Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- Seite 24 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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24 „Wie?!" klcmg es aus dreißig Kehlen; die Einen lachten, die Andern waren, ernst, aber alle gleich verblüfft. Eine Jüdin . . . sie trauten ihren Ohren nicht. Und Einer rief: „Unsinn, welcher jnnM Moschko sott denn der Glückliche sein?" „Kein Moschko!" jammerte die Kasia. „Ach, wenn es ein Jude wäre, dann wäre ja das Unglück nicht gar sv groß. . . Aber es ist ja . . Und wieder konnte sie vor Weinen nicht tveiter. Der dicke Onufrij schnellte vor Erregung von der Bank empor, imb seine Angen richteten sich trinmphirend ans den Pfarrer. Aber dieser hatte sich gleichfalls erhoben und trat zürnend auf die Kasia zu. Auch sie sollte in dieser Stunde erleben, daß. das Kapitol und der tarpejische Fels nahe bei einander liegen; die Stunde ihres höchsten Triumphs als Dichterin sollte auch die ihrer schlimmsten Niederlage werden. „Schweig', Du Klatschbase \ " rief er heftig und faßte sie am Arm. „Daß Du die Tochter Deiner Brodgeber in Verruf bringst, ist häßlich genug, und nun willst Du's gar noch mit ehrlichen Christenleuten thun?!" „Ich?!" schrie die Kasia auf. „Hochwiirdigcr, das verzeih' Euch Gott. . . Ihr Leute, Ihr seid mir Zeugen. . Und sie that, als ob sie in Ohnmacht fallen müßte. Aber das rührte den Popen nicht. „Komm!" befahl er und .schleifte sie hinter sich her zur Schäntstnbe hinaus. „Ich will Dir schon ben Mund stopfen!" „Hochwürdiger." jammerte sie, „die Jüdin jagt mich davon!" „Da geschähe Dir Recht," erwiederte er und trat, die Magd noch immer hinter sich schleifend, in die Wohnstube. Das Bild, das sich ihm da bot. berührte ihn seltsam. An einem der Fenster stand der Kleine, das Antlitz gegen Osten gewendet, den Leib hin- und heriviegeud, auf den Zügen den Ausdruck innigster Versunkenheit; die Lippen murmelten die gewohnten Gebete, nur zuweilen suchte der Blick die Stelle in dem vergriffenen Büchlein, das vor ihm aufgeschlagen lag. Am anderen Fenster standen Chane und die Tochter, auch sie in ihrem besten Gewände, wie der Vater, auch sie betend, nur daß sie beu Blick auf ihr „Weiberbuch" geheftet hielten und jedes Wort der frommen, jüdisch-deutschen Betrachtung halblaut vor sich hin sprachen: „Den Sabbath mußt du heiligeil durch Ruhe und Gebet, aber am besten thust du ihn heiligen durch rin gut Werk, denn wie Bruder und Schwester sollen dir alle Menschen sein." (Fortsetzung folgt.) Kprerhsaat. Geehrter Herr Redakteur! f estatten Sie mir eine kleine Ergänzung zu den sehr richtigen und weitgreifenden Erörterungen über die Ehescheu der Männer von Frau Negine Neisser in einer Ihrer letzten Nummern. Die Frage, warum die Männer nicht heirathen, sollte eher lauten: Warum ist die moderne Ehe in Mißkredit gekommen? Warum scheuen die Männer wie auch die Mädchen vor diesem der Menschheit geheiligtem Bunde so vielfach zurück? Das, was man früher als das höchste Glück, als das Endziel der Männer und der Frauen ansah, wird heute so lange als möglich hinausgeschoben, um schließlich in der unpraktischsten, leichtsinnigsten Weise, eventuell mit wahrem Galgenhumor geschlossen zu werden, wenn nicht der Mann es vorzieht, Junggeselle zu bleiben, und das Mädchen in irgend einem Lebensberufe ihre Befriedigung findet. Diese Gleichgiltigkeit gegen die Ehe wird durch alle möglichen Ausflüchte entschuldigt und beschönigt. Die Einen klagen die moderne Mädchenerziehung an, die Andern die Habsucht der Männer oder den luxuriösen Aufwand des modernen Lebens. Blicken wir nun wirklich nach dem wunden Punkte aus, so finden wir doch eigentlich die Sache nicht so schlimm, als man sie darzustellen bemüht ist. Es giebt, Gottlob, noch genug wohlerzogene Mädchen aller Klassen, die jeder gerechten Anforderung entsprechen können. Nicht alle Mädchen sind vergnügungssüchtig, verschwenderisch oder unfähige Zierpuppen! Wollten sich die Herren der Schöpfung etwas männlich würdiger bei per Wahl ihrer Ehehälften benehmen, würde es viel weniger unpassende Ehen geben. Wenn der angehende Ehemann sich fragt: Was verlange ich von Meiner Frau und nach einer präzisen Antwort, die er sich giebt, sucht und wählt, wird manches heimliche Unglück und Elend in der Ehe, manche Enttäuschung verhindert. Der Geschäftsmann, der eine tüchtige Arbeitskraft und Stütze braucht, möge unter solchen Mädchen wählen, die von solchen Eltern in gleicher Weise zweckentsprechend erzogen wurden und an Arbeit gewöhnt sind. Diesen wird dann die Arbeit nicht schwer fallen. Der Gelehrte möge eine geistig Ebenbürtige wählen, die ihm und seinem Gesellschaftskreise entspricht, sie kann und soll sogar häuslich und wirthschaftlich sein. Deshalb aber darf er keine Köchin und kein Arbeitsmädchen aus ihr machen! Die höheren und besseren Kreise mögen sich Gesellschaftsdamen wählen, deren Mitgift und Erziehung ihnen das Recht giebt, ihrer Stellung und Geschmacksrichtung entsprechende Ansprüche ans Leben zu stellen. Heutzutage leider sieht der Mann in der Ehe eine Versorgungsanstalt, die Frau steht dabei ganz in zweiter Linie. Der Eine will sich mit der Mitgift etabliren; gewöhnlich geht diese bald verloren und die unpassende Frau bleibt. Der Gebildete sucht die Reichste, weil ihn seine Bildung hierzu berechtigt. Er ist dann aber höchlich überrascht, wenn sein Einkommen nicht hinreicht, den Ansprüchen der an Reichthum Wohlleben gewöhnten Dame zu genügen. Wie selten kommt es vor, daß ein junger Mann seiner Erwählten ehrlich sagt, wie viel er jährlich verdienen kann! Alles wird im schönsten Lichte dargestellt, um hinterher die größte Enttäuschung hervorzurufen. Die Mitgift ist und bleibt der einzige und schlechteste Ehestifter! So lange kein anderer Modus dafür gefunden und gewählt wird, so lange wird die Ehe in Mißkredit sein und bleiben! Der Mann soll erst sparen lernen, die nöthigen Mittel zur Gründung eines Haushaltes besitzen und seine Fähigkeit dazu beweisen, ehe er an die Ehe denkt. Dann soll er eine geeignete Frau wählen, nicht nach ihrem Vermögen und nicht nach ihrer äußeren Erscheinung, sondern nach ihrem wahren innern Werth und persönlichen Eignung für seine Stellung und seine Bedürfnisse; dann ist er ein Mann und würdig einer Frau, wie sie es sein soll, eine Stütze seines Lebens und seiner Thätigkeit, und eine liebevolle, aufopfernde Gattin. Der uioderne Egoist, der Mitgistjäger, der nicht einmal sich selbst ernähren kann, die Mädchen und Eltern durch Vorspiegelungen irreführt, der hat die Ehe in Mißkredit gebracht. Es ist tausendmal besser, ledig 511 bleiben, in Frieden sich zu ernähren, als solche Ehe einzugeheu. Wer eine tüchtige Frau braucht, soll sie nur sorgfältig suchen, es giebt deren noch genug, die alle Ansprüche befriedigen. Wer eine Mitgift sucht, soll nicht klagen, wenn er eine Frau als Zuwage kriegt, die zu nichts weiter gut ist. Den Mädchen, und noch mehr ihren Eltern, rathe ich, die Erziehung der Mädchen sei solcher Art, daß sie selbständig sich ernähren können. Man mache sie mit dem Gedanken vertraut, die Ehe ist wohl die Bestimmung, muß aber nicht das Loos aller Mädchen sein. Wo die Ehe nicht auf wahrer Herzensneigung und solidem Seeleneinklang gegründet ist, da wird sie nicht nur kein Glück, sondern ein Unglück für die Betheiligten. Den jungen Männern, die herablassend auf die Mädchen herabblicken, selbst nichts sind und nur durch die Heirath etwas werden, diesen weise man nnnachsichtlich die Thür, sie haben die Ehe in Mißkredit gebracht, die Frauen zu einem Lebeusberuf gezwungen, der sie nicht beglückt. Die Zeit wird noch kommen, in welcher die Männer eine Frau, aber keine Mitgift suchen; dann werden beide Theile glücklich sein, und das wirkliche Eheglück kehrt wieder in die Familie ein. Mit dem Ausdrucke der Hochachtung Teplitz, im Januar. Jessie Kurrein. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Baurbwit; tu Berlin.