Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Lande Europas. An der Hand der Geschichte widerlegt Herr Levinstein die Behauptung Nenans, daß das Judenthum ein morscher Stamm geworden sei, und kommt auf die erhabene Mission der Inden zu sprechen, die nicht eher ersüllt sei, als bis die Grundsätze der Liebe und Gerechtigkeit, die in den Testamenten seiner großen Verkünder stehen, an Stelle jener unleidlichen Zustände und Verhältnisse treten, die noch heute aus der schönen Erde einen Kampfplatz für alle menschlichen und unmenschlichen Leidenschaften machen, und so lange, schloß der Redner, werden die Kinder Israels leiden und dulden müssen und so lange werden die Wogell des Antisemitismus auf und niedergehen. Die zahlreiche Versammlung folgte den von wärmster Begeisterung getragenen Worten des Vortragenden (der Vortrag soll demnächst im Druck erscheinen) mit gespannter Ausmerksanlkeit uild lohnte denselben durch aufrichtigen reichen Beifall. Wir freuen uns, in Herrll Gustav Levinstein einen beredten und sachkundigen Kämpfer für die Sache des Judenthums begrüßen zu können. B. Berlin, 14. Januar. Das statistische Jahrbuch der Stadt Berlin gestattet einen interessanten Rückblick auf die Entwickelung der Schulen und den Besuch derselben durch jüdische Schüler während der letzten fünf Jahre. Da die Gemeinde stark wuchs, so mußten auch die Zahlen der jüdischen Schulkinder stark wachsen, aber, und das verdient sehr betont zu werden, nicht die jüdischen Schüler der Gymnasien vermehrten sich, sondern diejenigen der Gemeindeschulen und der Mittelschulen. Man ist im Allgemeinen geneigt, das Gegentheil anzunehmell und aus der günstigen sozialen Lage der Berliner Juden zu erklären Ist aber diese Erklärung richtig, so muß der neue Zuzug der Juden von auswärts vorzugsweise die unteren Schichten verstärkt haben. Die genauen Zahlen sind folgende: Knabenschulen. 3839 189J 1891 1892 18915 Gymnasien. 1867 1865 1843 1853 1852 Realgymnasien und Oberrealschulen . 812 848 895 888 894 Bürgerschulen. 171 288 302 289 333 Vorschulen. 797 855 91.1 919 Gemeindeschulen. 1405 1431 1483' 1505 1559 Jüdische Gemeindeschule. 586 600 607 612 599 Höhere Privatschulen. 472 511 492 470 443 Mittlere Privatschulen. 150 78. 69 76 66 6236 Mädchenschulen. 6368 6546 6604 6665 1889 1890 1891 1892 1893 Höhere öffentliche Schulen . . . . . 1670 1732 1771 1784 1805 Gemeindeschulen.. > . 1666 1706 1725 1725 1747 Jüdische Genieindeschule . . . . . 327 364 411 423 411 Höhere Privat schulen. 1771 1816 1848 1803 1745 Mittlere und niedere Pnvntschulen . . 152 167 178 185 195 5586 5785 5933 5920 5903 Es betrug demnach der Zuwachs bei den Knaben 429, wovon auf die höheren Schulen 184, auf die niederen 245 Knaben kamen. Bei den Mädchen wuchs die Gesanrmtzahl um 317, wovon auf die niederen Schlllen 208, auf die höheren 109 Kinder entfallen. Also bei den Mädchen zeigt sich diese Bewegung noch stärker zu Gunsten der unteren Schulen, als bei den Knaben. e. Lissa, 13. Januar. Heute feierte der erste Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde, der Kaufmann und Kürfchnerobermeister Herr Louis Vieberfeld, sein 50jähriges Meisterjubiläum. Aus diesem Anlasse sind ihm verschiedene Ehrungen zu Theil geworden. Der Vorstand der Kürschnerinnung überreichte durch eine Deputation einen mit entsprechender Widmung versehenen silbernen Pokal. Namens der Stadtvertretung, der der Jubilar angehört, erschienen die Herren Oberbürgermeister Herrmann, Stadtrath Jakubowski und Stadtverordnetenvorsteher Kanzleirath Grundmann. Herr' Landrath von Hellmann gratulirte im eigenen Namen, sowie im ausdrücklichen Aufträge des Herrn- Regierungspräsidenten. Auch der Vorstand der Synagogengemeinde ließ es sich nicht nehmen, seinem verdienstvollen Mitglieds durch eine Deputation zu gratuliren. X Gollantfch, im Januar. Eine Deputation des Kriegervereins zu Samotschin hat anläßlich der 26jährigen Wiederkehr des Todestages des Sekondelieutenants Sali Cohn, der während des französischen Krieges im Lazareth in Chatenois bei Belfort verstorben und dessen Leiche nach Samotschin überführt worden ist, sein Grab mit frischen Blumen geschmückt und auf demselben einen Kranz mit weißer Atlasschleife und der Widmung: „In dankbarer Erinnerung, der Kriegerverein" niedergelegt. — In Rakel ist wiederholt zum Stadtverordneten- Vorsteher gewählt worden Herr Bärwald, ebenso in Jnowrazlaw Herr Levy und neugewählt in Wreschen Herr Rechtsanwalt und Notar Paper; ebenso Kaufmann Lippmann in Wronke zum Vorsteher des Büreaus. — Die Gemeinde Land eck in Westpreußen beabsichtigt eine neue Synagoge zu erbauen. — Inder Hirsch-Aron'schen Stiftung soll die Stelle eines Klausrabbiners wieder besetzt werden. Der Testator hat zu diesem Zweck 11 040 Mark zinslich zu 4^ Prozent angelegt. — Wegen einige Formfehler sind die Repräsentantenwahlen in Könitz für ungiltig erklärt worden. G. Breslau, 5. Januar. Am 1. d. Mts. feierte der Inspektor unseres Waisenhauses. Herr Michael Silberstein, das fünfundzwanzigjährige Jubiläum. . Die zahlreichen Freunde und Verehrer desselben, an ihrer Spitze der Vorstand der Israelitischen Waisenanstalt, ließen es sich nicht nehmen, den Tag festlich zu begehen. Zahlreiche Geschenke, Telegramme und Briefe aus aller Herren Länder in Europa und jenseits des Ozeans zeigten dein Jubilar von Neuem, wie Jeder, der in seiner Nähe geweilt, gern eine Gelegenheit ergreift, seiner dankbaren Gesinnung Ausoruck zu geben. Diese Verehrung und unveränderliche Freundschaft der Nahen und Fernen ist aber nur ein Ergebniß der stets treuen Pflichterfüllung, welche einen Hauptcharakterzug des Mannes bildet, der beim Eintritt in sein Amt zwar durch das Aller befestigte, aber für eine Breslauer Waisenanstalt durchaus nicht zufriedenstellende Zustände vorfand, des Mannes, der nicht ruhte und nicht rastete, bis er mit Hilfe munifizenter Wohlthäter den Waisenkindern ein Heim eröffnen konnte, das allen Anforderungen der Neuzeit entspricht; im Jahre 1882 war es dem Jubilar ' gegönnt, aus dem Munde Ihrer Majestät, der Kaiserin, damaligen Kronprinzessin Friedrich, die während ihrer Anwesenheit in Breslau die Anstalt besuchte, den Ausdruck der Allerhöchsten Zufriedenheit entgegennehmen zu dürfen. Was die israelitische Waisenanstält leistet, davon geben die praktischen Erfolge Zeugniß, welche die Anstalt mit ihren Zöglingen erreicht.hat; diese haben sich theils dem Kaufmanns-, theils dem Handwerkerstande, je nach Begabung auch den technischen Fächern zugewendet und erfüllen ihren Beruf mit derselben Pflichttreue, wie sie dieselbe während ihrer Anstaltszeit täglich und stündlich vor Augen gesehen haben. Alle diese Erfolge werden neidlos und uneingeschränkt dem Verdienste des Mannes zugeschrieben, der die Hälfte seines Lebens in wahrhaft idealer Weise dem hohen Berufe eines Waisenhausleiters gewidmet hat. Möge der Jubilar an der Seite seiner nimmermüden Gattin noch recht lange an dem Gedeihen der Anstalt thatkrästig Antheil nehmen! a. Usch, im Januar Die hiesige Synagogengemeinde ist kürzlich beim Besuch des Gottesdienstes angenehm überrascht worden. Der Sohn des hiesigen Kaufmanns Wilhelm Meier, welcher in Stuttgart die Baukunst erlernt und das Examen als Bauführer bestanden, hat seiner Vaterstadt zwei Gedenktafeln verehrt. In der Mitte derselben befindet sich auf schwarzem Grunde mit großen Buchstaben das Gebet für das Kaiserliche Haus, umgeben von beiden Gesetztafeln mit dem Adler, im obern Felde die Worte: „Gott schütze unfern Kaiser und sein Reich", im untern Felde die Inschrift: „Mit Gott für König und Vaterland, gewidmet von Max Meier, mit den Jahreszahlen 1870 und 1895." Die Zeichnung des jungen Künstlers ist eine wohlgelungene. Zur Erinnerung an das 25jährige Kriegsjubiläum hat nun der Vater, Herr Kaufmann Wilhelm Meier, langjähriger Synagogenvorstand, die beiden Tafeln mit einem prachtvollen Goldrcchmen verzieren lassen und sie der Synagoge zum Eigenthum übergeben. Dieselben sind eine Zierde des Gotteshauses und geben Zeugniß von der Anhänglichkeit und Begabung des genialen Künstlers, dem noch eine große Zukunft bevorsieht. N Stolüerg, 8. Januar. Am letzten Sonntag fand Hierselbst ein jüdisches Begräbniß statt. Eine große Menge Zuschauer hatte sich dazu eingefunden. Leider aber benahm sich ein Theil dieser Zuschauer in einer Weise, wie man es nicht hätte für möglich halten sollen. Der Trauerzug wurde vielfach, verhöhnt; als derselbe auf dem israelitischen Kirchhofe, dem sogenannten trockenen Weiher, anlangte, erreichte der Lärm seinen Höhepunkt. Ja, als der gebeugte Gatte am Grabe zusammenbrach.