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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-24 · Heft 4 (24.1.1896) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 4 (24.1.1896)
Date
1896-01-24
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
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45 sogenannten Rutengange gefangen gab und von den Knaben unbarmherzig geschlagen wurde, weil er den Erlöser verkauft hatte." Nicht ganz so, aber ähnlich ist der Brauch in der polnischjüdischen Synagoge am Purim oder Hamansfeste, dessen ich mich noch aus meiner frühesten Kindheit erinnere. Dort wird nämlich an dem dem Purimfeste vorausgehendeu Abende, der ja nach jüdischer Vorstellung zum folgenden Tage gehört — was übrigens auch bei Weihnachten und Fastnacht der Fall ist —, wie an diesem selbst das Buch Esther, die Megillah („Rotte") genannt, vorgeleseu; und so oft nun der Name Haman. der hier sehr häufig vorkommt, gehört wird, lassen die anwesenden Knaben Knarren, „Gregger" genannt — woher das Wort stammt, weiß ich nicht — erschatten, die einen betäubenden Lärm machen, so daß der Vorleser der Megillah genöthigt ist, zu warten, bis das Geknarre anfhört. Anders schildert diesen Vorgang I. F. Schröder in seinem meist sachgemäß gehaltenen Buche „Satzungen und Gebräuche des talmudischrabbinischen Judenthnms". Bremen 1851 (S. 168). „Die Knaben," heißt es da, „haben einen hölzernen Hammer und vor sich Brettchen, auf welchem der Name Haman steht. So oft nun der Vorsänger diesen Namen nennt, schlagen die Kinder aus Leibeskräften mit dem Hammer auf denselben los. während die Erwachsenen dabei mit den Füßen stampfen, oder ebenfalls auf ihre Bänke klopfen, auf welche Manche jenen Namen geschrieben haben." Dagegen scheint mir ein anderer, der sich ebenfalls bei Christen und Juden findet, bei jenen von diesen entlehnt zu sein. Ich meine nämlich den von Schroller (a. a. O., S. 248) erwähnten früheren 'Brauch aus Oberschlesien, daß hier die Landleute am ersten Osterfeiertage Meerrettig löffelweise aßen. „Dies sollte an das bittere Leiden Christi erinnern." Dies scheint mir aber auf den altjüdischen Brauch zurückzngehen, der noch heute bei den Orthodoxen 311 finden ist, daß man auf Grund der Stelle 2. M., 12, 8: das Osterlamm mit nngesäriertem Brode, (den Mazzoth), und bitteren Kräutern zu essen, bei dem oben geschilderten Mahle an den beiden Passahabenden Merrettig ißt, mit der alten, bereits in der talmudischen Litteratur angegebenen Begründung, daß man sich durch das Essen der bitteren Kräuter daran erinnere, daß das Leben den alten Israeliten in Aegypten durch die ihnen auferlegte schwere Arbeit verbittert wurde. Ans alledem, glaube ich, geht zur Genüge hervor, daß trotz aller gegenseitigen, freiwilligen wie erzwungenen Abschließungen christlicherwie jüdischerseits dennoch im Laufe der Jahrhunderte genug gegenseitige Entlehnungen hüben wie drüben stattgefunden haben. --11—Hl— ■ H-II-' ns ul | PMi.ra FEUILLETON . I j -ii— -^-n—ii- Josef der Träumer. Erzählung von I. Zangwill. Autoristrte Uebersetzung von Frau Dr. Jda Wedell in Düsseldorf. III. 0 wurde der gelehrte Apostel, von seiner Sippschaft und Blutsverwandtschaft verleugnet, von der heiligen Kirche eifrig willkommen geheißen, um so wärmer, als er aus eigenem, innerem Antrieb kam und die jährlichen Goldstücke, mit denen die Päpste oft wahre Religion belohnten, zurückwies, dies Geld, welches das Ghetto für seine Abtrünnigen selbst zu zahlen hatte. Es war Mode, konvertirende Juden in großen Haufen, des größeren Ruhmes wegen, zu taufen, sie von auswärts heranzuholen, wenn einheimische Katechumenen selten waren, ja manchmal half man sich aus mit einem türkischen Proselyten. Aber Angesichts der Wichtigkeit des Zuwachses, der Wichtigkeit des Drei-Königsfestes, wurde beschloffen, Josef ben Manasse die Ehre einer Einzeltaufe zu Theil werden zu lassen. Die vorhergehenden Tage brachte er in einem Kloster zu, seinen neuen Glauben studirend, unfähig, mit seinen Eltern oder Glaubensgenossen zusammen zu kommen, selbst wenn er oder sie es gewünscht hätten. Das Edikt des Kardinals verbot ihm, in§ Ghetto zurück zu kehren, während der Probezeit mit seinem Volke zu effen, zu trinken, zu schlafen oder zu sprechen; die Peitsche, der Strick erwarteten ihn beim Eidesbruch. Am Tage näherten sich Rahel und Miriam dem Bereich des Klosters, in der Hoffnung, ihn zu Gesicht zu bekommen; näher denn neunzig Schritt durften sie sich bei Strafe der Bastonnade oder der Verbannung nicht wagen. Ein Wort 311 ihm, eine Botschaft, die ihn erreicht hätte, eine Bitte, er möge zurnckkehren — und der Sünder würde auf Lebenszeit zu den Galeeren verurtheilt worden sein. Das Drei-Königsfest rückte heran. Eine große Menge füllte die Basilika des Laterans. Der Papst selbst war anwesend und unter Scharlachpomp und schwellender Musik empfing Josef, erschüttert bis in die Tiefe seiner Seele, die Sakramente. Annibale de Franchi dessen stolzer Familienname fortan der Josefs sein sollte, stand Pathe, Der zelebrirende Kardinal gratnlirte den Gläubigen zu dem Wunder, welches unter ihren leibhaftigen Augen sich zugetragen hatte; und daun zog der Neophyte, in weißen Atlas gekleidet, langsam durch die Straßen Roms, auf daß alles Volk Zeuge werde, wie eine Seele für den wahren Glauben gerettet worden. Und in der Verzückung über die Verbindung der menschlichen Brüderlichkeit und der göttlichen Vaterschaft mit Christus, seinem Symbol, sah Guiseppe di Franchi nicht die dunkeln, hagern Gesichter seiner Brüder in der Menge, nicht den Haß, der in ihren düsteren Augen loderte, als die Prozession vorüberzog. Nur als er in jener Nacht vor dem Bilde des Gekreuzigten kniete, zog wie ein Traum jenes andere Ceremoniell in der Synagoge an seinem Auge vorüber, eine Szene, in ihrer Düsterheit weit eindrucksvoller, wie all' der Glanz des Kirchengepränges. Die Synagoge war ein verstecktes, äußerlich nicht von den Nachbarhäusern unterscheidbares Gebäude, innen glänzte Gold und Silber auf den Granatäpfeln und Glocken der Thorarollen, auf dem Vorhang, der die heiligen Lade bedeckte. Das Glas eines der Fenster, in den Farben der zwölf Stämme strahlend, stellte die Urim und Thummim dar. Im Vorhof stand ein Modell des alten Tempels von Jerusalem, mit wunderbarem Geschick ausgeführt, ein Denkmal dahingeschwundenen Ruhms. Der Rath der Sechzig hatte gesprochen. Josef ben Manasse traf die äußerste Strenge des jüdischen Gesetzes. Ganz Israel wurde zum Teinpel gerufen. Ein entsetzlicher Hauch von Furcht lag auf der Versammlung, in Grabesstille hielt ein Jeder eine schwarze Fackel, welche geheimnißvoll im Schatten der Synagoge flackerte. Ein Widderhorn ertönte schrill und schrecklich, und unter diesen erschütternden Tönen wurde das Anathema gegen den Geächteten geschlendert, dessen erschreckender Fluch ihm, ob lebend oder todt, jedes menschliche Recht entzog, und die Gemeindemitglieder riefen, indem sie ihre Fackeln verlöschten, „Amen". Manaffe wankte heim, um mit seinem Weibe auf der Erde zu sitzen und den Tod ihres Josef zu beweinen, während ein Todtenlicht, schwach glimmend, in einer Schale mit Oel schwamm, und die Gebete für das Seelenheil des Gestorbenen leidenschaftlich die vergiftete Luft des Ghetto durchtönten. Und Miriam, ihr Ma-

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