Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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60. Jahrgang. Nr. 3. ©tfllttfttviitftiottf* Berlin, 17. lammt 1896. Weitcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. «XD Berlin, 12. Januar. Der verdienstvolle Leiter der ersten Neligionsschule der jüdischen Gemeinde, Herr Dr. Mobitz Kirschstein, feierte am 10 d. Mts. seinen siebzigsten Geburtstag. Da der Jubilar, einer rauschenden Feier abhold, den Tag außerhalb seines Heinis zubrachte, konnten seine zahlreichen Schüler und Verehrer nur durch Blumenspenden, Briefe und Telegramme, die in äußerst großer Zahl einliefen, die Zeichen ihrer dankbaren Gesinnung und Anhänglichkeit äußern. Eine kunstvoll ausgeführte Adresse widmete u. A. der Studienbeförderungsverein dem Jubilar, der dem Verein fast ein halbes Jahrhundert als treues Mitglied angehört und als Unterrichtsvorstand bereitwillig den hauptsächlichen Theil der Arbeit auf sich genommen hat; die Adresse, die wir zum Abdruck bringen, da in derselben die Bedeutung von Kirschstein's Wirken treffend hervorgehoben ist, hat folgenden Wortlaut: Hochzuverehrender Herr Doktor! An dem heutigen Tage, an dem Sie durch Gottes Gnade die Feier Ihres 70. Geburtstages begehen können, ist es uns, Ihren Genossen im Studienbeförderungsverein, Herzensbedürfniß, Ihnen unsere aufrichtigen Glückwünsche zu übermitteln. In niemals ermüdender Pflichttreue haben Sie Ihre Geisteskraft von Jugend auf unserer Gemeinde zur Verfügung gestellt und sich einen bestimmenden Einfluß in der Entwickelung derselben durch die Macht Ihrer Persönlichkeit und durch Ihr lebhaftes Interesse zu erwerben verstanden. Das gleiche rege Interesse wandten Sie trotz Ihrer angestrengten amtlichen Thätigkeit zahlreichen anderen Wohlfahrtseinrichtungen innerhalb unseres Gemeinwesens zu; vor allem hat unser Verein, dem Sie sich bald nach seiner Begründung in jugendlicher Begeisterung angeschlossen haben, einen großen Theil seiner segensreichen Wirksamkeit in den 50 Jahren seines Bestehens Ihrer unausgesetzten Sorgfalt zu danken. Eine große Zahl von Männern, die in der Wissenschaft oder dem gewerblichen Leben eine hervorragende Stellung errungen haben, blickt mit innigem Dank auf das liebevolle Wohlwollen, mit dem Sie, hochverehrter Herr Doktor, sie vor der Noth des Lebens zu schützen und in ihren Zielen zu fördern verstanden; den gleichen herzlichen Dank schulden wir, Ihre Mitarbeiter, Ihnen für die treue Arbeit im Dienste des Vereins wie für die gewissenhafte Fürsorge, mit der Sie die Ziele des Vereins zu rechter Zeit den Verhältnissen entsprechend umgestalten halfen und die segen-reiche Thätigkeit des Vereins so in unveränderter Weise erhielten. Möge Ihnen als Löhn für dieses edle Wirken der Allmächtige noch recht, recht viele Jahre in gleicher Frische des Geistes, frei von jeglichen Beschwerden des Alters verleihen, mögen Sie in dem Gedeihen und der Blüthe dessen, was Sie geschaffen, den rechten Lohn für Ihre rastlosen Bemühungen finden! Das walte Gott! Der Vorstand des jüdischen Studienbcförderungsvereins. Sanitätsrath Dr. Blumenthal. A. Hausmann, Geh. Kommissionsrath. Dr. Kirstein, Geh. Sanitätsrath. Dr^ S. Adler, Rektor. Dr. med. L. Feilchenfeld. In die herzlichen Wünsche für den verdienten Jubilar, der, seit 28 Jahren Direktor der ersten Religionsschule der hiesigen jüdischen Gemeinde, an dem geistigen Leben seiner Zeit stets den regsten Antheil genommen, stimmen auch wir in voller Ueberzeugung ein. £/2 Berlin, 14. Januar. Den ersten der Montagsoorträge zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums hielt gestern Herr Prof. Dr. Martin Philippson im Festsaal der Gesellschaft der Freunde über den.Krieg 1870/71. Der Vortrag erregte ungewöhnliches Interesse, da derselbe uns zum ersten Male auf Grund zahlreicher Memoiren-Werke, Aktenstücke u s. w. die Entstehungsgeschichte des großen Krieges nach ihren wirklichen Ursachen vor Augen führte. Dadurch ward wohl eine Fülle von Legenden zerstört, die sich jetzt schon um diese Geschichte gebildet haben, das gute Recht Preußens aber in diesem Kriege trat dafür um so klarer hervor. Die Schlußworte des Vortragenden, in denen er die Zuhörer ermahnte, nicht zu verzagen, weil nicht alle Blüthenträume gereift seien, sondern treu im Dienste des Vaterlandes, Jeder an seinem Theile, für dessen Größe, Macht nnd Freiheit zu wirken, fielen in dankbare Herzen. Dessen war auch der lebhafte Beifall Zeugniß, den der Vortrag, welcher gleichsam ein Prolog zu den Festen der nächsten Tage war, gefunden hat. Berlin, 5. Januar. Ein ansehnliche Versammlung fand sich am Dienstag, den 7. Januar, im Vereinslokal, Linienstraße 96 zusammen, um einer Trauerfeier beizuwohnen, die der „Akademische Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" an der Universität Berlin veranstaltete. Die Feier galt seinem im November v. I. verstorbenen Ehrenmitgliede, dem Dozenten an der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums, Dr. Joöl Müller. Das ständige Lokal des Vereins vermochte die Zahl der Erschienenen kaum zu fassen. Fast alle Berliner „Alten Herren" des Vereins und eine größere Zahl von Studenten waren ebenfalls anwesend. — Kurz nach 9 Uhr eröffnete der Vorsitzende, Herr sind. phil. Sachs, die Feier mit einem Gruße an die Gäste und besonderem Danke an den Dozenten Dr. Schreiner für die bereitwillige Uebernahme des Vortrages. Dieser nahm sodann das Wort, um in mehr als halbstündiger Rede die wissenschaftliche Bedeutung Joöl Müllers an der Hand der von ihm herausgegebenen Arbeiten zu schildern. Nach kurzem Eingehen auf den Studiengang Müllers behandelte der Vortragende zum Theil recht eingehend seine hervorragendsten Werke vom wissenschaftlichen Standpunkte aus, berührte seine ablehnende Stellung zur Bibelkritik und feierte ihn schließlich als einen Gelehrten, der auf seinem Spezialgebiete etwas geleistet habe, das für die Kulturgeschichte der Juden von besonderer Bedeutung zu werden verspreche. Nach dem sehr inhaltreichen Vortrage, der demnächst auch im Druck erscheinen wird, gedachte der Vorsitzende ganz kurz der Thätigkeit, die Dr. Müller im Vereine selber entfaltet hatte, erinnerte an die vielen fröhlichen Stunden, die der Verstorbene als Kommilitone im Verein zugebracht und schloß die Feier mit einem Trauersalamander, der nach studentischer Art den Manen Joöl Müllers dargebracht wurde. F. P. Berlin, 12. Januar. Am 7. d. M. hielt Herr Gustav Lev in stein aus Gr. Lichterfelde vor einer zahlreichen Versammlung der Gruppe W des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens einen Vortrag über „Wissenschaftlichen Antisemitismus". Der Redner betonte in seinen einleitenden Worten die Nothwendigkeit, endlich aus der bis jetzt so erfolglosen Passivität herauszutreten, die ungerechten Vorwürfe, die gegen vas Judenthum und die Juden erhoben werden, zurückzuweisen. Der Vortragende wendet sich dann gegen die in Professor Paulsens Ethik enthaltenen Anklagen gegen die Juden. Er widerlegt in ausführlicher Weise die grundlose und ohne den Schatten eines Beweises erhobene Anklage, daß die Juden nicht wie andere Völker an dem Lande hängen, in dem sie geboren sind, und wendet sich andererseits gegen die Behauptung, daß Mangel an Gewissen ein Grundzng des israelitischen Volkes wäre. Paulsen hat auch in seiner Betrachtung über Ehre und Ehrliebe das israelitische Volk als dasjenige bezeichnet, das seine Ehre unter den Völkern eingebüßt hat. Wie könnte man, betont der Vortragende, Mangel an Ehre und Gewissen einem Volke vorwerfen, das sein Leben, sein Alles eingesetzt hat für seinen Gott, der seine Ehre war, einem Volke, dessen Söhne und Töchter sich nie zu jenen entmenschten, noch täglich vorkommenden Verbrechen hingegeben haben, die uns an der Gottähnlichkeit, unserer Art verzweifeln lassen. Der Vortragende spricht dann über den Einfluß, den das Judenthum auf die Kultur der Menschheit hat, und er zeigt, daß in Ländern, in denen Juden einflußlos sind, nicht allein der materielle Wohlstand, sondern auch der intellektuelle und moralische Zustand sich auf niedriger Stufe befinden. Er führt u. A. das Königreich Sachsen an, wo die jüdische Bevölkerung am spärlichsten, der Antisemitismus aber am heftigsten wäre, die Macht der Sozialdemokratie, das Barometer der Unzufriedenheit der Bevölkerung, mehr zugenommen hätte als in irgend einem anderen