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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-24 · Heft 4 (24.1.1896) · p. Seite 43

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 4 (24.1.1896)
Date
1896-01-24
Page
Seite 43 (sequence 7)
Language
German
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43 glückverlaffenes Leben zu der grauenvollen Thai Hinreißen ließ die Führer der reformsüchtigen, jungtürkischen Partei ohne Prozeß enthaupten und deren Leichname in den Bosporus werfen zu laßen. Seine Gutherzigkeit gegen die Juden kann für uns kein Grund sein, diese mittelalterliche Kaltherzigkeit gegen seine aufgeklärteren Unterthanen zu übersehen oder gar zu vertuschen. Als mir der ehrwürdige Rabbi, ununterbrochen Cigaretten rauchend und mir ständig allerlei Erfrischungen anbietend, seine sechs großen Orden auf einem seidenen Kissen, sowie das ihm vom Sultan gestiftete goldüberladene Gala-Kostüm mit wahrhaft orientalischer Naivetät vorweisend, von allen diesen Dingen mit schmunzelndem Behagen erzählte, konnte ich freilich nicht ahnen, daß das scheinbar so friedlich daliegende Konstantinopel in diesem Augenblick bereits einem innerpolitischen Krater glich, deffen Eruptionen sich bald genug in erschütternden Anzeichen bemerkbar machen sollten. An statistischem, nationalökonomischem und öffentlich rechtlichem Material verdanke ich dem Munde des Großrabbiners folgende Daten: Die Zahl der Juden in der gesammten Türkei wird auf rund 600 000 angegeben. Dazu treten noch die etwa 80 000 Juden in Hemen, welche ebenso wie sämmtliche Juden der Türkei in letzter Instanz der Jurisdiktion des Chacham Baschi in Konstantiuopel unterworfen sind. Wie überall, so stellen auch in der Türkei die Juden zu den größeren Städten das verhältnißmäßig bedeutendste Kontingent. Es seien hier die Großgemeiuden mit ihrer jüdischen Seelenzahl hervorgehoben. Wobei ich bemerke, daß die mir vom Chacham Baschi angegebenen Zahlen von denen der Alliance-Berichte wesentlich abweichen: Koustantinopel, einschließlich der ca. 5000 Aschkenasini 100 000 Seelen,*) Salonichi (ohne Umgebung) 50 000, Bagdad (auch diese Gemeinde untersteht unserm Chacham Baschi) 45 000, Jerusalem 40 000 (mehr als zwei Drittel der gesammten Bevölkerung), Smyrna (ohne Umgebung) 20000, Aleppo (Aram Zoba) 20 000, Damaskus 15000," Adriauopel 15000, Beyrut 10000. Größere Gemeinden befinden sich noch auf den Inseln Korfu, Kreta Rhodos und in Aegypten. Alexandrien zählt 10 000 jüdische Seelen (die, merkwürdig genug, unter österreichischem Schutze stehen) und Kairo gleichfalls 10000 Seelen (wovon ca. 4000 Armengenössige). Diese Ziffern zeigen bereits, daß für das türkische Binnenland eine verhältnißmäßig schwache jüdische Bevölkerung übrig bleibt. Doch giebt es an der neuen anatolischen Eisenbahnlinie, welche von einer deutschen Bank-Gruppe, an deren Spitze die Deutsche Bank steht, gebaut wird, recht ansehnliche Judengemeinden, wie beispielsweise Brnssa und Angora. Sollten sich die großen ökonomischen Hoffnungen, welche sich au den Bau dieser Bahn knüpfen, auch nur annähernd erfüllen, so dürften die unternehmendeil Juden den Löwenantheil davon trageil. Hier sollte man den Ueberschuß der erschreckend armen jüdischen Bevölkerung Konstantinopels rechtzeitig ansiedeln. Von der Armuth der Juden Konstantinopels kann man selbst bei ausgeprägter Begabung für Schwarzseherei und Graüingraumalerei kaum ein übertriebene^ Bild entwerfen. Konstantinopel ist nicht etwa wie Smyrna Sitz des Großhandels der Türkei, sondern nur das Centrum des Kleinhandels. Wenn ich hinzufüge, daß, seitdem Graf Camando nach Paris gezogen, die jüdische Gemeinde von 100 000 Seelen nach zuverlässiger Schätzung keinen einzigen Franken- Millionär aufweist, vielleicht nur ein halbes Dutzend Familien zu einer halben Million Franken und höchstens 100 Familien von 100 000 Franken, dann kann mau sich eine ungefähre Vorstellung von der erschreckenden Größe und Intensität des jüdischen Proletariats 0 Nach den Jahresberichten der Alliance sollen es blos 40,000 Seelen sein. in Konstantinopel machen. Die großeil Reichthümer, wie der Großhaildel überhaupt, liegen ausschließlich in den Händen der Griechen und Armenier, während die Juden nur den Detailhandel pflegen, dabei alle denkbaren Handwerke betreiben und daneben allerhand körperliche Arbeit verrichten. Wie man diesen Maffenpauperismus durch ein geeignetes nationalökonomisches Kolonisationssystem an die neue Bahnlinie zu kolonisiren habe, das scheint mir das dringendste soziale Problem für die nächste Zukunft der Juden in Konstantinopel zu sein. Hier, wie überall, sind Almosen nur vom Uebel. Weitausschauende, in großem Stile durchgeführte Kolouisirung allein kann hier durchgreifend die Lösung des Problems bewirken. Fragt man sich nun. wie dieses Armen-Budget gegenwärtig von den Juden Konstantinopels bestritten werden kann, so giebt uns die privatrechtliche Stellung der Juden in der Türkei darüber ausreichende Auskunft. Das gesammte Budget der Großgemeinde Konstantinopels ist, nämlich bei Lichte besehen, nichts weiter, als ein Armen-Budget. Oeffeutliche Bauten, Unterhaltung des Kultus, Bezahlung der Funktionäre liegen nämlich nicht der Gesammtgemeinde ob, sondern nur den etwa zwanzig kleinen Genleinden. Die Gesammtgemeinde, dereil Einnahmequellen bei blühendem Geschäftsgang ganz beträchtliche fein müssen, hat wesentlich nur die Aufgabe, die Armenlasten zu tragen, d. h. die einlausenden Mittel entsprechend zu vertheilen. Die kostspieligste aller Institutionen einer Großgemeinde: der Unterricht der Jugend, wird ja in Konstantinopel zum allergrößten Theil von der Alliance Israelite unterhalten, und damit wird das Budget der Gemeinde, die so gut wie nichts zum Unterricht beisteuert, entlastet. Die Einkünfte der Gemeinde bestehen weniger in direkten Steuern seitens ihrer wohlhabenden Mitglieder, denn aus der öffentlich-rechtlichen Funktion des Oberräbbinats.. Das Rabbinat ist nämlich in der Türkei für die Juden Gerichtshof, Standesamt, Katasteramt und Notariat zugleich. Wie der Scheikh für die Mohamedaner, so ist der Chacham für die Juden Richter und Priester in einer Person. Privatrechtlich ist es für Rechtsstreitigkeiten unter den Juden die erste, in gewissen Fällen sogar die letzte Instanz. Bei jedem Hauskauf unter Juden hat der Verkäufer, sofern er türkischer Unterthan ist, an die Gemeindekasse folgende Sätze zu entrichten : Bis zum Werth von 1000 Pfund 1 Prozent, bis 1500 Pfund tyfe Prozent, von da ab nur noch Prozent. Das Gleiche gilt von Hypotheken, sofern solche in der Türkei, die weder Grundbücher, noch Notare kennt, überhaupt möglich und zulässig sind. Jede Hypothek, die auf dem Amtsbüreau des Rabbinats überschrieben werden muß, bedingt genau die Hälfte jener Sätze, die beim Verkauf üblich sind, als: V'2, bis Vs Prozent. Außerdem ist eine direkte Stelwr auf die Mitgift gesetzt, die in der Regel, bei Wohlhabendern zumal, 3 Prozent der Mitgift beträgt. Ferner hat die Gemeinde ein indirektes Steuersystem auf die drei wichtigsten VN^-Artikel eingeführt: Fleisch, Wein und Käse. Mag man in seiner Steuerpolitik im Allgemeinen jeglicher indirekten Steuer, welche ja Reiche wie Arme in gleicher Höhe trifft, grundsätzlich abgeneigt sein, so wird man für die eigenartigen Perhältniffe in Konstaiüinopel diesem Steuersystem seine Anerkennung nicht versagen dürfen, da die Brodfrüchte hier nicht eingeschloffen sind. Fleisch, Wein und Käse find aber Luxus-Artikel, welche die jüdischen Proletarier in Konstantinopel doch wohl nur an Feiertagen zu Gesichte bekommeu, da aber werden sie ihnen gratis vertheilt! Wenn es als ebenso feinsinniges, lvie psychologisch tief begründetes Wort unserer Weisen gepriesen wird: Nehlnet die Armen unter euere Fittige, da wesentlich von ihnen die Lehre, d'. h. das Heil unb die

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