Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 sollen Steine und Erde nach ihm geworfen worden sein. Wir konnten und wollten vorstehenden uns zugehenden Bericht fast nicht glauben, aber die katholische „Volkszeitung" bestätigt denselben. Sie bezeichnet das Verhalten des Pöbels am Kirchhofe als geradezu „kannibalisch" und fügt hinzu, daß die verstorbene Frau sowie die ganze Familie allgemein geachtet und beliebt gewesen. Die Entrüstung unter der Einwohnerschaft Stolbergs ist denn auch allgemein. K. Hannover, im Januar. Der Vorstand und die Direktion der Unterstützungskasse für jüdische Lehrer, deren Wittwen und Waisen in der Provinz Hannover veröffentlichen den zehnten Jahresbericht der Kasse, der sich über den Zeitraum vom 1. Januar 1893 bis 31. Dezember 1894 erstreckt. Wir entnehmen demselben, daß sich in diesen beiden Rechnungsjahren die Einnahmen für den unangreifbaren Fonds auf 558 M. 15 Pf. resp. 1185 M. 12 Pf. und für den angreifbaren Fonds auf 4472 M. 20 Pf. resp. 4723 M. 85 Pf. belaufen haben, der unangreifbare Fonds betrug am 1. Januar 1895 die Summe von 51,796 M. 53 Pf. Die Einnahmen setzen sich zusammen aus den Zinsen des unangreifbaren Fonds, die infolge der Herabsetzung des Zinsfußes von 1809 M. 83 Pf. im Jahre 1893 auf 1486 M 65 Pf. in 1894^zurückgegangen sind; aus Beiträgen von Mitgliedern 663 M. 37 Pf. resp. 693 Bi. 37 Pf; aus Beiträgen von Gemeinden, Beiträgen von Privaten und Spenden in der Synagoge, wozu von 1894 an eine Jahresrente aus der Kommerzienrath Blumenthal'schen Stiftung von 600 Mark kommt. Wir wollen hier beiläufig bemerken, daß auffälliger Weise die Gemeinden der beiden Rabbinate Hildesheim und Emden mit Beiträgen fast gar nicht vertreten sind, obgleich auch ihnen die Wohlthaten des Vereins zu Gute kommen. Die Mittheilung, daß die landesherrliche Genehmigung zur Annahme der Schenkung von 10-12,000 M. der am 19. Dezb. 1893 verstorbenen Frau Georgine Jacobsohn zu Stolzenau in diesen Tagen eingetroffen ist, ist um so erfreulicher, als die Ausgaben an Unterstützungen für emeritirte Lehrer und deren Wittwen und Waisen fortschreitend gewachsen sind. Im Jahre 1893 sind für 5 emeritirte Lehrer und 8 Lehrerwittwen 4807 M. ausgezahlt; ein emeritirter Lehrer, der 486 M. bezog, verstarb, es traten aber während des folgenden Jahres zwei Lehrer in Ruhestand, so daß 1894 6 emeritirte Lehrer und 8 Lehrerwittwen 4875 Mark aus der Kasse erhielten und für, das nächste Jahr werden die Anforderungen noch steigen, da noch weitere zwei Lehrer sich haben pensioniren lassen. Die Bitte des Vorstandes an alle Gemeinden der Provinz, eine so segensreich wirkende Einrichtung nach Kräften zu unterstützen, wie es in dankenswerther Weise in der Synagogengemeinde Hannor er geschieht, wird hoffentlich die verdiente Beachtung finden. =*= Hamm, 11. Januar. Im Saale der Harmonie-Gesellschaft hatten sich am 7. d. M. Abends die städtischen Kollegien und Bürger der Stadt eingesunden, um das Jubiläum eines Mannes festlich zu begehen, der seine Kräfte 25 Jahre lang den Interessen der Stadt in hervorragender Weise gewidmet hat: des Rathsherrn Moritz Bacharach. An berufener Stätte — im Sitzungssaals der Stadtverordneten-Versammlung — war der Verdienste des Herrn Jubilars ja bereits gedacht und der Dank der städtischen Vertretung in beredten Worten seitens des Herrn Vorstehers ausgesprochen worden. Den ersten Trinkspruch brachte Herr Bürgermeister Matthaei auf den Jubilar aus: Jubelnd stimmten die Festtheilnehmer in das Hoch ein. Dasselbe war kaum verklungen, als der Jubilar selbst das Wort nahm und auf die Stadt Hamm toastete. Nachdem auch dieses brausende Hoch verklungen, nahm Herr Dr. Borberg das Wort, um in schwungvoller Weise der Familie des Jubilars zu gedenken. Herr Gerichtsasseffor Bacharach dankte für den der Familie gewidmeten Trinkspruch und schloß mit einem Hoch auf die städtischen Behörden. Das Fest nahm einen sehr schönen Verlauf. Aus Anlaß der 25jährigen Angehörigkeit zu den städtischen Kollegien hat Herr M. Bacharach außer der Stiftung von 10 000 Mark noch in hochherziger Weise je 400 Mark für die Frauen-Vereine evangelischer und katholischer Abtheilung, sowie 400 Mark für Arme der jüdischen Gemeinde gestiftet. .▲ Frankfurt a. M., 15. Januar. Heute starb hier in seinem 69. Lebensjahr der Chef des Hauses I. u. S. Goldschmidt, der Antiquitätenhändler Selig Goldschmidt. Er marin engster Bedeutung des Wortes ein Selfmademan. Vor ungefähr 45 Jahren nach Frankfurt gekommen, verstand er es im Verein mit seinen vor 2(F. Jahren verstorbenen Bruder, ein Handelshaus zu gründen, daß mit der Zeit einen Weltruf erworben hat. Aber mehr als das hat seine unbegrenzte Wohlthätigkeit, wie er sie übte, und der Gemein sinn, den er bei allen öffentlichen Angelegenheiten bethätigte, ihm die Achtung seiner Mitbürger erworben. Viele Stiftungen sind von ihm begründet worden, die israelitische Volsschule verdankt ihm den vor einigen Jahren aufgeführten Neubau, wohl kein Verein unserer Stadt vermißt seinen Namen als Wohlthäter und Förderer, und noch jüngst erfuhr man von den werthvollen Zuwendungen, die er dem hiesigen Archiv und dem Kunstgewerbemuseum, sowie der israelitischen Gemeinde seiner Heimath gemacht. Ehre seinem Andenken! i'f. Stuttgart, 12. Januar. Der Unterstützungsverein israelitischer Lehrer und Vorsänger Württembergs versendet seinen 16. Rechenschaftsbericht. Auf der letzten ordentlichen Generalversammlung wurde über die Frage der Statutenänderung und den Anschluß an den geplanten Verband der israelitischen Lehrervereine Deutschlands mit dem Ergebniß verhandelt: in ersterer Hinsicht an den altbewährten Vereinssatzungen nicht zu rütteln, im letzteren Punkte aber — unter Wahrung aller eigenen Selbstständigkeit auf dem Gebiete der materiellen Unterstützung — an dem Zusammenschluß der deutsch-israelitischen Lehrervereine thätigen Antheil zu nehmen. Die statutengemäß abgehaltene Neuwahl des Ausschusses ergab für die Periode 1895/98 die Wiederwahl sämmtlicher bisheriger Ausschußmitglieder, nämlich der Herren Stern-Eßlingen, Metzger-Cannstatt, Schmal-Ludwigsburg, Frank-Weikersheim, Straßburger-Buchau, Forchheimer-Ermsbach und Preßburger-Creglingen. — Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund in Berlin subventionirte den Verein auch im Berichtsjahre. Die Königin von Württemberg spendete zum Grundstock des Vereinsvermögens im Berichtsjahre wiederum wie früher 25 Mark, die durch Herrn Bankier G. Sontheimer in Stuttgart übergeben wurden. Die Einnahmen beliefen sich auf 6161 Mark, die Aktivkapitalien betragen 46 357 Mark, die Ausgaben 2968 Mark. 10 Wittwen mit ihren Waisen genossen die Beihilfe des Vereins; dazu kam eine Anzahl anderweitiger Unterstützungen im Rahmen der Vereinsaufgabe. Oesterreich - Ungarn. □ Wie», 13. Januar. Unter der Anklage, die öffentliche Ruhe durch acht Predigten gegen die Juden gestört zu haben, stand heute der Pfarrer Deckert vor dem Schwurgericht. Die Anklageschrift zählte besonders heftige Stellen gegen die Inden auf, welche n. a. „Geißel Gottes für das christliche Volk" genannt werden. Deckert erklärte, über Priester, die gefehlt habeil, könnte allein die Kirche nrtheilen; er vertheidige sich nur, um das Recht der freien Meinungsäußerung zu wahren. Die Geschworenen verneinten die Schnldfrage nach kurzer Berathung einstimmig, worauf Deckert freigesprochen wurde. Kommentar überflüssig. Der niederösterreichische Landtag -- besser gesagt, die Radaumacher desselben, halten, was sie versprochen, wirklich ein, denn an lärmenden Sitzungen fehlt's bis nun nicht, die Herren Gregorig, Steiner und Genossen thun das ihrige dazu. — In Budapest hat der Handelsminister im Verein mit dem Minister des Innern dem in Paris erscheinenden, dem bekannten französischen Antisemitenführer Drumont gehörenden Blatte „La libre Parole" wegen dessen staatsfeindlicher Tendenz den Postdebit entzogen. — Ein Pester Blatt („Nemzet") veröffentlicht einen Brief von Dr. Reinkens, dem verstorbenen Bonner altkatholischen Bischof, an Leopold Lipschitz, Rabbiner in Abacy-Szanto, bezüglich des „Ritualmordes". Reinkens betont als absolut sinnlos das ganze Märchen vom rituellen Mord, welches durch die Geschichte längst dementirt wurde und nur im fanatischen Mittelalter entstand. Ueber Diejenigen, die solche Anklagen verbreiten, äußert sich Reinkens mit Ekel und meint, sie verdienen nicht, als Christen betrachtet zu werden. Er ermächtigt den Rabbiner, diesen seinen Brief nach Gutdünken zu benützen. — Der antisemitische Tischlermeister Zelniczek, der seinen Arbeitern verbot, ihre Einkäufe bei dem jüdischen Händler zu besorgen,, wurde zu 24 Stunden Arrestes verurtheilt. — Der den Lesern d. Bl. wohlbekannte ehemalige Religionsprofessor des akademischen Gymnasiums, Professor S. Hammerschlag, feierte neulich seinen 70. Geburtstag in vollster Körper- und Geislesfrische. Professor Hammerschlag, der zahlreiche ehemalige Schüler hat, die hervorragende soziale Stellungen bekleiden, wurde von diesen theils persönlich, theils