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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-24 · Heft 4 (24.1.1896) · p. Seite 46

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 4 (24.1.1896)
Date
1896-01-24
Page
Seite 46 (sequence 10)
Language
German
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46 donilengesicht von heißen Thränen benetzt, verbrannte den Gebetmantel, den sie in heinilicher Liebe dein Manne, der sie einst lieben würde, gewebt und wehklagte mit den Trauernden, die harten Hände Rahels mit ihren süßen, weichen Fingern, die keines Liebenden Hand jemals mehr berühren würden, streichelnd, — aber Rahel weinte um ihr Kind und woüte nicht getröstet sein.' IV. Helena de Franchi erzählte Guiseppe de Franchi, daß der große Bann über ihn verhängt sei. Sie hatte es durch eine ihrer Zofen erfahren, die es von Schloumi, dem Narr, hatte, einem gottlosen humoristischen Schalk, der zwischen Juden und Christen seinen verschmitzten Weg steuerte, den Weg seines Vortheils. Gniseppe lächelte mild unter Thränen. „Sie wissen nicht, was sie thun," sagte er. „Deine Eltern betrauern Dich als todt." „Sie betrauern den tobten Juden, des lebenden Christen Liebe soll sie trösten." „Aber Du darfst Dich ihnen nicht nähern, noch dürfen sie es." „Der Glaube versetzt Berge, mein Geist küßt ihren. Im Licht des Heilands werden wir uns freuen, das Weinen dauert eine Nacht, aber die Freude kommt des Morgens." Sein blasses Antlitz erstrahlte in himmlischem Glanze. Helena sah auf ihn mit mitleidiger Bewunderung. „Ein seltsamer Geist beherrscht Dich, Guiseppe!" sagte sie. „Kein seltsamer, Signora, ein einfacher, wie der eines Kindes," sagte er, mit tiefem, mystischen Blick in ihre klaren Augen schauend. Sie war schlank und schön, mehr jenen griechischen Statuen, die die Bildhauer jener Tage meißelten, ähnlich, denn einer römischen Jungfrau. Ein schlichtes, weißseidenes Gewand verhüllte die schönen Formen ihrer Gestalt. Durch das große Erkerfenster, an welchem sie standen, traf der Sonnenschein ihr Haar und malte glänzende Flecke auf die Tigerfelle, welche den Boden bedeckten, und auf die hängenden Wandteppiche. Die Gemälde und Kupferstiche, die Bücher und Büsten machten den Raum zu einen: harmonischen Rahmen für ihre edle Erscheinung. Er zitterte, sie anschauend. „Und was soll dein Leben hinfort sein?" frug sie. „Entsagung, Opfer," sagte er halb flüsternd. „Meine Eltern haben Recht. Josef ist todt. Sein Wille ist Gottes Wille, sein Herz ist Christi Herz. Mein Leben sei nichts anderes als Dienen." „Und wem nullst Du dienen?" „Meinen Brüdern, Signora." „Sie verwerfen Dich." „Ich verwerfe sie nicht." Sie schwieg einen Augenblick, dann rief sie leidenschaftlicher: „Aber Sar Guiseppe, Ihr werdet nichts erreichen. Hundert Generationen ist es nicht gelungen, sie 311 bekehren. Die Bullen aller Päpste machten sie nur halsstarriger." „Keiner versuchte es mit Liebe, Signora!" „Dll verwirkst Dein Leben." Er lächelte gedankenvoll. „Du vergißt, daß ich todt bin." „Dll bist nicht todt. Fließt nicht Saft in Deillen Adern? Der Frühling beginnt, sieh, lvie die Sonne ani blauen Himmel leuchtet! Du sollst nicht sterben, genieße im Sonnenscheill die Schönheit der Welt." „Der Sonnenschein ist nur Symbol der göttlichen Liebe, die sprossellden Knospen-verkünden die Auferstehung und das Leben." „Du träunlst, Guisseppo niio! Du träumst mit offenen Augen, mit Deinen wundervollen Augen. Ich verstehe Deine Liebe nicht, die sich von irdischen Dingen abwendet und Deines Vaters, Deiner Mutter^Herz entzwei reißt." Seine Äugen füllten, sich niit Thrünen. „Pazienza! Irdische Dinge fliehen wie Schatten vorüber. Ihr träumt, Signora! Fühlt Ihr nicht deren Vergänglichkeit, selbst dieser so fest gefügten irdischen Fläche, des ttberschwingenden, zu unserm vorübergleitende in Ergötzen mit so schönen Fenstern geschmückten Daches. Die Sonne, die täglich das Firmament durchzieht, sie ist nur e'ul gemaltes Phantasma im Vergleich 31t dem ewigen Fels von Christi Liebe." „Eure Worte sind mir töuenbe Schellen, Slar Guisseppe!" „Sie sind die Eures Glaubens, Sigilora." „Nein, nicht meines Glalibens," rief sie heftig. „Du weißt, ich bin nicht von Herzen Christin. Nein, keiner aus unserem Hause, obgleich sie es nicht wahrnehmenr. Mein Vater fastet zur Fastenzeit, aber der Heide Aristoteles nährt seine Gedanken. Rom zählt die Perlen seines Rosenkranzes und murmelt Paternoster, aber sein ursprünglicher Glaube hat sich in Entsagung verwandelt. Unser Kircheligepränge, ullsere Prozessionen, unsere glänzenden Feste, unsere Prachtgewäuder, lvas haben sie mit dem blaffen Christus zu thun, mit dem Du so thöricht wetteifern willst?" „Dann giebt es für mich, sogar unter den Christen — Arbeit." „Nein, nur Unglück würdest Du schaffeil mit den: leidenschaftslosen Geist Deines Glaubensbekenntnisses. Die Künstler sind es, die die Freude der Welt wiedererobert haben, welche die Seele der Schönheit in allen Dillgen empsindeil. Und obgleich sie heuchlerisch wähnten, die heilige Familie, die Kreuzigung, den Tod Jesu ulld das Abeildmahl zu malen, war es die Lieblichkeit der Welt, die ihre Kunst inspirirte. Ja, wahrhaftig, aus dem andächtigen Giotti da unten spricht der Stolz des Lebens, der Ruhm der meilschlichen Kuilst, der Frellde, der Farbe, die Würde des Mannes, die Anbetung der Musell. Ach, und habell unsere Edelleute selbst sich nicht als Apostel malen lassen, haben sie nicht ihre Gesichter 311 geweihteil Bildern verwenden lassen, haben sie nicht begriffen, daß diese religiöse Kulist nur ein Vorwand war? Ist Roul nicht von heidnischer Kunst erfüllt? Sind nicht Laokoon, Kleopatra uub die Venus sogar m den Orangegärten des Vatikans aufgestellt? „Und doch war und ist das Lieblingsmotiv Elirer Maler die Madoillla mld ihr Kind." „Ulld Venlls und Cupido wohl nicht?" „Nein, diese Spötter belügen die edle Signora di Frailchi." (Fortsetzung folgt) Leid Meitznachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) rst lange nach Mitternacht leerte sich die Schänke; endlich waren nur noch zwei Gäste da, aber die lagen unter dem Tisch, weil man sie nicht heimgeholt hatte. Und so ließ sie Leib wo sie wareil, nur daß er Jedem von ihnen llvch ein Bündel Heil unter den Kovf schob. Nun löschte er die Lichter und berieth mit Chane, wie sie morgen vor der Kasia den gemeinsameil Gmig 311 Mendele „Schadchen" verbergen sollten. Leib war in derlei Dingen hilflos, aber Chane wußte Rath. „Ganz einfach," sagte sie. „Wir sagell der „Goje", daß sie bis zlun Mittag dableiben muß, weil ich dem Mosche in Halicz die Zillsen zu bringen habe und Du in Jezupol einem Geschäft nachgehst. Du brichst früher auf, auf der Straße liach Jezllpol machst Du daliu den Umweg um das Dorf herum und holst mich am Wäldchen ein."

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