Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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r ,-iw »| „Hah — Dll Judenhaster, sag' solche Dinge nicht laut! Mein Gott, niein Gott! was habe ich vor Dir gesündigt V „Was willst Dn machen, Josef?" sagte Miriam. „Man kann nicht mit Wölfen disputireu. Wir sind so Wenige, wir müssen solches thun." „Aber wir sollten für Gott zeugen, Miriam. Unser Glaubensbekenntnis; ist nur Murmeln und frommer Mnnnuenschanz. Die christlichen Apostel durchzogen als Bekenner die Welt. Besser ein kurzer Kampf, als diese lange Schmach!" Er brach in Thränen aus und sank überwältigt in einen Sessel. Sofort mar seine Mutter an seiner Seite und neigte ihr nasses Antlitz auf seins. „Dem Himmel sei Dank, bcm Himmel sei Dank!" schluchzte sie. „Die Krankheit ist vorüber." Er antwortete ihr nicht. Er hatte die Kraft nicht mehr, zu widersprechen. Langes Schweigen folgte, bis die Mutter frug: „Und wo fandest Du Obdach für die Nacht?" „Im Palast des Annibale di Frauchi." Miriam fuhr zurück. „Beim Vater der schönen Helena die Frauchi?" frng sie. „Demselben," sagte Josef, errötheud. „Wie kommt es, das; Du dort, in dem vornehmen Haus, unter dem Dach der Familie des Papstes, Schutz gefunden?" „Habe ich Dir nicht erzählt, Mutter, das; ich seiner Tochter beim letzten Karneval, als sie Abenteuer wagend sich unter die Menge der Masken beim Korso mischte, einen kleinen Dienst erwies, indem ich sie vor den von der Rennbahn kommenden Büffeln errettete?" „Nein, ich erinnere mich nicht," sagte Nahel kopfschüttelnd. „Aber Du erinnerst mich daran, wie sie uns wie gleich den wilden Thieren Wettrennen lassen." Stillschweigend ignorirte er den Vorwurf. „Signor di Frauchi wollte viel für mich thun. Aber ich erbat nur Zutritt zu seiner großen Bibliothek. Dil weißt, wie hart es für mich ist, das; die Christen uns ihre Bücher verweigern. Und so saß ich manchen Tag dort, lesend bis die Vesperglocke mich warnte, das; es Zeit für mich sei, ins Ghetto zurückznkehreu." „Ah, es geschah nur, um Dich zu bekehren?" „Nein, Mutter, wir sprachen nicht von Religion." „Und auch vorige Nacht warst Du in dein Studium vertieft?" fiel Miriam ein. „So geschah es, Miriam." „Aber warum warnte Helena Dich nicht?" Jetzt fuhr Josef auf, aber er zlvang sich zur Ruhe — „Wir lasen den Tasso. Sie hat seltene Ausgaben. Oft las sie mir Plato und Sophokles vor." „Und Du, unser zukünftiger Rabbi, hörtest Du zu?" ries Rahel. „Kein Wort von Christenthum steht darin, Mutter, auch befriedigen sie die Seele nicht. Weise sang Jehuda Halevi: Gehe nicht zu nahe der griechischen Weisheit." „Saßest Dn neben ihr in der Messe?" forschte Miriam weiter. Ruhig blickte er sie an. „Sie war nicht dort," sagte er. Miriam wandte sich plötzlich zur Thür. „Nun, wo Du in Sicherheit bist, Josef, habe ich nichts mehr hier zu thun. Gott schütze Dich." Ihr Busen wogte, sie eilte hinaus. „Arme Miriam," seufzte Rahel. „Sie ist solch liebes zuverlässiges Mädchen. Nicht einen Hauch von Deinen Lästerungen wird sie vcrrathen." Josef sprang ans wie elektrisirt. „Verrathen! Aber Mutter! Ich selbst werde sie von allen Giebeln der Häuser verkünden!" „Still, Still!" hauchte seine Mutter in wahnsinniger Angst, „die Nachbarn werden Dich hören." „Eben das wünsche ich!" „Dein Vater kann jeden Augenblick kommen, um zu hören, ob Du in Sicherheit bist." „Ich will seine Angst beruhigen." „Nein!" Sie hielt ihn beim Mantel zurück. „Ich laste Dich nicht gehen. Schwöre mir, daß Du ihm Deine Lästerungen verschweigst, — oder er wird Dich todt zu seinen Fiißen niederstrecken." „Er muß wissen, was ich Dir gesagt." „Nein, nein, sage ihm, das Du ansgeschlosten warst, daß Du Dich verborgen." „Nur die Wahrheit ist groß, Mutter. Ich bringe ihm die Wahrheit." Er entzog sich ihrem Griff und stürmte Hinalls. Sie saß in der Halle und wandelte in Todesangst auf und ab. Die Stmldeil schlichen dahin. Keiner kam, weder Vater noch Sohn. Schreckliche Bilder peinigten sie, lvas Mischen den Beiden vorgiilg. Gegen Mittag bereitete sie lilechailisch das Mahl für ihren Gatteil. Zur bestimmten, feit Jahren innegehalteueu Minute erschien er. Sein ernstes Antlitz erschien ihr bleicher wie sollst, aber es verrieth nichts. Er wusch seine Hände in vvrgeschricbenem Schweigen, sprach den Segen und zog den Stuhl ail den Tisch. HlUldert Mal zitterte die Frage auf Rahels Lippen, aber erst am Ende der Mahlzeit wagte sie zu fragen. „Unser Sohn ist heimgekehrt. Hast Dll ihn nicht geseheil?" „Sohn? Westen Sohn? Wir haben {einen Sohn." Er beendete sein Mahl. (Fortsetzung folgt.) Leib Meihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) fie letzten Worte unterbrach der Eintritt des Pfarrers, aber er hatte sie gehört. . . Ihm ward eigen lnns Herz. Das waren sonst in feinen Angen nur eben Geschöpfe, die Gott in seinem Zorn geschaffen, und doch war's ihm, als wäre er da in reiilere Luft getreten, und wahrlich nicht blos deshalb, weil die Fenster weit offen stailden. „Verzeiht . . . ," sagte er fast verlegen. „Ich habe was Drillgendes zu fragen." Leib richtete die Augen in Allgst und Stalilieu auf ihn, schlug sie aber sofort nieder lmd fuhr in seinem leisen Murmeln fort; er war eben an einer Stelle des Gebetes, wo man sich nieillals nnterbrecheu darf. Chane jedoch trat vor; aber noch ehe sie fragen kollnte, hatte sich Kasia heulend zwischen sie und den. Popen geworfen. Knieend, die zitternden Hände erhoben, stöhnte sie: „Erbarmen! . . . Ich kailn ja nichts dafür, wenn die Lellte Alles errathen! . . . Und ich muß ja mit ihnen reden, sollst trinken sie nichts! . . ." „Schweig!" herrschte sie der Pope an und wandte sich daml an die Frau: „Ich höre zu meiner Freude, das; Eure Tochter mit dem David Münzer in Halicz verlobt ist. . ." Ueber Miriam's Gesicht flog ein mühsanl unterdrücktes Lächeln, der Kleiile aber zuckte zusannlien und auch Chane erschrak. Doch faßte sie sich sofort Ulld sagte: „Es ist nicht wahr, Hochwürdiger. . . Welln meine Tochter Braut wär'," fügte sie hastig hinzu, „so müßt' ich's doch wissen." „Ich habe ja gesagt, daß es liicht wahr ist," jammerte die Kasia. „Du hast gesagt, daß das Mädchen sich weigert. Und warum? — erzähle doch auch dies!"