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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-24 · Heft 4 (24.1.1896) · p. Seite 47

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 4 (24.1.1896)
Date
1896-01-24
Page
Seite 47 (sequence 11)
Language
German
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47 Er war einverstanden. Aber als Chane am nächsten Morgen dies Kasia und der Tochter gesagt hatte und er nun, wie verabredet, feinen Weg antreten sollte, zögerte er. „Sollen wir nicht unser Miriamchen mitnehmen?" flüsterte er seinem Weibe zll. „Sie geht mit Dir und wir lassen sie in Halicz bei einer Bekannten, bis wir die Verlobung vereinbart haben. Mir ist so bang, sie hier allein zu lassen. Bedenke, wie leicht der Janko von den andern Bauern etwas hören femn. Und er wird es für keine Lüge halten! Ich habe ihm ja selbst ain vorigen Montag gesagt, daß ich nach Halicz gehe, einen Bräutigam für unser Kind zu suchen." „Ja, so klug warst Dü leider," erwiederte sie. „Aber das ist nun nicht mehr zu ändern. Mitnehmen können wir das Kind nicht, denn in Halicz erfährt es gewiß die Wahrheit, und das wollen wir ja nicht. Wie lange wir nun damit durchkommeu, ist eine andere Frage, aber dann müßte sie doch vorbereitet werden. IXub fressen wird sie der Tölpel doch nicht!" „Aber vielleicht erschrecken!" sagte Leib. Jndeß, er sah ein, daß sie es daraufhin wagen mußten, und ging. Obwohl er den großen Umweg um's Dorf machen mußte und nicht allzu rasch ging, weil ihm die Sorge immer wieder den Fuß hemmte und nachsinnen ließ, hatte er doch am Allsgang des Wäldchens lange zu harren, bis er endlich sein Weib daher schleichen sah. Er wllßte ja nun längst, wie krank sie sei, aber wie er sie so illühsam, wallkeilden Schrittes nahen sah, erschreckte ihil der Anblick doch wieder von Neuem. Er eilte ihr entgegen. „Stütze Dich auf meinen Arm," bat er und spähte ihr bang ins hagere, fahle Antlitz, auf dem nur dicht linier den Augen zwei Flecken aus den Wangen in lUlheimlicher, scharf abgegreilzter Röthe standen. Sie wehrte schweigend ab. „Nein, setzen wir uns," keuchte sie dann. Lange saßen sie darauf schweigend unter einem Baum am Wege. Sie starrte finster vor sich hin, auch er hing traurigen, ach, wie traurigen Gedanken nach. Die beste, höchste Stunde, die ihm das Lebeil noch zu bieten hatte, war nun da: er sollte fein einziges Kind verloben — und wie erfüllte sie sich ihm! Aber an sich selbst dachte er kaum einen Augenblick, um so länger an sein Kind, in seinen Augen das beste und schönste Geschöpf, das diese Erde trug. Miriam ahnte noch nicht, daß sich ihr Loos heute erfüllte, ahnte nicht, welches Loos dies war — und doch sollte sie es danil lange, lange tragen, und jedenfalls bestiiumte es ihr ganzes Lebeil. . . Ist das recht? rief es in ihm. . . Und die arme Mutter! Er wußte, sie hatte von dieser Stunde geträumt; seit langen, langen Jahren, vielleicht seit jenem Allgenblick, wo sie ihr Töchtercheu zum ersten Mal in ben Armen gehalten und sein kleines Antlitz mit Küssen und Thronen bedeckt; von dieser Stunde hatte sie Alles erhofft, was ihr noch auf Erden werden tonnte; nur'das Glück der Tochter tonnte ihr noch eine Ausgleichung all' des Janlmers sein, den das Leben auf sie gehäuft — ach, war dies ein Glück?! . . . Unwillkürlich tastete er nach ihrer kalten, feuchten Halld und nahm sie zwischen feine beiden. Aber sie zog die ihre zurück. „Thu' nicht so!" sagte sie hart. „Hättest Du wirklich Mitleid mit mir, Du wärest nicht taub gegen all' mein Fleheil. . ." Er wandte sich gepeinigt ab. „Leib," sagte sie dumpf, „hör' mich wohl an, denn es könnte sein, daß Dich diese Stunde schon nach wenigen Wochen mehr reuen wird als Alles, was Dll im Lebeli gefehlt hast. . . Leib, eine Sterbende bittet Dich: gönne mir einige ruhige Monate, ehe ich von Dir lind dem Kinde gehen muß, Was harrt unser, wenn Du das Geld ablehnst?!" „Mosche schreibt ja . . begann er zaghaft. „Was ist darauf zu geben?" fiel sie ihm ins Wort. „Er hofft, daß Dein Eidam für Dich bezahlen wird, und wollte sich dadurch bei dem reichen Mann einschmeicheln. Bekommt er sein Geld nicht, so ist die Freundschaft zu Ende. Und Paterski?! Hast Du ihm etwa den Obstgarten geschafft?! Und es war ihm viel daran gelegen, denn ich kann Dir sagen, warum er sich plötzlich so darnach gesehnt hat: weil die Eisenbahn durch diesen Garten gehen wird..." Er sah sie betroffen an. „Möglich . . .," murmelte er. „Nein! Gewiß!" erwiederte sie. „Und ebenso gewiß ist, daß wir in einigen Monaten als Bettler auf der Straße liegen. Unsere Tochter wird uns aufnehmen, meinst Du, unser Eidam Almosen reichen? Möglich! Aber erscheint Dir das besser? Kränkt es Deinen Stolz mehr, Dir heute vierhundert Gulden äuszubedingen, als Dir vierzig schenken zu lassen?!" Er blickte sie mild, aber fest an. „Hat mich Seine Hilfe bisher davor bewahrt," sagte er, „so werde ich auch ferner kein Almosen brauchen. . . Ich will arbeiten." „Und darauf soll ich mich verlassen?!" rief sie verzweiflungsvoll. „Chane," bat er, „laß davon ab! Ich kann nicht! Denn ich hör' Seine Stimm' zu mir reden und sagen: „Leib, das darfst Du nicht thun! . . ." „Ich fürchte," erwiederte sie, „Seine Stimm' wird auch an meiner Bahre zu Dir reden! . . . Aber genug! . . . Komm!" Und von da ab sprach sie auf dem langen Wege von mehr als zwei Stunden kein Wort mehr, und da sie auf seine Fragen nicht erwiederte, verstummte auch er und schlich nur dicht neben oder hinter ihr einher, um sie stützen zu können, wenn sie wankte. Aber auch dies duldete sie nur, wenn sie fühlte, daß sie sonst ümsinken müsse. Erst als sie dicht vor dem Hause Mendele's standen, wagte Leib wieder eine Frage. „Bist Du einverstanden, daß ich das Geld für Miriam verlange und vierzehnhundert Gulden Wittwengeld für sie fordere?" „Nein!" erwiederte sie scharf. „Denn er soll uns, wenn wir einst ail seine Thür pochen, liicht hinwegweisen dürfen und sagen: „Seht, die Schlalien wollten's doppelt haben" . . . Versiehst Du?" Er erwiederte nichts und trat demüthig hinter ihr in die Stube des Schadchens. Melldele eiupfing sie mit einer so finsteren Miene, als er sie seinern runden Gesicht nur immer abgewinnen konnte. ,Ha haben wir die Bescheerung," sagte er. „Meyerl war eben bei Reb David, um ihn zu fragen, wann er sich herbemühen will, unb was läßt er mir antworten? Er hält' heut' keine Zeit, er niöcht' sich's erst noch überlegen. Ein Wunder wär's llicht, wenn er zürückgetreten wäre; selbst meine Feinde müssen ja zugeben, daß es nleines Gleichen in ganz Polen nicht giebt — aber selbst so ein feiner Kopf kann nichts ausrichten, wenn sich die Leut', mit denen er sich leider aus Güte eingelassen hat, gar so dunnu anstellen! Vierzehnhuudert und fünfzig Gulden verlangen, das könnt Ihr, aber den Mund haltell, nicht!" Leib schrak zusammen. Chane aber ließ sich auf dem Sophä nieder und sagte daun, auf die Uhr blickend: „Es ist halb Zehn. Wenn Reb David bis Zehn nicht hier ist, so haben auch wir keiire Zeit mehr und gehen heim. Und dann haben wir's uns auch schon für immer überlegt!" Mendele drehte ihr den Rücken zu und trommelte an die Fensterscheiben. Da Leib ängstlich schwieg, so war dies auch der ■ einzige Laut, der im Zimmer hörbar wurde, bis Meyerl Späzierstock hereiugestürzt kam. Er war scheinbar sehr verstört; dtzr fuchsrothe

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