Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Berlin, Ä. Januar. ^^^nter allgemeinem Jubel wurde in dieser Woche der Gedenktag des Deutschen Reiches gefeiert. Nur die Sozialdemokraten und die Antisemiten brachten einen Mißtön in die Feier, indem sie auch an diesem Tage die Flamme des Hasses und der Zwietracht schürten. Es zeigt sich immer mehr, daß beide Parteien in ihrer Kampfcsart wie in ihren Tendenzen eigentlich zusammengehören, und die Zeit ist nicht fern, wo diese Erkenntniß allgemein durchdringen wird. Eine tüchtige Schlappe haben sich übrigens die Breslauer Antisemiten geholt. Eins ihrer Denunziationsstückchen hat in der letzten Sitzung der Breslauer Stadtverordneten - Versammlung die verdiente Abfertigung gefunden. Zu einer der kommunalen Streitfragen hatte im vergangeneil Jahr, der Ankalif des Rittergutes Weidenhof für Zwecke der städtischen Kanalisation gehört. Weil der Besitzer jenes Ritterglites ein Jude war, wurde die Sache für antisemitische Hetzereien ausgenutzt, und obwohl der Beschluß des Ankaufs nichts welliger als ein oktroyirter Parteibeschluß war, sondern z. B. viele Freisinnige dagegen gestimmt hatten, führte die „Schles. Ztg." in ihrer kommlinalen Neujahrsbetrachtung aus, diese Affaire habe in weiten Kreiseil den Eindruck eines neuen Beweises der „Solidarität jüdisch - freisinniger Jnteresseil" hinterlassen. Stadtverordneter Gothein, der freisiilnige Landtagsabgeordnete, brachte die Sache zur Sprache und bemerkte: Gerade in dem vorliegenden Falle liegt ja die Sache so, daß ohne Unterschied der Partei sich die verschiedenen Mitglieder der Versammlung bei der Abstimmung zusammengefunden haben, daß eine ganze Anzahl derjenigen Herren, die sich zur rechten Seite, den Nationalliberalen und Konservativen, rechnen, für diese Vorlage eingetreten sind, und . ebenso andere, die auf freisinnigem Boden stehen, sich entgegengesetzt geäußert haben Das Schwere an dieser Verdächtigung ist das Mißtrauen in die Ehrenhaftigkeit der Mitglieder unserer städtischen Behörden. Ich bedauere es auf das Tiefste, daß solche Ausführungen blos zu dem Zwecke gemacht werden, um Mißtrauen zu säen. Die „Schles. Ztg." hat zwar nicht gesagt, daß sie diese Ansicht hat, aber es ist zu beklagen, daß das genannte Blatt sich zum Weiterverbreiter einer solchen Perfidie macht. Ich habe geglaubt, daß man die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen soll, der Entrüstung Ausdruck zu geben, die ein derartiges Vorgehen veranlaßt. (Lebhafter Beifall.) Oberbürgermeister Bender theilte im Anschluß hieran mit, daß der Magistrat gegen die „Schles. Ztg." Strafantrag gestellt hat, und kritisirte das Verhalten des freikonservativell Blattes wie folgt: „Es ist dies das Stärkste, was mir in meinem kommunalen Leben vorgekommen ist, daß in dieser Weise die Vertreter einer Hauptstadt charakteristrt werden. Dies ist ein so infamer Vorwurf, wie er schlimmer nicht gedacht werden kann, und man muß erstaunen, daß solche Vorwürfe aus Kreisen kommen, die man als anständige Leute behandelt. Es ist traurig, daß gerade die Kreise, die am geflissentlichsten sich davor zurückziehen, eine öffentliche Verantwortung zu übernehmen, gar nicht mehr schüchtern find, wenn es gilt, öffentlich zu verleumden. Gegen diese Richtung, die den Boden untergräbt, auf dem wir arbeiten, müssen wir Front machen. Wir find natürlich über den erhobenen Vorwurf erhaben, aber wir find es der Oeffentlichkeit schuldig, dagegen aufzutreten, und wir werden den Versuch machen, ein gerichtliches Einschreiten herbeizuführen, um Klarheit darüber zu schaffen, ob an der Verdächtigung auch nur ein Körnchen Wahrheit ist." Wie die „Bresl. Ztg." übrigens feststellt, war der Ankauf des Ritterguts Weideuhof gerade von konservativer Seite angeregt worden. * Eine wunderliche Meldung bringt die Wiener „Neue Freie Presse" auf dem Umwege über Belgien. In Brüssel wurde nämlich einem Juden aus angesehener Familie, der sich zur Ablegung des diplomatischen Examens gemeldet hatte, bedeutet, er könne sich die Prüfung ersparen, da einem stillschweigenden Übereinkommen aller Regierungen zufolge kein Jude zu einer diplomatischen Stellung zugelassen werde. Schade, daß mcm dem Bewerber nicht auch den Grund dieser Gepflogenheit sagte! Das hieße also zngeben, daß der Jude unfähig sei, eine Vertrauensstellung im diplomatischen Dienst zu bekleiden. Die Nachricht tritt ziemlich positiv auf, aber au das „Uebereinkommen" glauben wir doch nicht. England, Italien und Amerika haben wiederholt jüdische Diplomaten an die Höfe von Wen, Paris, Bukarest, Konstantinopel n. s. w. geschickt, und man hat nicht gehört daß sich die Regierungen geweigert hätten, sie anzuerkennen. * Also auch in die Schweiz soll der Antisemitismus zollfrei importirt werden. Der Berner „Bund" schrieb dieser Tage: „In letzter Zeit will sich der Antisemitismus bei uns regen; auf unseren Redaktionstisch flattert ein kleines Fetzchen Papier, auf dem eine sogenannte „Verbrechen-Statistik" steht, die — nicht etwa die Verbrechen — sondern die Anklagen auf die Konfessionen vertheilt und herausfindet, daß die Katholiken prozentual verbrecherischer angelegt find als die Evangelischen, die Juden aber wahre Scheusale von Delinquenten. Woher diese Statistik kommt, aus welchem Lande, wie die Gruppirung vorgenommen ist u. s. w. verschweigt das Blättchen sorgfältig. Es wird uns aber versichert — und das veranlaßt uns, die Sache niedriger zu hängen —, daß diese „Statistik" von Herisau aus in Tausenden von Exemplaren verbreitet werde. Wir glauben zwar nicht, daß bei dem Bildungsniveau unserer Bevölkerung diese plumpe, aus Norddeutschland importirte Agitation Erfolg haben wird; es liegt aber im Interesse der Erhaltung des konfessionellen Friedens, auch den Anfängen zu wehren; wir bitten deshalb Alle, an die solche Machwerke gelangen, uns davon Mittheilung zu machen und womöglich den Absender zu nennen. Im Licht der Oeffentlichkeit wird man die Gesellen bald erkennen, die dahinter stecken". Auch wir theilen diesen Wunsch, aber weniger das Vertrauen in seine Erfüllung. Wer mit angesehen hat, was systematische Verhetzung vermag, der bringt den Vertröstungen auf den gesunden Sinn und die erlesene Bildung nicht mehr so viel Vertrauen entgegen. Aas Fehrerlrefotdungsgeseh. Von M. Steinhardt in Magdeburg. treffender Weise wurde jüngst in einem Leitartikel dieser Zeitung auf die bedrängte Lage der jüdischen Lehrerschaft mit den Worten hingewiesen, daß, so große Unterlassungssünden auch die Gesetzgebung vieler Bundesstaaten gegen die Volksschnllehrer aufzuweisen habe, die jüdische Lehrerschaft dennoch mit stillem Neide ans jene vom Staate angestellten Lehrer blicke und ihr Loos gern mit dem jener vertauschen möchte. Diese Worte erhalten noch eine besondere Berechtigung angesichts des soeben von der preußischen Regierung dem Abgeordnetenhause vorgelegten Entwurfes eines Lehrerbesoldungsgesetzes. Bekanntlich hat unter dem Eindrücke der Niederlage, die der Zedlitzsche Volksschulgesetzentwurf erlitt und welche zum Rücktritt des damaligen Kultusministers führte, sein Nachfolger bisher auf eine Neubelebung dieses Entwurfs verzichtet. Die materielle Lage der preußischen Volksschullehrer ist jedoch zur Zeit eine derartig bedrängte