Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- Seite 44 (sequence 8)
- Language
- German
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44 Zukunft Israels, ausgeht, so möchte ich diese Armen mit ganz besonderem Nachdruck darin einLeziehen. Die spagnolischen Juden in der Türkei, unter denen ein Uebertritt zu einem anderen Religionsbekenntniß schlechterdings nicht vor-. kommt, scheinen mir die zuverlässigste Reserve-Armee des Judenthums zu sein. Wenn im Westen Zweig auf Zweig abfällt, wenn selbst unter den Juden in Rußland politischer Druck die nur allzu gefügigen Zweige knickt und in erstaunlicher Menge zum Brechen bringt, so verbleiben uns innner noch im Orient unbesiegbare Reserve-Truppen, deren mannhaftes Märtyrerthum vor 400 Jahren bereits die Feuerprobe glänzend bestanden hat. Wir sind der Alliance Israelite doppelt dankbar, daß sie mit dem glücklich inspirirten Silberblick - ihres unsterblichen Begründers Cremieux ihr Augenmerk vorwiegend , auf die Juden im Orient gerichtet hat, auf daß diese sephardische Judenheit mit den reichlichen Mitteln der Aschkenasim sittlich- . erziehlich gehoben und dadurch zugleich auch ökonomisch gestärkt wird.- Denn ich erblicke in ihr eher als etwa in der russischen Judenheit eines der letzten uneinnehmbaren Bollwerke des in seinem Bestand von Außen und Innen gleich sehr bedrängten Judenthums. Und vielleicht heißt es auch von den Juden im Orient dereinst wieder: ex Oriente lux! Jüdischer und allgemeiner Aberglaube. Von Dr. I. Babad, Bibliothekar in Greifswald. II. n Hochzeitsgebräuche schließt sich paffend an etwas über Namengebung, worüber in den „Mittheilungen" (a. a. O.. Nr. 3, S. 30 ff.) O. Jiriczek handelt: „Seelenglauben und Namengebung." Die „Macht des Namens" spielt auch bei den Inden" schon in alter Zeit eine Rolle. Wie sehr nian darauf bedacht war, daß der Name des Verstorbenen erhalten bleibe, zeigt schon die Stelle 5. M. 25., 5—10, wo die Bestimmungen über die Leviratsehe getroffen! werden. Und im Buche Ruth sagt Boas zu den Aeltesten (4, 10): „Auch Ruth, die Moabiterin, das Weib Machlons habe ich ■' mir zum Weibe erworben, um den Namen des Verstorbenen auf ' seinem Erbgut zu erhalten, daß nicht der Name des Verstorbenen verlösche unter seinen Brüdern und aus dem Thore seines Ortes." ' Daraus geht hervor, daß man darauf bedacht war, den Namen des tobten Angehörigen zu erhalten. Daher hat sich bei Juden stets, bei germanischen Völkern zuweilen (s. Wuttke, der delltsche Volksaberglaube der Gegenwart, S. 197) der Brauch erhalten, die Kinder nur nach verstorbenen Angehörigen zu benennen. Und so galt es von jeher — schon im dreizehnten Jahrhundert, wie das damals ent- - entstandene „Buch der Frommen" berichtet — wld gilt noch heute bei Juden als anstößig, ja es ist geradezu verpönt, die Kinder mit den Vornamen der Eltern zu benenneii. So heißt es dort schon: „Bei den Christen wird nichts arges darin gefunden, daß die Kinder die Vornamen der Eltern führeil, die Juden dagegen nehmen Anstoß daran." Es kommt aber trotzdem, um das nebenbei zu bemerken, vor, und zwar da, wo man, wie die Juden in Polen, die Ableitung der Namen nicht kennt. So kannte ich eine polnisch - jüdische Familie, in der der Vater „Hirsch" („Hersch") und der Sohn „Herz" - hieß — in hebräischen Buchstaben „Hirz" geschrieben —, das be- - kanntlich die mittelhochdeutsche Form Hirz (Hirsch) ist, (vergleiche die Ortsnamen: Herzberg und Hirschberg, Herzhorn und Hirschhorn), : das dort aber im Sinne von „traut, lieb, werth" (s. Grimm D.W.B., IV. B., 2 Abtheilung, Sp. 1223) höchst wahrscheinüch gebraucht wird, wie auch in der deutschen Umgangssprache „Herzchen" (niederdeutsch: Herzing) als Kosewort gebraucht wird. Jiriczek erwähnt (a. a. O., S. 34) „Fälle, in denen ein Kind den Namen eines vor Kurzem gestorbenen Verwandten, oder ein postumes Kind den seines Vaters erhält: so bekam Pipin der Kleine seinen Namen nach dem eben gestorbenen Großvater, Pipin von Heristal, Karl der Große nach Karl Martell u. a. m." Diese Sitte ist auch heute noch bei Juden ganz gewöhnlich, und zwar so, daß bei der Namengebung von neugeborenen Kindern die Namen der verstorbenen Großeltern oder auch Urgroßeltern, wenn erstere noch am Leben sind, einzig und allein in Betracht kommeli, dann erst die nächst verwandten verstorbenen Mitglieder der Familie. So rührt daher auch eine bekannte scherzhafte Redensart bei polnischen Juden, wenn von einem die Rede ist, von dem man nicht weiß, ob er noch am Leben ist oder nicht, der in Wahrheit aber längst todt ist: „me baißt schoin nach em" (man heißt schon nach ihm). Daher erklärt sich auch die interessante Erscheinung, daß bis auf den heutigen Tag, namentlich bei den osteuropäischen Juden, die am Alten zäher festhalten als die in Mittelunb Westeuropa wohnenden, sich noch Vornamen bis heute erhalten haben, unb zwar in derselben Form, wie sie vor Jahrhunderten in den verschiedensten Ländern ihres Aufenthalts bei ihnen in Gebrauch waren. Was endlich Namensänderungen, namentlich bei kranken Kindern betrifft, von denen auch Jiriczek (S. 33) spricht, so sind sie auch bei Juden zu finden, aber hier nicht blos bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen; gewöhnlich werden besonders Schwerkranke mit dem Namen „Alter" benannt, der also, wie gesagt, sich weiter vererbt und daher häufig dort zu finden ist; natürlich gilt hier besonders das Wort: „nomen et omen.“ Uebrigens kennt auch schon das Lateinische einen Seneca und das Griechische einen rEQÖvxioq. Freilich findet sich dieser erst in nachchristlicher Zeit, so daß, wie Theodor Reinach (Revue des etudes juives t. 26, p. 169) vermuthet, er die Uelersetzung eines hebräischen oder aramäischen Wortes von dieser Bedeutung ist, wie in der That in Babylonien: Saba („Alter") nicht blos die Ehre und Würde (vergl. alderniann primarius Senator, und noch heute in den Hansestädten), bezeichnet, sondern auch als Eigenname gebraucht wird. Zum Schluß sei noch ein Brauch bei den Juden in Polen erwähnt, der zweifellos auch christlicher Herkunft ist. Vogt frägt (a. a. O., Heft I Nr. 5, Seite 54) ob sich in Schlesien noch Spuren des ehemals in verschiedenen Gegenden üblichen Brennens, Schlagens, oder Hinabstürzens des „Judas" sich finde, und verweist auf das Buch von Schroller (Schlesien, Band III., Glogau, 1887) wo über diesen Brauch (S. 246) Folgendes berichtet wird: „Während der drei letzten Messen in der Karwoche werden zwölf Lichter, welche auf einem Dreizack stehen, allmählich ausgelöscht, während ein dreizehntes in der Mitte etwas höher angebrachtes, bis zur Auferstehung brennt. Wenn nun dieses endlich auch gelöscht wurde, so gab früher der Priester ein bestimmtes Zeichen, worauf sich eine Menge Knaben, die sich am Kirchthore versammelt hatten, aus der Kirche hinausstürzte und über den „Judas" herfiel. So nannte man z. B. in Glogau eine alte Tonne, welche sich die Knaben alljährlich erbettelten, um sienn lärmenden: Aufzuge bis zu einer bestimmten Stelle des Kirchhofes zu schleppen und mit Steinen und alten Töpfen solange zu bombardiren, bis sie endlich in Stücke zerbarst. Nachdem der Kirchendiener mit einer großen Klapper neben dem Altäre das Zeichen gegeben hatte, wurde der mit einer rothen Weste bekleidete Judas von Schulkindern mit Klappern und Schnarren unter großem Lärm bis vor die Stadt verfolgt, wo er sich in dem