Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
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—— 32-- der sich sonst bei Juden schon im 13. Jahrhundert findet. „Das Wassergießen, richtiger das Nachgießen, soll nämlich die Dämonen verscheuchen, auch verhindern, daß der Todte wiederkomme", sagt Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der Juden in Frankreich und Deutschland. Wien 1880 (S. 210., Anmerkung 6). Es ist übrigens, nebenbei bemerkt, eine sehr alte jüdische, wie christliche Vorstellung, daß die Todteu wissen, was unter den Lebenden vorgeht, diesen zu helfen suchen, wenn sie in Noth sind, selbst, wenn jene längst nicht mehr unter diesen sind und im Grabe ruhen. Dieser Glaube findet sich nicht nur bei den Rabbinen des Talmuds, sondern auch beim heiligen Augustinus, wie man aus Jsr. Levi in der Hevue des etudes juives t. 26. Paris 1893 (S. 69—74) ersehen kann. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch einen Todtenkult erwähnen, der selbst bei den modernen Juden noch, die längst fast ganz der Synagoge entwachsen sind, bis auf den heutigen Tag sich erhalten hat, und der, wie zweifellos feststeht, der Kirche entlehnt ist. Es ist die sogenannte „Jahrzeit", d. h. die jährliche Wiederkehr des Todestages eines Angehörigen. Schon das Wort ist interessant. In der jüdisch-deutschen Chrestomathie von Max Grünbaum, Leipzig, 1882 (S. 285 ff, Anmkg. 4) findet sich darüber folgendes: „Das Wort Jahrzeit erklärt Frisch: Teutsch-lateinisches Wörterbuch, Berlin 1741. (I, 484) mit: Jährliche Begängniß des Gedächtnisses eines Verstorbenen, Anniversarium. Dieselbe Erklärung findet sich bei Westenrieher und Halthaus (Oloss. germ. s. o.) sowie bei Stalder. . . Schweyzerisches Idiotikon, Aarau 1812 (II, 73): Jahrzeit, jährliches Andenken oder Meßopfer für einen Gestorbenen (in der katholischen Kirche"). Wort linb Sache haben sich nun im jüdischen Leben — bis zur Stunde noch — erhalten, und zwar giebt es außer „Jahrzeit" durchaus keine andere Bezeichnung des Gedächtnißtages. In den hebräisch geschriebenen Ritualbüchern wird in den — aus späterer Zeit datirenden — Glossen ebenfalls diese Jahrzeit erwähnt, aber mit der Umschreibung „was man auf deutsch „Jahrzeit" nennt" — es giebt eben keine hebräische Benennung. Ebenso gebrauchen die italienischen Juden das Wort „Jazei" (desien eigentliche etymologische Bedeutung ihnen wohl unbekannt ist) in diesem Sinne, z. B. Oggi ho Jazei (Jazei ausgesprochen), und Petermann (Reisen im Orient II, 175) erzählt, daß er dasselbe deutsche Wort „Jahrzeit" in Persien gehört habe. Außerdem daß man an diesem Tage fastet und Almosen vertheilt, wird von dem Sohne des Verstorbenen in der Synagoge ein kurzes aramäisches Gebet gesprochen — das „Kaddisch" („Keine Messe wird man singen, keinen Kadosch wird man sagen") heißt es in Heine's Romanzero; übrigens wird auch in A. Meißner's, Erinnerungen an Heine" gelegentlich erwähnt, daß Börne's Freundin dessen „Jahrzeit" gefeiert habe. Dieser in hohem Ansehen stehende Gebrauch, der seine Verbreitung, sowie das Fortbestehen anch bei solchen, die es mit anderen Bräuchen nicht so genau nehmen, doch wohl nur der Pietät verdankt, ist erst in später Zeit entstanden. Wie Zunz bemerkt (Die Ritus des synagogalen Gottesdienstes, S. 4 und 9) sind die mit Spenden verbundenen Seelengedächtnißgebete der christlichen Liturgie entnouunen, und so wurde wahrscheinlich auch die „Jahrzeit" zuerst in Deutschland eingeführt und fand dann in anderen Ländern Nachahmung. Auch das Jahrzeitlicht zum Andenken des Verstorbenen dürfte: christlichen Ursprungs sein, wie auch der Ausdruck „Jahrzeit" für Todestag kirchlich ist, sagt Güdemann (Gesch. des Erziehungswesens : und Kultur der Juden in Deutschland Wien, 1888, S. 132). „Dafür hat die Kirche", heißt es weiter-, „die sieben strengeren sowie die dreißig Trauertage dem Judenthum entlehnt. „Bald folgt der Siebend, darnach der dreyßigst, so ist die Klag aus," sagt Sebastian Franck, der die zu seiner Zeit bei der Trauer um Verstorbene beobachteten Gebräuche tadelt. Mit Recht. Denn der „Dreißigste, dies trleesimus depositionis, wurde oft mit übermäßigem Esten und Trinken, wie mit tollem Maskenscherz begangen, so daß die Behörden gegen den Unfug einschreiten mußten. Diese Uebung entsprach allerdings nicht dem jüdischen Herkommen." ' Au diese Trauergebräuche mag sich nun ein Hochzeitsbrauch anschließen, den Professor Hillebrandt in den „Mittheilungen" (Nr. 4, S. 40) erwähnt, daß nämlich nach der indischen Vorschrift Angehörige Grashalme auf das Brautpaar werfen; „oder bei anderer Gelegenheit", heißt es da, „werden Bräutigam und Braut mit Reiskörnern oder anderem Samen bestreut . . . eine alte Sitte, die bei anderen arischen Völkern vielfach wiederkehrt. . . Bei ben Römern streute der Bräutigam Nüsse, bei den Kroaten bestreute inan die Braut mit Weizen, mit kleinen Münzen und Hirse in Bulgarien. In Berry in Frankreich werden die Brautleute mit Getreide und Haferkörner überschüttet; ähnliches in Mecklenburg, bei den Kleinrussen und sonst. Das Streuen der Körner bedeutet einen Wunsch der Fruchtbarkeit." Nun, diese Sitte ist auch heute noch wenigstens bei polnischen und mährischen Juden zu finden. Denn bereits im vierzehnten Jahrhundert wird über diesen Brauch in jüdischen Kreisen berichtet. In der Schilderung der Hochzeitsfeierlichkeit aus jener Zeit, heißt, bei Güdemann (a. a. O., S. 124): „Wenn die Braut an der Pforte des Tempelhofes angelaugt ist, begeben sich die Rabbiner und angesehene Gemeindemitglieder zu dem Bräutigam, führen ihn der Braut entgegen, und dieser nimmt sie bei der Hmid. In diesen: Augenblick werfen die Anwesenden, Weizeukörner über das Brautpaar und rufen dreimal: „Seid fruchtbar und mehret euch" (1 M. 1. 28). «-1 1—-! I---1 1-1 1-- iMU'IMM * | FEUILLETON | ^]f -1 1--as--1 1—1 I- Josef der Träumer. Erzählung von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetzung von Frau Dr. Iba Wedelt in Düsseldorf. II. ie gingen zu Bett. Manasse bestand darauf. Sie konnten unmöglich Josef bis zum Morgen erwarten. So sehr Rahel an ihres Mannes Strenge gewöhnt war, heute erschien sie ihr als Härte. Die Nacht war lang. Hundert schreckliche Visionen zogen an ihren schlaflosen Augen vorüber. Die fünf Ghettothore öffneten sich, Josef kam nicht durch sie. Die jüdischen Haussier zogen hinaus, angethan mit gelben Hüten, kleine Schubkarren, mit Weihnachtswaaren beladen, vor sich herschiebend. Hep, Hep, riefen sie kreischend, durch die Straßen Roms ziehend. Manasse, mit härter und strenger aussehendem Gesicht, ging in sein Geschäft. Jegliche Nachforschung innerhalb der Pfähle hatte er bis zum Abend verboten, Josefs Gesetzesübertretung sollte dem Feind nicht verrathen werden. In der Zwischenzeit konnte der Wanderer ja vielleicht zurückkehren. Bald nachdem Manaste das Haus Verlässen hatte, kam Miriam mit ängstlichem Gesicht, um zu fragen, ob Josef zurück sei. Sie hatte ein schönes, orientalisches Gesicht, in ihren Augen leuchtete Liebe und Mitleid, ein Gesicht, wie es die Maler der Madonna geben, wenn sie sich erinnern, daß die heilige