Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1896)
- Date
- 1896-01-17
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
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einer neuen jugeiidfrischen (Generation Platz zu machen, welche unter Fittigen der Alliance hinüberflattert in das Lichtreich einer menschenwürdigen, sozialen Zukunft. Ohne Bild gesprochen: Die junge Generation der Israeliten im Orient, die unter der Leitung der von der Alliance begründeten Schulen herauwächst, ist durch die breitere Bildnngsbasis in ganz anderem Umfange befähigt, ben im Orient doppelt schweren Kampf ums Dasein wohlgerüstet dnrchznlämpfen als das vorangegangene Geschlecht. Hier, wo die Bildung so rar ist und die Kenntniß des Französischen allein bereits ein wichtiges, wenn nicht das wichtigste Bildmigsmerkmal ist, hat das von der Alliance verbreitete Misten eine selbst mit Superlativen schwer zu überschätzende Bedeutung. Zur Jllnstrirnng dieses Gedankenganges genügen wohl folgende Thaisachen: Elias Pascha versicherte, das; alle türkischen Staatsbeamten jüdischen Glaubens, die sich gegenwärtig in Konstantinopel in Funktion befinden, ausnahmslos ehemalige Schüler der Alliance-Schulen sind. Ferner besteht an der Banqne Ottomane, dem bekannten ersten Finanzinstitnt der Türkei, seit etwa drei Jahren die vom gegenwärtigen Generaldirektor getroffene Einrichtung, daß neue Beamte nicht mehr auf Empfehlungen hin augestellt, sondern nur durch anonyme Konkurrenz unter den Bewerbern zngelassen werden sollen. Und der Erfolg? Vor dieser Einrichtung gab es keinen Beamten jüdischen Glaubens in der Bank und seit dieser Einrichtung ist kaum ein einziger nicht jüdischen Glaubens mehr hineingelangt. Und alle diese jungen Bankbeamten, die auf dem Wege der anonymen Konkurrenz, also durch Ueberflügeln der Anderen im ehrlichen Wettbewerb. 311 ihren Stellungen gelangt sind, sind wieder sammt und sonders ehemalige Schüler der Alliance. Mit einem Worte: was in den letzten Dezennien von den Inden im Orient in eine bessere soziale Schicht emporgestiegen ist, hat es lediglich der Erziehung zu verdanken, welche ihm die Alliance angedeihen ließ. Man werfe mir nicht ein, daß durch die Thätigkeit der Alliance das Jndenihnm vor seinen Feinden in seiner Jnternationalität bloßgestellt wird. Wenn es der Londoner oder Baseler Mission als hehre Hnmanitäis-Aufgabe angerechnet wird, daß sie durch ihre Schulen wilde Nassen zu zähmen und sie für die Knltnranfgaben des Christenthnms zu gewinnen sucht, so wird es uns kein Vernünftiger verargen, wenn wir in der vornehmsten Bedeutung des Wortes innere Mission treiben. Mit den Unvernünftigen, Widervernünftigeu oder gar grundsätzlich Uebelwolleuden haben wir überhaupt nicht zu rechnen, da alle Gründe naturgemäß wirkungslos an dem abprallen werden, der in seiner Voreingenommenheit um alles in der Welt nicht vom Gegenlheil seiner vorgefaßten Meinung überzeugt sein möchte. Haben wir selbst ein reines Gewissen, dann ist dieses unsere beste Wehr und Waffe. Und wir haben ein solches! Alle Schulen der Miance sind öffentliche, ja, sie werden zum großen Theil auch von Christen und Mohamedanern besucht; alle Berichte der Alliance sind öffentlich und werden jährlich in tausenden von Exemplaren unter offenem Kreuzband in alle Welt verschickt. Es wäre daher von unserer Seite eine unverzeihliche Schwäche und feige Kriecherei vor dem blinden Urtheil einer kläffenden Menge, wollten wir in unserem Eifer für das wahrhaft edle Werk der Alliance nachlassen, um nicht den falschen Schein der Jnternationalität zu erwecken. Seien wir doch nicht umgekehrte Deutsche! Während die Deutschen nach Bismarck bekanntlich nur Gott fürchten, sonst Niemand mehr, sollen wir doch nicht Alle fürchten, nur Gott nicht! — Ich hätte noch vieles über das Heilsame der Alliance-Schulen zu berichten, ganz besonders auch über ihre Handwerker-Schule in Jerusalem, welche die Moscheen und christlichen Kirchen in und um Jerusalem mit den besseren Schmiede-, Schlosser- und Schreiner- Arbeiten versieht, sowie über ihre Ackerbauschnle zu Jaffa, die jetzt jährlich fünfundzwanzig technisch gebildete 9(61-0110111611 entläßt und mit diesen die verschiedenen jüdischen Kolonien speist; aber ich behalte mir dies für eine spätere Arbeit und einen anderen Zusammenhang vor. Nur das Eine will ich zu Nutz und Frommen ängstlicher Gemüiher, die von der Alliance eine Schädigung des ceremoniellen Lebens befürchten, hier noch anfügen, daß man allüberall auf eine strenge Jnnehaltung des Ceremoniells bedacht ist. So müssen beispielsweise die Eleven der Ackerbauschnle zu Jaffa täglich drei Mal in der Instituts-Synagoge erscheinen und ihre Gebete ganz nach altem Rilns verrichten. Und jene zahlreiche israelitische Jugend, deren treffliche Haltung und rege Theilnahine an den verschiedenen Gottesdiensten in den Synagogen Konstantinopels mir angenehm anfgefallen war, rekrutirt sich ja ausschließlich ans Schülern der Alliance! Selbst der wegen seines orthodoxen Uebereifers besonders von den aufgeklärten Aschkenasim arg angefeindete Chacham Baschi, auf den ich sogleich zu sprechen komme, konnte sich nicht entbrechen, die in jeder, also auch religiöser Hinsicht musterhafte Haltung der Alliance-Schüler zu rühmen. Mit stark accentnirtem spagnolischen Stolz hob er mir gegenüber hervor, daß unter den spagnolischen Inden, die ja das reichste Kontingent zu den Alliance-Schulen stellen, sich kein einziger offen erklärter Freigeist befindet, der den Satzungen und Institutionen des Judenthnms auch nur entfernt so ostentativ Höhn spräche, wie dies in einer empfindlichen Anzahl von Exemplaren seitens der Aschkenasim in Konstantinopel geschieht. In Wirklichkeit habe, ich mich bei einem Rniidgaiig durch die lebhaftesten Geschäftsstraßen von Pera, Galata und Stambnl davon überzeugt, daß zwar einzelne Waarenhänser deutsch-jüdischer Firmen am Neujahrstage geöffnet waren, aber kein einziges spagnolisches. Es ist dies eine Beobachtung, die mir wiederholt anfgefallen ist. Auch in London, Paris, Rom und Alexandrien hatte ich zu verschiedenen Zeiten Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß es fast nur deutsche Inden sind, die an diesem Feste den religiösen Anstand und die Gefühle ihrer gerade in diesem Punkte ungemein empfindlichen Glaubensgenossen verletzen. Ehe ich zur Schilderung der ökonomischen und sozialen Stellung der Juden in Konstantinopel übergehe, wie ich sie ans der kompetentesten Quelle, dem Munde des Chacham Baschi, entnommen habe, mag hier ein heiteres Intermezzo seine Stelle finden. Am Abend des 21. September ließ ich es mir nicht 'nehmen, der im Stadt- Theater, d. h. im vornehmsten Theater Konstantinopels, stattfindenden Vorstellung einer rnmänisch-jüdischen Operette „Der Revisor, oder Terke und Schmerke" beizuwohnen. Das Drollige an dieser Vorstellung war für mich, daß zwei meiner liebsten Reisegefährten, österreichische Aristokraten ans bekanntester Familie, die sich mir freundschaftlich augeschlossen hatten, ohne bis auf den heutigen Tag meine Zugehörigkeit zu unserer Konfession zu ahnen, mich einlnden, in ihrer Gesellschaft der absonderlichen Vorstellung anznwohnen. Das Interessanteste an der Vorstellung war mir das Publikum, das ja vorwiegend aus Aschkenasim bestehen mußte, da die Spagnvlen kein Wort von der Vorstellung verstanden. War es mir also in der aschkenasischen Synagoge nicht geglückt, am Neujahrstage die ökonomisch besser situirten Vertreter der Gemeinde zu Gesichte zu bekommen, so waren sie hier um so vollzähliger erschienen. Das verhältnißmäßig große Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt, ja überfüllt. Selbst nnsß^^rei reservirten Plätze wurden von der demokratisch angehauchten Zuhörerschaft nicht respektirt. und mir dem energischen Eingreifen eines dienstthnenden Theater- Schammes hatten wir es zu danken, daß die Usurpatoren unserer Plätze vertrieben und wir in unser Eigenthum eingesetzt wurden. Bevor sich mein Ohr eiugewöhnt hatte, konnte ich