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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-17 · Heft 3 (17.1.1896) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
Seite 36 (sequence 12)
Language
German
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4 , ZWW..^ ,^> 1^. Er fügte sich, wenn anch schweren Herzens. Ain Abend, nachdem der Ausgang des Sabbaths in gewohnter Weise begangen war, \ erhielt Kasia die Verzeihung angekündigt. Sie that auch dabei, als * ob sie weine, und halte schließlich nach harten Mühen wirklich nasse Augen, schon aus Mitleid mit sich selber. Denn nun war sie ' vollends überzeugt, wie schweres Unrecht ihr geschehen, und so war es nicht Heuchelei, sondern ganz ehrlich gemeint, als sie in ihrem hebräisch-slavischen Kauderwelsch schluchzte: „Glaubt doch nicht, daß Ihr an Eurer treuen Schabbesgoje eine „Mizwa" (hebr. „Gutthat") übt, wenn Ihr ihr „machet" seid (ihr verzeihet). Sie thut eine „Mizwa" an Euch, indem sie Euch „machet" ist!" Als die Dämmerung dicht hereingebrochen war und bereits drei Sterne am Himmel blinkten, das Zeichen, daß ein neuer Tag, der Werkeltag begonnen — nach der jüdischeil Satzung gehört bekanntlich die Nacht zum folgenden Tag, so daß jeder mit der Abenddämmerung beginnt und schließt — betrat Leib erst wieder die Schänke, die er seit vierundzwanzig Stunden gemieden. Nicht jeder Schänkwirth im Osten hält den Sabbath so streng, selbst in der Schwärmersekte der „Chassidim", die in Galizien und Russisch-Polen die herrschende ist, gilt es als erlaubt, daß der Wirth die „Goje" überwache, auch wenn er selbst kein Gläschen füllen, geschweige denn Geld empfangen darf. Leib that es auch nicht der geschriebenen Satzung zu Liebe, sondern einer ungeschriebenen, die er im Herzen trug. Ohne es klar zu denken, empfand er doch dunkel. daß er unter den Lasten seines Daseins längst hätte brechen müssen, wenn ihm nicht nach sechs Tagen des Elends, wo er den Bauern und dem Gutsherrn und seinen Sorgen gehörte, immer ein siebenter gegönnt gewesen wäre, wo er „Ihm" zu eigen war, nur „Ihm", mit jedem Gedanken. Scheu begrüßte er seine Gäste; er fürchtete, daß die Worte der Kasia doch Wurzel gefaßt. Aber es kam besser, als er gedacht; sie glaubten dem Wort des Popen, und es war nur harmlose Neckerei, wenn ihn einige fragten: „Ist das wahr, daß Du Deine Tochter dem Alten in Halicz nach dem Gewicht verkauft hast, das Kilo tun zehn Gulden?!" Er brauchte sich's sogar nicht zu Herzen zu nehmen, als ihm Harasim schluchzend — denn nun war er längst in der wehmüthigen Stimmung — sagte: „Nun geht es Dir wie mir; ja, ja, mein armer Leibko, eine einzige Tochter ist schwerer zu hüten als ein Sack Flöhe!" — Der Alte wußte nicht, was er sagte, und als ihm ein Anderer die Rede verwies und mahnte: „Es ist ja Alles nicht wahr, unser Väterchen hat's berichtigt!" stimmte er sofort gutinüthig zu: „Freilich muß das ein nüchterner Pope besser wissen, als ein besoffener Richter — komm', mein armer Leibko, umarme mich und verzeih mir!" (Fortsetzung folgt.) Fitterarische Mittheilmigen. Die günstige Aufnahme, welche die Geschichte der Juden in Nom, von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart (2050 Jahre), von Dr. A. Berliner, im In- und Auslande gefunden, veranlaßt den Verfasser, dem an ihn vielfach gerichteten Wunsche nach einer Preisermäßigung für Gemeinden und Vereinsbibliotheken, Rabbiner und Lehrer zu entsprechen, so daß das Buch (in zwei Bänden) nunmehr direkt vom Verfasser (Dr. A. Berliner in Berlin, Krausnickstraße 21) gegen Einzahlung von 5 M. 30 Pfg. (statt 10 M.) bezogen werden kann. Es steht zu hoffen, daß Viele von der günstigen Gelegenheit, sich dies vortreffliche Werk anzuschaffen, Gebrauch machen werden. 36 - ° — Im Anschlüsse an den in der Nummer 52 dieses Blattes erschienenen Aussatz von Herrn Professor Dr. Steinthal sei es gestattet, einige weitere Ausführungen zu geben. Wer nlit der Wissenschaft des Judenthums vertraut ist, dem wird es wohl bekannt sein, wie von jeher der musikalische Ausbau des Gottesdienstes bei uns gepflegt wurde. Für das Alterthum mag es genügen anfdie ausführlichen Beschreibungen im Talmud Traetat K"’’ und in Midrasch fcvM "2 hinzuweisen; schon damals trat der gesangliche Antheil bedeutend hervor sub TnrVi aSvS ‘raari’ sb “wn na minn t» rrw qrrpn DN 22^2 ^tSH)/ und zu welcher Höhe er sich im Laufe der Zeit, entwickelte, hat Professor Steinthal uns in erhebender Weise dargestellt. Seit dein Beginn der Kultusreform wandte sich das Interesse des Judenthums ganz besonders der Veredelung des Gottesdienstes zu, und hervorragende Männer haben seit der Zeit eine Reihe von liturgischen Werken geschaffen. Indessen sind in denselben die altjüdischen Gesänge nur zum geringen Theile berücksichtigt worden, die meisten derselben sind dem Gedächtnisse und der verständnißvollen Pietät einiger weniger Glaubensgenossen anvertraut und harren noch ihrer Veröffentlichung. Um diese zu Stande zu bringen wäre Folgendes sehr rathsam: Alle die Kantoren, welche sowohl die Kenntnisse der hebräischen Sprache und Gebete beherrschen, als auch auf musikalischem Gebiete ein eingehende-- Verständniß besitzen, wollen, wo sich die Gelegenheit bietet, die überlieferten Gesänge sammeln und in der Form unseres heutigen Tonsystems unserem Geschmack zugänglich machen. Eine solche Sammlung würde umfassen erstens rfl^Sn (Gebete), zweitens n*n\2? (Lobgesänge). Daß dieses Werk dein gesummten Judenthum zur Ehre gereichen wird, brauche ich nicht näher klarzulegen; die "Schwierigkeiten, welche im Wege stehen, beruhen hauptsächlich auf der Indolenz, welche heute leider den meisten Unternehmungen religiösen Charakters entgegensteht. Würden aber die Gemeinden insgesammt an einem solchen Sammelwerke Interesse nehmen und zur Bestreitung der Kosten beitragen, so werden wir bald ein Werk vollendet sehen, welches uns unsere altehrwürdigen Weisen so schätzenswerth erscheinen lassen wird, daß wir fernerhin Anleihen an fremdartigen Gesängen für überflüssig finden werden. A. Eisen st ad t, Kantor. Sprechsaal. f ezüglich des in Nr. 51 Ihrer geschätzten Wochenschrift gebrachten Berichts über die Konferenz der israelitischen Lehrer des R.-Bez. Ko eslin ersuche ich um gefällige Aufnahme folgender Berichtigung. 1. In dem Passus Vorstandswahl müßte es heißen: „An Stelle der aus dem Verein geschiedenen u. s. w. 2. Die vom Schriftführer beantragte und angeblich einstimmig angenommene Resolution ist unberechtigt; ein Angriff auf Herrn Dr. Goldschmidt konnte schon deshalb nicht geschehen, als eine Debatte über das vom Vorstande des Kolberger Kurhospitals eingegangene und von Herrn Dr. Goldschmidt Unterzeichnete Schreiben auf meinen Antrag unterblieb, weil Dr. Goldschmidt nicht anwesend war. Ich habe nur zur näheren Erklärung des Inhalts besagten Briefes die in der Neustettiner Versammlung von Dr. Goldschmidt in seinem Korreferate gebrauchten Worte von den traurigen Erfahrungen, welche das Kurhospital in Bezug auf die Lehrer gemacht' und zu gewissen Maßnahmen Veranlassung geben könnten, wiedergegeben und halte diese noch heute ganz und voll aufrecht. I. Bauer, Prediger und Religionslehrer. * Geehrter Herr Redakteur! ie Charakteristik Karl Luegers in der Beilage zu Nr. 11 des 3 „Daheim" 1895 verräth eine so unzweideutig judenfeindiiche Tendenz, daß ich, selbst von dritter Seite darauf aufmerksam gemacht, eine öffentliche Warnung vor dieser auch in jüdischen Kreisen viel gelesenen, aber entschieden judenfeindlichen Zeitschrift für sehr empfehlenswerth halte. Hochachtungsvoll Hamburg, 20. Dezember. Dr. M. G. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich fiit die Redaktion. Max Bauchwitz in Berlin.

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