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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-17 · Heft 3 (17.1.1896) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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35 „Ich Hab' gesagt," schluchzte die Magd, „daß es da doch auch auf das Mädchen aukonnnt... Alles Andere haben sie errathen.. „Lüge!" donnerte der Priester. „Und ich will Dir Dein Handwerk legen! Sofort wirst Du drin vor allen Leuten gestehen, daß Du gelogen hast. Und wiederholst Du je Deine Verleumdung gegen Deinen Bruder in Christo, dann wehe Dir!" Er riß das große vergoldete Kreuz von der Brust, das er nach der Sitte der griechisch-katholischen Geistlichen an einer ftählerneir Halskette trug und hielt es ihr vor: „Du schwörst, daß Du den Namen des Verleundeten niemals nennst — ich will nicht wissen, an wem Du Dich so versündigt hast, aber welcher Christ es auch sei — schwöre!" Das that die Sünderin. Während sie die Schwnrfinger auss Kreuz legte, wandten sich Chane und Miriam scheu ab und Leib beugte sich noch tiefer auf fein Gebetbuch nieder. „Und nun — komm!" befahl der Priester. Aber die Magd blieb auf dem Boden kauern und suchte seine Kniee zu umfassen. „Erbarmen, Hochivnrdiger!" Und als er sie hinwegstieß, rutschte sie ans den Knieen vor Chane hin. „Frau, erspart es nur. . . Ich habe ja nur fürs Geschäft gelogen . . . Wenn ich immer . . . die Wahrheit sagen wurde . . : so würden sie nicht kommen und trinken . . . Und wenn ich es ihnen jetzt sagen muß... so ist Euer Geschäft verdorben!" Aber Chane schüttelte finster den Kopf: „Das ist ohnehin der letzte Sabbath, wo Du sie bedient hast!" Und zum Priester: „Ich dank' Euch, Hochwürdiger! Sie soll nur vor Allen widerrufen!" < Aber die Kasia fuhr fort zu flehen, und es währte lange, bis sie sich endlich erhob und dem Priester folgte. Inzwischen hatten sich die Bauern die Zeit durch allerlei Vermuthnngen darüber gekürzt, wer wohl der christliche Liebhaber der Miriam sei. Fast jeder Junggeselle im Dorfe wurde genannt, nur auf den Janko verfiel Keiner. Daß ein Mädchen sich in ihn verliebt haben könnte, siel Keinem bei. Ouufrij aber lächelte nur schlau vor sich hin. Mit dem Popen band er nicht gerne an. Das Gestänvniß der Kasia gestaltete sich zu einer minder ernsten Szene, als der Pope es gewünscht. Kaum, daß sie ihr Gestünduiß zu stottern begann, lachten die Bauern, und endlich widerhallte die Stube vom Wiehern aus dreißig Kehlen, daß man ihr Geschluchze gar nicht mehr hörte. Der Pope mußte es den Bauern erst nochmals wiederholen. „Schade!" meinte sie dann, „das wäre doch einmal eine hübsche Neuigkeit gewesen. Aber freilich — eine Jüdin und ein Bauer — wann hätte die Welt je schon derlei gesehen?" Um die Mittagsstunde war die Stube fast leer; Einige gingen zum Esten heim, die Meisten wurden von ihren Weibern oder Knechten fortgeschleppt, weil für heute ein höherer Grad von Erholung ohnehin nicht mehr erreichbar war. Nur einige Wenige hielten aus, darunter der Schmied. Er lächelte noch immer vergnügt vor sich hin, und als ihm die Kasia mit verweinten Augen wieder einmal das Gläschen füllte, flüsterte er ihr zu: „Dir ist Unrecht geschehen! Du hast nicht gelogen!" „Weiß Gott, Meister!" schluchzte sie. „Wenn ich nicht auf das Kreuz geschworen Hütte — was könnte ich erzählen! . . . Oh, was könnte ich!" „Wirklich?" fragte der Schmied in aufrichtigem Staunen. „Ich hab's ja längst errathen, daß der Tölpel hinter dem Mädchen her ist, wie der Mönch hinter der Nonne, und sie sogar heiratheu will, aber daß sie sich mit ihm eingelassen hat, hätt' ich nicht geglaubt. Sieh sieh, da ist ja der Affe eigentlich zu beneiden. Nur eine Jüdin, aber dieses Gesicht, diese Hüsten" — er schnalzte mit der Zunge. „Also Du hast's gesehen?" Sie streckte abwehrend beide Hände vor. „Nichts." schluchzte sie, „nichts sage ich, denn ich habe geschworen! Oh, wenn ich reden könnte! . . . Meister, was haben' meine Augen gesehen! . . . Aber ich halte meinen Schwur! Nur eins thue ich! Ich gehe, weil ich's nicht länger mit anseheu mag!" „Wirklich?" fragte der Schmied. „Schade! Aber Du wirst Dir's noch überlegen!" „Nein!" rief sie eutschlosseu. „So etwas laßt ein tugendhaftes Weib wie ich nicht länger geschehen! Das ist der letzte Sabbath, wo ich hier bediene!" Sie ging, die Schürze an die Augen gedrückt, auf ihren Platz hinter der Barre. Die Geste hatte nur gewissermaßen symbolische Bedeutung, denn ihre Augen waren trocken. Aber als sie mm still da saß und alles erwog, da begann sie zu weinen; es war ein Gewirre der seltsamsten Empfindungen, das sich in Thräuen Luft machte, vor Allem die Schani und daun der Zorn, und endlich auch die Neue. „Wie schlecht bin ich!" dachte sie. „Da sag' ich dem braven, gutinüthigen Ding, das ja noch gar nicht weiß, wozu wir Weiber auf der Welt sind, so Häßliches nach!... Aber das ist nicht meine Schuld!" tröstete sie sich dam; bald. „Ihre Mutter, die hat Alles auf der Seele. Zuerst will sie mich, eine so treue Dienerin täuschen, und dann stiftet sie den Popen au. das; er wich so beschämt, und schließlich jagt sie mich gar davon! Oh diese Juden! . . . Jahrelang hält mich das elende Weib zum Lügen au, damit sie auch am Sabbath ein gutes Geschäft macht, und weil ich's mir ihr zu Liebe' augewöhue. setzt sie mich auf die Straße. . . . Ja, ja, das ist so die jüdische Art. Es ist eigentlich Alles noch viel zu wenig, was mau über sie sagt!" Zur selben Stunde aber — es war nach der Mahlzeit, und das Ehepaar saß mif dein Bänkchen im Hofe, während Miriam unfern auf einem Füßchen kauerte und in ihrem „Weiberbuch" eine Geschichte aus „Tausend und Einer Nacht" las — erwogen erst Chane und Leib gründlich, ob sie die Magd wirklich weggeben sollten. Leib, so milde er sonst war, bestand darauf. „Sie hätt' sonst alles Böse thun können," meinte er, „und ich hält' ihr verziehen. Fünfzehn Jahr' ist sie mit bei uns — da bleibt man gern schon bis zum Ende zusammen. Wie oft Hab' ich Dir das gesagt und für sie gebeten, wenn sie gegen Dich oder mich ungehörige Reden geführt hat. Sie hat ja immer vor Augen, wie andere gegen uns arme Juden sind, und sie ist mm einmal eine Christin, da vergißt sie eben, daß wir doch ihre Brodgeber sind. Aber nun hat sie unser Kind verleumdet, und das verzeihe ich ihr nie. Denn wer unserem Miriaiuchen was Böses nachsageu kann und es in den Augen der Leute zu Grunde richten will, muß sehr schlecht sein, so schlecht, daß ich's mir gar nicht denken kann. Und ein schlechtes Weib soll nicht länger in meinem Hause sein!" Natürlich widersprach Chane, zunächst nur deshalb, weil er seine Meinung so entschieden äußerte. „So bist Du immer!" grollte sie. „Zuerst zu nachgiebig und dann zu scharf! Hättest Du sie nicht all' die Jahre in Schutz genommen, es wär' nie so weit gekommen." „Aber Du hast doch," wandte er zaghaft ein, „dem Popen selbst „Aber nur, weil es sich so geschickt hat!" rief sie. „Hält' ich etwa noch bestätigen sollen: „Es ist mir recht, daß sie lügt?! . . . Im Ernst Hab' ich nicht d'ran gedacht." Das war nun freilich nicht richtig, aber sie hatte sich's eben anders überlegt. „Wir müssen sie behalten, wenigstens so lange, bis unser Kind verheiratet ist, den» dann wird sie wahrscheinlich schweigen, weil sie der Pope hat schwören lassen; jagen wir sie davon, so ist die Rachsucht stärker als der Schwur. Bedenke, welches Unglück es wäre, wenn etwa Reb David von diesen Lügen erfährt!"

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