Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1896)
- Date
- 1896-01-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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f f 60. Jahrgang. Nr. 4. fr Berlin, 24. Januar 1896. Gin unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, P oft oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nalilnner D- Ludwig Philippson-Konn. VerlagL-Vrpedition: Lerim, Lerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fllr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Zudenthums", Berlin SWJerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. ÄUhal-f. Leitartikel: Wer macht Rischus? — Die Woche. — Das Lebrerbesoldungs-Gesetz. Bon M. Steinhardt.— Protokoll der?. Jahresversammlung des Vereins jüdischer Lehrer der Ostvrovinzen. — Rheinische Lehrer-Konferenz. — Pfälzische Lehrer-Konferenz. — Die Juden in Deutschland. Von Dr. Max Ap t. — Die Juden in Konstantinopel. IV. Von Pros. Dr. Ludwig Stein. —Jüdischer und allgemeiner Aberglaube. II. Von Dr. I. Babad. — Feuilleton: Josef der Trätimer. Erzählung von I. Zangwill. — Leib Weihnacktskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. — Litterarische Mitlheilungerr. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin. Samter, Breslau. Hannover. Leipzig. München, Wien. Budapest, New-Bork. — Bon Nah nnd Fern. — Miscellen. — Briefkasten der Redaktion. Mer macht Uischus? Berlin^ 21. Januar. 8 ist eine traurige Errungenschaft der letzten zwanzig Jahre, daß man weder über die etymologische, noch über die ethische Bedeutung des Wortes Rischus heute eine nähere Erklärung zu geben braucht. Wir haben es genugsam erfahren, was das Wort zu bedeuten hat, und . jeder Jlide führt es heut im Munde, auch selbst solche, die sonst mit der hebräischen Sprache auf sehr gespanntem Fuße stehen. Je mehr wir aber darin einig sind, was das Wort zu bedeuten habe, desto weniger tönneil wir zu einer einheitlichen Anschauung darüber gelangen, wer von uns die nieiste Veranlassung dazu giebt, daß der Haß oder die Abneigung gegen die Juden als Religion wie als Rasse noch immer seine verheerende Wirkung ausübt. Es ilnterliegt keinem Zweifel, das; Diejenigen am meisten dazu beitragen, das Rischus zll begründen und zu erhalten, welche, durch Unredlichkeit in Handel und Wandel, durch auffälliges, vordringliches Betragen die Ehre und den Namen unserer Glauöensgemeinde schänden. Wir haben dafür den klassischen Ausdruck: Chilul haschem, der klarer als die umfassendsten Kommentare das ausdrückt,, was jeder Jude einem solchen Treiben gegenüber empfindet. Darüber kann also kein Streit obwalten. Eine Meinungsverschiedenheit kann nur darüber entstehen, ob nicht die Hervorhebung gewisser Stammeseigenthümlichkeiten. die scharfe Betonung religiöser Momente, die uns von den Nichtjuden trennen, die Bemühungen, das Jndenthum in seiner vollen Kraft und in all seinen Institutionen zu erhalten, die bereits herrschenden Gegensätze verschärfe und dadurch das Rischus Hervorrufe. Hier gehen allerdings die Meinungen sehr weit auseinander. Der harte Kampf, den wir jetzt schon fast zwei Jahrzehnte, zu führen haben, hat eine seltsame Begriffsverwirrung. erzeugt. Es giebt Leute, die da glauben, das Lesen eines jüdischen Blattes im Eisenbahn-Koupee oder in der Pferdebahn erzeuge Rischus; ja,> wir kennen sogar seltsame Käuze, die die Begründung eines Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur in diesem Sinne für gefährlich halten, und wieder andere, die es nicht wagen, Vorträge über Juden und Judenthum, wohlthätige Veranstaltungen und gottesdienstliche Einrichtungen in den Tagesblättern anzuzeigen, weil sie fürchten, daß dadurch bei den nichtjüdischen Mitbürgern Rischus erzeugt werde. Nichts kann thörichter sein als eine solche Befürchtung, denn all diese Momente können nur dort den Haß zu Tage fördern, wo der Rischusbazillus schon tief im Blute sitzt. Nicht der fromme, glaubenstreue, für seine Geschichte und sein Schriftthum begeisterte Jude' verbreitet den Krankheitsstoff, sondern viel eher Derjenige, welcher mit Ostentation seinen Glauben verleugnet, fremde Gebräuche nachüfft oder gär mit seiner Abtrünnigkeit prahlt. Alle anständigen Nichtjuden aber achten Den, der ruhig - und bescheiden seines Weges geht, der die Fahne seines Glaubens hoch hält, der für die Erhaltung seiner Religion Sorge trägt, der sich nicht anfdrängt und nicht vordrängt und dessen eifriges Bemühen, im Gegensatz zu den Anderen, ist und bleibt: Kidusch haschem im Leben zu verbreiten. Es giebt aber noch ein anderes. Gebiet, aus welchem bezüglich . der Erregung von Rischus Meinungsverschiedenheiten obwalten, nämlich in der Bekämpfung der antisemitischen Tagesströmungen. Man kann hier ruhig das alte Sprichwort: lot eapita tot 8snsu8 anwenden. In den ersten Jahren haben Viele geglaubt, daß man gegen die antisemitische Strömung überhaupt nicht öffentlich ankämpfen solle; der Verlauf der Begebenheiten hat diese Zweifler nur zu bald eines Besseren belehrt. Aber noch heute gehen die Meinungen über die Art und Form dieses Kampfes weit auseinander. Wir fürchten oder hoffen, daß eine Einigung erst dann erzielt wird, wenn es mit dem Antisemitismus überhaupt zu Ende geht. Unsere, die Aufgabe aller redlichen Juden muß es sein und bleiben, unbeirrt von allen Strömungen und Launen des Tages, in Lehre und Leben, in Handel und Wandel, im Verkehr und in der Gesellschaft das Judenthum zu Ehren zu bringen. Wir haben alle Schroffheiten zu glätten, die Extreme zu dämpfen, das Eckige, das Manchem noch hier und da anhaftet, abzuschleifen, die höchste Sorgfalt auf Form und Sprache und das ästhetische Element, auf Ordnung und Geschmack zu verlvenden, kurz, überall aus der Jsolirung hervorzutreteu und dadurch allen Anfeindungen und mißgünstigen Kritiken die Spitze abzubrechen. In diesem und nur in diesem Sinne verstehen wir das Wort Assimilation, und in dieser Bedeutung wird es auch von keinem, selbst von dem orthodoxesten Juden, dem die Ehre seines Stammes und die Zukunft des Judenthums am Herzen liegt, bekämpft werden. Die Frage, wer macht Rischus? ist dann eine müßige, die sich von selbst beantwortet. Der Wunsch aber, daß sie in nicht zu ferner Zeit überhaupt gegenstandslos werde, wird sicher von Allen getheilt werden.