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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-17 · Heft 3 (17.1.1896) · p. Seite 33

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
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33 Mutter eine Jüdin war. Sie war in ein einfaches, wollenes Gewand gekleidet, ohne Spitze oder Stickerei, ihr einziger Schmuck ein silbernes Halsband. Rahel erzählte ihr weinend ihre Sorge über Josefs Ausbleiben, doch Miriam tröstete sie und flößte ihr guten Math ein. Und wirklich — sehr bald erschien Josef, aber hager, ekstatisch ausschanend, Haar und Bart ungekämmt, die Augen seltsam glänzend im gerötheten olibenfarbigen Antlitz, eine außergewöhnlich poetische Gestalt in seinem röthlich braunen Mantel und dunkelgelben Hut. „Pax vobiscum,“ rief er in schrillen, jubelnden Tönen. „Joses, welch trunkene Narrheit?" stotterte Rahel entsetzt. „Gloria in excelsis Deo, Friede auf Erden und den Mellscheu ein Wohlgefallen," fuhr Josef fort. „Es ist Weihnachtsmorgen, Mutter." Und laut singend begann er die Strophe eines alten Weihnachtsliedes: „Simon, dieser alte Heilige" — Nahels Hand legte sich hart aus ihres Sohnes Mund. „Gotteslästerer," rief sie mit aschgrau werdendem Antlitz. Josef entfernte sachte ihre Hand. „Du lästerst, Mutter," rief er aus. „Freue Dich, freue Dich, heute ist Christ geboren, er, der für die Sünden der Welt gestorben!" Rahel weinte von Neuem. „Unser Kind ist krank, unser Kind ist toll. Was haben sie Dir gethan?" All ihre bangen Ahnungen wurden übertroffen. Schmerz überschattete Miriams süßes Antlitz, als sie schweigend' in der Nische des Fensters stand. „Krank, o meine Mutter, ich bin wie Einer, der erwacht! Freue Dich, freue Dich mit mir. Stimmen wir ein in die Freude der Welt, laß uns sein wie alle Menschen!" Rahel lächelte schwach durch ihre Thränen. „Genug!" sagte sie beschwörend. „Wir feiern das Weihefest, nicht Purim, heut' giebt's keine Maskerade." „Josef, was ficht Dich an," ertönte Miriams süße Stimme. „Was hast Du gethan, wo warst Du?" „Bist Du's, Miriam?" Erst jetzt sahen sie seine Augen, „O, wärest Du bei mir gewesen!" „Wo?" „In St. Peter." O, die himmlische Musik!" „In St. Peter!" wiederholte Rahel heiser. „Du, mein Sohn, der Bachur, hast Dich so vergessen?" „Nein, es ist keine Schande," unterbrach sie Miriam, „hast Du uns nicht erzählt, daß Sabbath Nachmittag unsere Väter zur Sixtinischen Kapelle gingen?" ’ „Ja, damals, als Michel Angelo Buonarotti seine Fresken, „Die Befreiung Israels", malte. Auch gingen sie in des Papstes Mausoleum, um die Gestalt unseres Gesetzgebers zu sehen. Aber er hörte die Mitternachtsmesse." „Gerade die," sagte Josef träumerisch, „die Mitternachtsmesse, Weihrauch, Lichter, die Figuren der Heiligen und wunderbare gemalte Fenster und eine Menge weinender Andächtiger, und die Musik schwebte darüber, jetzt schrill wieder Verzweiflnngsschrei der Märtyrer, dann den Frieden des heiligen Geistes athmend. „Wie durftest Du Dich im Dom zeigen?" erinnerte Rahel. „Wer vermuthet einen Juden m der Ungeheuern Menge. Draußen war es dunkel, innen dämmerig. Ich verbarg mein Antlitz und weinte. Sie schauten auf zu den Kardinälen in ihren Prachtgewändern, zu dem Papste zu dem Altar. Wer hatte Allgen für mich?" „Aber Dein gelber Hut, Josef?" - „In der Kirche trägt man keinen Hut, Mutter!" „Und gotteslästerlich entblößest Du in Andacht Dein Haupt?" „Nicht andächtig war ich, o meine Mutter! Große Neugierde zog mich hin, ich wollte mit eigenen Augen scheu, mit eigenen Ohren hören, die Anbetung des „Christ". Aber eine mächtige Welle Orgelmusik ergriff mich und brachte mich himmelwärts an die Stufen des Firmaments vor Gottes Thron. Hub plötzlich wußte ich, wonach meine Seele schmachtet. Ich wußte, was dies Sehnen bedeutet, das mich verzehrt, diese seltsamen Heimsuchungen, diese düsteren Ahnungen; wie ein Blitz dlirchznckte mich das Geheimniß des Friedens." „Und das — ist Josef?" frag Miriam sanft, denn Rahel athmete so schwer, daß sie nicht sprecheil konnte. „Opferung," sagte Josef mit hiilgerissenem Blick. „Leiden, sich freiwillig für die Welt dahingeben, sich tödten in köstlichem Schmerz, wie die letzten, zitternden Töne jener süßen Knabenstimmen, welche sich im Lobgesang zu Gott aufschwingen. O, Miriam, könnte ich unsere Brüder ans dem Ghetto führen, könnte mein Tod sie zur Glückseligkeit bringen, sie zu freien Söhnen Roms machen." „Eiil frommer Wunsch, mein Sohn, aber nur Gott kann ihll erfüllen." „Gerade deshalb. Laß uns beten um Erleuchtung. Wenn wir Christen sind, lverden die Thore des Ghetto fallen." „Christen," riefen Rahel und Miriam entsetzt, wie aus einem Munde. „Ja," sagte Josef unbeugsam. 1 Rahel lies zur Thür und schloß fiesester. Ihre Gliederzitterten. „Still," hauchte sie, „laß Deine Worte nicht weiter gehen. Gott Abrahams, wenn Jemand Dich hörte und es Deinem Vater hinterbrächte." Sie rang die Hände. „Josef, besinne Dich." flehte Miriam, ins Herz getroffen. „Ich bin kein Gelehrter, ich bin nur ein Weib. Aber Du, Du mit all' Deinem Wissen, Du bist doch nicht durch diese Argumentationen bethört worden. Du bist sicher doch fähig, ihre Auslegungen unserer Prophetenwiderlegen." „Ah, Miriam," antwortete Josef zärtlich. „Bist Du, auch Du wie unsere Brüder? Sie wollen nicht verstehen. Es ist Herzenssache, nicht Textesauslegung. Was ich fühle, ist das Höchste, das Göttlichste in mir. Opferung! Er, der ganz Opfer, ganz Martyrium war, er muß göttlich sein." „Wechsle nicht Worte mit ihm, Miriam," rief seine Mutter. „O, Du Ungeratheller, den ich für meine Sünden erzeugt. Warum trifft Dich nicht des Himmels Feuer aus der Stelle?" „Du sprichst von Martyrium." rief, unbekümmert durch sie, Miriam. „Wir Juden sind Märtyrer, nicht jene. Sind wir hier nicht eingepfercht wie das Vieh. Wir sind gezeichnet mit schmachvollen Kennzeichell. Unser Tallnud ist verbrannt. Unser Besitz uns genommen. Wir sind ausgeschlossen boit jedem ehrbaren Erlverb. Wir dürfen ja nicht einmal ehrlich unsere Todten begraben oder einen Stein auf ihren Gräbern errichten." Leidelffchaft entflammte ihr Antlitz, ihre Sanftmnth verwandelte sich in Feuer. Gleich Judith oder Jael war ihre Erscheinung. „Unsere Feigheit erweckt den Spott, Miriam. Wo ist der Geist der Makkabäer, den wir in diesen Tagen des Chanukahfestes preisen? Der Papst erläßt Bullen und wir gehorchen — nach außen. Unser Widerstand ist schweigend, gewunden. Er. befiehlt gelbe Hüte, wir tragen gelbe Hüte, aber attmälig dunkelt das Gelb nach, es wird orangefarben, dann röthlich, bis wir zuletzt mit rothen Hüten gehen wie so viele Kardinüle, das Verbot von Neuem herausfordernd. Wir sollen ans eine Synagoge uns beschränken. Wir haben fünf für das Landvolk, aber wir bauen sie unter ein Dach und nennen vier davon Schulen."

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