUppson-Konn Verlags-Crpedition: Leriin^ Lerufalemerflr. 48/49 Alle Zuwendungen fllr Redaktion und! Expedition find an die Adresse: Verlag der! „Allgem. Zeitung des Iudenthums", Berlin I 8^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten.! Verlag von Rudolf Mosse, Berlin.! ^nhntt. Leitartikel; Ein Rechenschaftsbericht. — Die Woche. — Sir Julian Goldsmid. Von Ben as Levp. — Abraham Geigers Briefe an I. Terensbourg. Von Pros. Dr. Ludwig Geiger. — Aus Heinrich Heine's Ahnenaal. I. — Fenilleton: Joses der Trällmer. Erzählung von I. Zangwill. — Leib Weibnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. — Littcrarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Potsdam. Memel. Aus Schlesien. Breslau. Hirschberg. Emden. Karlsruhe. Wien. Budapest. Padua, New-York. — Von Nah und Fern. — Miseellen. Gin Rechenschaftsbericht. Berlin. 28. Januar, s gicbt viele Leute und darunter sehr ehrenwerthe Glaubensgenossen in allen Theilen der Welt, welche für Ausgrabungen von Ruinen, für Bildwerke und für Sammlungen alter Gewehre, Trachten und dergleichen namhafte Summen verausgabe!:, was immerhin noch löblicher ist. als die wohl auch hier und da vorkommende Gepflogenheit, in Gastereien und Schmausereien es Andern nachzuthun und durch Wetteifern in kostspieligen: Sport, Neid nach oben und unten zu erregen, — den:gegenüber berührt es sehr schmerzlich, feststelleu zu müssen, daß ein so erhabenes Werk der allgemeine:: Humanität, wie die Alliance Jsr. Universelle, nach 35jährigem Wirken es in allen Theilen der Welt nur auf 30 000 Mitglieder gebracht hat. „Seit mehreren Jahren ist die Zahl der Mitglieder stationär, gegenüber einem Budget von 700 000 Francs Jahresausgabe liefern die Beiträge der Mitglieder selbst nicht einmal 200 000 Francs. Und doch, giebt es innerhalb deß Judenthums wohl eine Einrichtung, die der Unterstützung unserer Glaubensgenossen würdiger ist?" Mit diesen Worten schließt eine Schrift, welche aus Anlaß des 35 jährigen Bestehens der Alliance unter den Auspicien der Gesellschaft erschienen ist und die mit Recht hervorhebt, daß die Alliance seit 35 Jahren ihren Zielen unter der wohlwollenden Beobachtung der Regierungen aller civilisirten Staaten nachgeht und daß sie ein Recht hat auf die Beihilfe Aller, welche die Ehre des israelitischen Namens noch berührt. Die Alliance ist der Gegenstand des heftigsten Hasses der Antisemiten, welche, weil sie in den Thaten derselben keinen Vorwand für ihre Angriffe finden, können, zu Fälschungen greifen — ihre gewöhnliche Taktik gegenüber dem Judenthum. In einfacher, aber würdiger Ausstattung kommt diese Schrift, welche auf 35 Seiten das Klllturwerk der Alliance schildert, sehr zur rechten Zeit. Der Ueberblick, welcher in drei Abtheilimgen über das Wirken der Alliance von 1860—95 gegeben wird, ist geeignet, auch zur Belehrung solcher wohlmeinenden Männer des öffentlichen Lebens beizutragen, welche bisher das Schreckgespenst, das die Antisemiten aus der Alliance gemacht Haben, in ihrem Urtheile beeinflußt hat. Nicht minder wichtig ist die Schrift für unsere Glaubensgenossen selbst. Die Alliance kann ihren Gegnern offen die Stirne bieten, sie vertheidigt sich durch ihre Leistungen. Gegen die äußeren Feinde kämpfen, ist für sie die Nothwendigkeit der augenblicklichen Gegenwart, dadurch aber, daß sie Millionen von Israeliten nach und nach der Unwissenheit und dem Elende entreißt, bleibt sie ein dauerndes Kulturwerk und schließt sich jenen Verbindungen im Wesen an, die, wie der Gustav- Adolf-Verein im evangelische:: und zahlreiche andere in: katholischen Geiste die Gemeinden ihrer Diaspora fördern und unterstützen. Zwar ist die Zahl der lokalen Mitglieder theils zurückgegangen, theils stationär geblieben, das Werk selbst wächst fort und fort, mit jeden: Jahre vorwärts erhält es neue Kraft. Eine offiziell feindliche Stellung gegenüber der Alliance, welche jedes Wirken erschwert, uehinen zur Zeit nur zwei Staaten ein, nämlich Rußland und Rumänien. Auch hier war das nicht immer der Fall. Rußland hat in einer Zeit der Noth, als die Cholera in Polen und den Westprovinzen wüthete, zwei Mitgliedern des Centralkomitees gestattet, den Opfern der Seuche Hilfe zu bringen. Das westrussische Hilfswerk ist bekannt. Zunächst wurden 800 kräftige Jünglinge auf Kosten der Alliance nach Amerika geschafft. Hier liegt der Ausgangspunkt für jene freiwillige Auswanderung, welche von 1881—1894, nanieutlich nach den Verfolgungen des Jahres 1882, sich von Rußland nach Amerika wandte und in dieser Zeit die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten mehr als verdreifacht hat. In diesen 13 Jahren haben sich 500 000 russische Juden nach Amerika gewandt, und es ist eine interessante Frage, wie sich diese jenen nützlichen Elementen angliedern werden, welche sich die neue Welt seit 60 Jahren assimilirt hat und welchen Einfluß das Judenthum, überhaupt die Entstehung dieser großen jüdischen Gemeinden in Ainerika einnull haben wird. Von Rußland, das seinen israelitischen Unterthanen nicht einmal gestattet, Mitglieder der Alliance zu werden, wendet sich der Ueberblick zu der beklagenswerthen Art, wie jetzt Rumänien die klaren Bestimmungen des Berliner Vertrags umgeht. So unglücklich aber auch die Israeliten in Rußland und Rumänien bezüglich ihrer staatsbürgerlichen Rechte gestellt sind, so haben sie von jeher das heilige Feuer der rabbinischen Studien stetig sorterhalteu und ausgezeichnete Männer der Wissenschaft hervoraebracht. Dagegen waren Reisende, welche in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts durch Marokko, die Türkei und Tunis kamen, erstaunt über die elenden Zustände unter den Israeliten dieser Länder. In diesen Herabgekommenei: Juden der Länder des Islams konnte man keine Nachkommen' der Juden Spaniens und Babyloniens mehr erkennen. Unter dem Druck der Einsperrung in enge Ghettis waren selbst die physischen Kräfte zurück-