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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-17 · Heft 3 (17.1.1896) · p. Seite 31

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 3 (17.1.1896)
Date
1896-01-17
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
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31 selbst dem im unverfälschtesten Jargon sich abspietenden Dialog nur mit Mühe folgen. Was die Situation unendlich komisch machte' war nicht so sehr der Witz der. Bühne,, als das unsägliche Behagen der Zuschauerschaft, der die Bühnenfähigkeit des Jargons offenbar kindliche Freude bereitete. Die harmloseste Bemerkung, die jedes andere Publikum kalt gelassen hätte, wurde, weil in einem dein Publikum vertrauten und anheimelnden Dialekt gesprochen, mit überlauten Lachsalven bejubelt. Possirlich war's, wie sich die beiden Aristokraten die Köpfe darüber zerbrachen, welches Idiom das wohl sein möchte. Jüdisch könne das doch wohl nicht sein, da sie als echte Wiener ja selbst vortrefflich mauschelten und gleichwohl von der ganzen Handlung kein einziges Wort verstünden. Aber das Publikum amüsirte sie in so hohem Grade, daß meinen Reisegefährten erst im vierten Akt die Zeit etwas lang zu werden schien. Als am Schluffe des zweiten Aktes eine fröhliche chassidische Weise in flottem Tempo gesungen wurde, da war das Publikum kauni noch zu halten, und auch wir wurden dermaßen angesteckt, daß wir aus vollem Halse zu lachen begannen. Der Inhalt der Posse ist zum Wiedererzählen zu läppisch und zudem einem französischen Vaudeville, das ich vor Jahren itt Paris gesehen, offenbar nachgebildet. Viel breite Kleinmalerei, aber ohne Salz und eigentlichen Witz. Ich hatte viel Originelleres erwartet. Ter Vorwurf des Stückes, die Verspottung der Leichtgläubigkeit einer kleinen Jndengemeinde im tiefen Rußland, konnte von geschickter Hand dramatisch unvergleichlich besser ausgeinünzt werden, als dies hier seitens einer kindlich unbeholfenen dramatischen Technik geschehen ist. Gespielt wurde seitens der Komiker ganz vortrefflich, wenigstens dem Geschmack dieses Publikums durchaus angemessen. Mit Vergnügen koustatire ich, daß.jede, auch nur entfernte Anspielung ans Frivolität oder gar Zoten mit peinlicher Beflissenheit fern gehalten worden ist, zumal ich zu Gunsten des Publikums annehmen möchte, daß auch diese Zurückhaltung seinem Geschmack entsprach. Der acht Tage später stattfindenden Vorstellung eines , nationalen Dramas: „Die Makkabäer" konnte ich leider nicht mehr beiwohnen, will aber auch hier zur Ehre der in ihren Kreisen geschützten Autoren annehmen, daß sie in diesem Drama mehr Würde und künstlerischen Ernst an den Tag legen als sie es in einer so leicht angelegten Posse vermochten. Entsprach das Fazit des Abends auch meinen Erwartungen nicht, so verließ ich doch ohne Beschämung das Theater, lmd das ist immerhin etwas. — Wenn nach den Franzosen vom Erhabenen zum Lächerlichen mir ein Schritt ist, so werden wir vom mäßig Komischen zum vollendet Ernsten nur einen halben brauchen, und dieser führt uns nach Kusknndschnk, das, ans dem asiatischen Ufer des Bosporus gelegen, die Residenz des Chacham Baschi, d. h. des geistlichen Oberhauptes der gestimmten türkischen Judenheit, beherbergt. Jüdischer und allgemeiner Aberglaube. Von Dr. I. Babad, Bibliothekar in Greifswald. wird nicht in Abrede stellen können, daß, obwohl der Mofaismns und die spätere rabbinische Litteratnr den Aberglauben verpönten und ihn für eine Verwirrling des Glaubens hielten, dennoch im Laufe der Jahrhlinderte heidnischer und christlicher Aberglaube ins Jndenthnm drang, der bis auf den heutigen Tag sich hier erhalten hat. Es ist aber natürlich nicht meine Absicht, das ganze weitschichtige Gebiet des jüdischen Aberglaubens hier zu behandeln, sondern nur einige Parallelen ans diesem anzuführen zu dem, was kürzlich auf anderen Gebieten menschlichen Aberglaubens in den „Mittheiluugen der schlesischen Gesellschaft für Volkskunde, herausgegeben von F. Vogt und O. Jiriczek", Breslau 1894/95 (Jahrgang I., Heft 1—5) berichtet lvurde. So heißt es dort, (Heft 1, S. 5), wo Proseffor Vogt in Breslau über schlesischen Volksglauben handelt, daß in Schlesien und auch sonst die Redensart verbreitet sei, wenn ein heftiger Sturm wehe: „es hat sich Jemand erhängt". Diese Vorstellung und Redensart nun findet sich auch bei den Juden in Polen: bei scharfem Winde hört man gewöhnlich sagen: „'s 'ot sech ainer darhenkt" (es hat sich einer erhängt). Interessant war mir auch die Mittheiluug von Vogt (a. a. O. S. 11) vou dem Brauche in der Leobschützer Gegend, nach dem man am Christabend, also zur alten Zeit der großen Götter- und Geisternmzüge, den Familientisch die Nacht hindurch gedeckt stehen läßt, „damit die Engel ihr Mahl halten können", während in Liebau das Brod in dieser Nacht auf dem Tische bleibt. Das erinnerte mich an einen, mir von meiner frühesten Kindheit au bekannten jüdischen Brauch an den beiden Passah- (Oster-) Abenden bei den orthodoxen Juden, — eine Festfeier, die bekanntlich Heine im „Rabbi von Bacharach" so schön geschildert hat. Ich meine nämlich den vollen Becher Wein an jenen Abenden, — die Feier findet in gleicher Weise an den beiden ersten Abenden des genannten Festes statt —. der für den biblischen Propheten Elia eingeschenkt wird. Es spielt nämlich dieser bereits seit alter Zeit in den religiösen jüdischen Vorstellungen keine geringe Nolle. Wird er schon in der Bibel (1. Könige 17, 24) als „Gottesmann, in dessen Munde das Wort Jahves Wahrheit ist", bezeichnet, und stirbt er auch nicht eines natürlichen Todes, sondern wird im Sturm in den Himmel emporgehoben (2. Kön. 2, 11) so versetzt ihn die spätere jüdische Sage (die Aggada) geradezu in die Reihe der Engel, der den Menschen aus allen ihren Lebenswegen nur Gutes zuznfügen bereit und im Stande ist. (Bergt. Hamburger, Real-Encyklopädie für Bibel und Talmud. Bd. I. Berlin 1870, S. 298 ff.) Und so wird „Elje nuwe", d. i. Elia ha-nabbi „der Popbet Elia" bei altorthodoxen Juden bis auf den heutigen Tag als ein höheres, vor allem glückbringendes, Wesen angesehen. Daher ist es in den slavischen Ländern eine ganz gewöhnliche Sitte, daß eine jüdische Frau ihrem Manne des Morgens, wenn er zur Tageszeit von Hause weggeht, zürnst: „Elje nuwe soll Der (Dir) begegnen," d. h. daß er einen glücklichen Tag haben möge. Diesem biblischen Propheten nun wird, wie gesagt, an den beiden Osterabenden, nach dem Mahle, vor und nach welchem Gebete gesprochen werden, ein Becher, genannt der „Koß (hebr. kus: Becher) vin (von) Elje hanuwe" bis an den Rand mit Wein gefüllt, darauf die Thür geöffnet, — natürlich in dem Glauben und Hoffeu, daß Jener komme —, stehend wird dann ein Gebet gesprochen, und nachdem man sich wieder hingesetzt hat, wird der Inhalt des Bechers in alle Gläser der bei Tische anwesenden Personen vertheilt. Die Vorstellung ist also die, daß Elia in jedes jüdische Hans an jenem Abend konnue, vom Weine genieße und Glück und Segen bringe. Vogt spricht auch (a. a. O., S. 12) über die auf den Abschluß des Lebens bezüglichen Vorstellungen und Bräuche in Schlesien und erwähnt unter auderm „die Vorstellung, daß die Seele unter, allen Umständen bis zum. Begrätmiß noch in der Wohnnug oder gar im Körper bleibe." Aehnlich glauben die Inden in Polen, daß die Leiche, so lange sie nicht eiugesargt sei, alles höre und verstehe, was von der Umgebung gesprochen wird. Auch das in Schlesien bekannte und „schon vonBurcharv von Worms bezeugte Ansgießen von Wasser" (a. a. O., S. 13) im Falle, daß einer im Hause gestorben ist, kommt noch heute bei Juden im Osten vor; ein Brauch,

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