Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
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42 der Erfassung, Pflege und Förderung des deutschen Einheitsgedankens lehrreiches Material beizubringen in der Lage sein. Doch genug von den Einzelheiten! Es ist kaum zn hoffen, daß bei der vielfach anzutreffenden, durch pessimistische Erwägungen gestützten Gleichgiltigkeit die gegebene Anregung so bald in die That umgesetzt werden wird. Jndeß nur die Optimisten schassen Großes in der Welt, und die Pessimistin bilden die Zuschauergallerie. Daß das Komitee thatkräftig vorangeht und mit tüchtiger, Achtung erheischender Arbeit die Durchführung seines Planes begonnen hat, ist ein nicht genug zu schätzendes Verdienst. Möge dieses Beispiel eine gute Vorbedeutung für die Schaffung einer größeren, umfassenderen Centralstelle bilden — zur Ehre der deutschen Wissenschaft, zur Ehre der deutschen Juden! Die Juden in Konstantinspei. Von Prof. Dr. Ludwig Stein in Bern. IV. er Chacham Baschiwar von mir unbekannter Seite auf meine Anwesenheit in Konstantiuopel aufmerksam gemacht worden — und ließ mich in liebenswürdiger Weise durch seinen deutschen Sekretär, I. I. Sachs, einladen, entweder zu den Feiertagen sein Gast sein zu wollen, oder nach den Feiertagen bei ihm vorzusprechen. Er selbst verlasse sein Haus nur in den seltensten Fällen, in der Regel nur, wenn er zum Vortrag beim Sultan befohlen wird. Und so fuhr ich . denn unter einem Regenguß, den nicht einmal die einschmeichelnde Schönheit des Bosporus hinwegzaubern konnte, ans asiatische Ufer. Schon auf dem Schiffe machte mich ein Reisebegleiter auf die auffallend schöne, im türkischen Holzbaustil gehaltene, hart ani Meeresufer belegene Residenz des Oberrabbiners der Türkei aufmerksam. Der mich an der Schiffslände erwartende Herr Sachs führte mich vurch dieses armselige, nur von Inden bewohnte Dorf zum Palast seines Chefs. Ein Troß von Dienern, zum Theil alttestamentarischen Charakters, zum andern Theil aber auch schneidig betreßter, waffenstrotzender Türken, geleitete mich durch ein imposantes Vestibüle in den oberen Stock, wo sich das Empfangszimmer seiner Exzellenz des Großrabbiners Moses Levy befindet (als Inhaber des Osmanie- Ordens erster Klaffe kommt ihm nämlich das Prädikat Exzellenz zn). Dieser selbst, eine würdige Erscheinung mit wallendem weißen Bart, die Gesichtszüge von ausgeprägt spagnolischem Typus, saß oder kauerte vielmehr nach echter Türkenart mit gekreuzten Beinen in einer erkerartigen Nische des ringsherum mit Divanen ausgestatteten, mächtig großen Empfangszimmers. Die Unbeweglichkeit des ehrwürdigen Mannes, die durch seine hockende Stellung bedingt ist, muthet den Europäer gar absonderlich an. Den Gestenreichthmn der occidentalen Inden ersetzt er durch ein ungemein lebhaftes Spiel der klug dreinschallenden Augen, die neben jenem, den. spagnolischeu Juden eigenen melancholisch resignirten Zug grenzellloses Wohlwollen verrathen. Die Konversatioli, die zuilüchst nlit einer Erläuterung meiner Visitenkarte einsetzte, wird vorerst in einem höchst vollendeten Hebräisch von seiner, und einem uilglaublich gebrochenen von meiner Seite geführt. Zum Glück springt der aus Sachsell-Weimar stammende Herr Sachs bald genug ein, um als Dolmetsch zu dienen und ein lebhafteres Tempo der Konversation zu ermöglichen. Der ehrwürdige Mann hatte kurz vor meinem Besuche tief in das Leben greifende psychische Affekte an sich erfahren. Sechs Wochen vorher hatte er seine Gattin verloren, und vierzehn Tage vor meinem Besuche fand sn seinem Palazzo eine Doppelhochzeit seiner Enkelkinder statt, Sein Enkel Jeschua Bey und deffen Schwester, die einen Beamten des Auswärtigen Amtes, Abraham Effendi, sich zunl Gatten erkor, feierten am gleichen Tage, Sonntag, den 8. September d. I., ihre Doppelhochzeit, bei welcher Gelegeilheit der Sultall den jungen Paaren ein namhaftes Geldgeschenk überwies und aus dem ganzen Reiche sich etwa dreihundert Honoratioren als Hvchzeitsgäste einfanden. Von den unmittelbar voraufgegallgenen schmerzlichen Bewegungen und freudigen Wallungell merkte Ulan illdeß den unbegrenztes Gottvertrauen wiederspiegelilden Zügen des vornehmen Greises nichts an. Er erzählte mit sichtlichem Behagen den sonderbaren Hergang gelegeiltlich seiiler Wahlzum Großrabbiner der Türkei. Sümmtliche Jllden der Türkei hatten zu diesem Behufe Delegirte gewählt, die wieder ihrerseits in Konstantinopel ansässige Delegirte in der Höhe von zwanzig Mitgliedern erkoren, welche dem Sultan den geeignetsten Kandidaten präsentiren sollten. Als jedoch zwischen diesen zwanzig Delegirten keine Einigung zu erzielen war, so wurde unter den in Frage stehenden Kandidaten geloost. Das Loos aber entschied für ihn, der, zwar berühmter Familie entstammend, doch bisher nur einfacher Chacham in Haiskoi gewesen war, zudem außer der türkischen keine einzige europäische Sprache verstand, während die Rabbiner von Alexandrien und Kairo z. B. sich vortrefflich italienisch, resp. französisch unterhalten können. Durch sein schlichtes, geschlossenes Wesen hat es der gegenwärtige Chacham Baschi offenbar verstanden, sich in besonders hohem Grade die Gunst des herrschenden Sultans zu erringen. Er ist für seine Person von peinlicher Strenge in der Ausübung des Ceremoniells, die er auch von seinen Nachkommen, die in patriarchalischer Weise sämmtlich seine Hausgenossen sind, erwartet und fordert. Andern gegenüber legt er jene Toleranz an den Tag, die ihm vom Geist der Zeit abgernngen wird. Und als vor einiger Zeit eine von fünfzehnhundert meist aschkenasischen Israeliten Unterzeichnete Petition au den Sultan gerichtet wurde, in welcher die Petenten die Anstellung eines europäisch gebildeten Chacham Baschi erbaten und die Motivirnng hinznfügten, der fnngirende Großrabbiner sei der Gemeinde zu starrgläubig, da beschied der Sultan sogleich nach Eintreffen der Petition den Großrabbiner zu sich. Dieser, den Grund dieser plötzlichen Citation nicht ahnend, fiebernd vor Aufregung, begiebt sich sofort ins Aeldiz (Palast des gegenwärtigen Sultans). Schon im Vorzimmer erwartet ihn der Großvezier und überreicht ihm noch vor der Audienz den Großkordon des Sulmanie- Ordens (mit welchem, wie schon bemerkt, das Prädikat Exzellenz verbunden ist). Darauf wird er vorn Sultan huldvollst empfangen, und es wird ihm die gegen ihn gerichtete Petition überreicht. Lächelnd fügte der Sultan hinzu: „Erschrecken Sie nicht! Da Ihre ärgsten Feinde Ihnen nichts Schlimmeres nachzusagen vermochten, als daß Sie in der Ausübung Ihres Berufes streng nach den Vorschriften Ihrer Religion verfahren, so ist dies in meinen Angen keine Anklage, sondern eine Auszeichnung. Und da selbst Ihre Feinde Sie in dieser ungewollten 'Weise auszeichnen, so will ich dies auch von meiner Seite nicht unlerlassen. Abgesehen von dem hohen Orden, den ich Ihnen verliehen, werden Sie vom heutigen Tage au als kaiserlicher Beamter entsprechend von mir honorirt. Mein Schatzmeister ist angewiesen, Ihnen in Zukunft ein Monatsgehalt von 50 türkischen Pfund (10000 M. jährl.) auszuzahlen." Einer! schaurigen Komnrentar zu diesem auffallenden Gnadenbeweis hat der herrschende Sultan in der Zwischenzeit selbst geliefert. Er vergöttert nämlich alles Alte, verabscheut wie er alles Nene. Der Ingrimm gegen jeden Fortschritt steckt den sonst so gutartigen, weichseligen Herrscher, in welchem speziell die Inden der Türkei einen hochherzigen, edelgesinnten Fürsten verehren, so tief im Blute, daß er sich jüngst, aus krankhafter Angst urn sein armseliges