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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-10 · Heft 2 (10.1.1896) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 2 (10.1.1896)
Date
1896-01-10
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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23 ihr Haus allein, Manasses war zum großen Theil vermiedet, denn Wohnungen wurden im Ghetto, das nur einen bestimmten Raum zur Ausdehnung hatte, für eine immer wachsende Bevölkerung immer kostbarer. (Fortsetzung folgt.) '$r ifi'tb MeihnachtsKuchkn und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) fte Scheherezade Don Winkowze verstand sich auf ihre Kunst. Erft nachdem diese Neuigkeit gründlich abgethan war, lies; sie ihre zweite und ungleich Pikantere folgen. Aber als ehrliches Weib, das seine Schwüre zu halten pflegte, schwatzte sie auch beileibe nichts aus, sondern fragte nur. Da trat sie also an den Tisch, an dem die beiden gewichtigsten Männer des Dorfes saßen: Harasim, der Richter, und Ouufrij, der Schmied, und warf leichthin, aber mit einem geheimnißvollen Lächeln, das sofort Besonderes erwarten ließ, hin: „Wer, meint Ihr wohl, soll sich diese Woche in Halicz verlobt haben?" „Nun?" „Nein! Rathel! Bon wem würdet Ihr wohl am wenigsten glauben, daß er noch auf solche Gedanken kommt?!" Sie ergriff das leere Glas des Richters und ging hinter die Barre, es zu füllen. Und zwar ging sie sehr langsam und brauchte auch zum Füllen viel Zeit. Darum konnten die Beiden ihre Bermuthnngen austanschen. Gewiß war eben zunächst nur eins! es war gewiß ein sehr altes Männlein oder Weiblein. Als Kasia zum zweiten Male gekommen und gegangen war, wußten sie, daß es ein Mann sei, und beim dritten Male: ein Jude, beim vierten ein reicher Jude. Aber weiter konnten sie nicht, denn in den Augen der Bauern waren die meisten Inden von Halicz reich. Und als Kasia ihnen dadurch auf die rechte Spur zu helfen suchte, daß sie den Schmied fragte: „Du solltest es doch wissen?!" da führte dies zunächst zu keinem Ergebnis;. „Ich?" fragte der Schmied und kratzte sich nachdenklich hinter dem Ohr. „Der Mosche Erdkugel? Aber der hat ja ein Weib! Oder der alte Srulko Dubs? Ist auch verheirathet! Oder der Mortche? Oder der Schmulko! Oder der Jankel?" Die meisten Juden von Halicz waren seine Gläubiger, und daß ihn David Münzer zuweilen in Nahrung setzte, weil die Fuhrleute des reichen Unternehmers manchmal in der Schmiede die Pferde beschlagen ließen, daran konnte Ouufrij nicht denken; er dachte überhaupt selten an die Arbeit. Es währte lange, bis die Bauern von Winkowze erfuhren, daß der reiche Greis in der Dampfsäge der glückliche Bräutigam sei. Und noch länger währte es, bis sie wußten, wer die Erkorene sei. obwohl ihnen Kasia sagte: „Den Namen kann ich Euch nicht nennen, aber rathet einmal, wen Ihr alle kennt!" Denn daß die Miriam gemeint sein konnte, fiel ihnen gar nicht bei. Und als Onnfrij endlich auch ihren Namen nannte und Kasia es bestätigte: „Um H'nnmelswillen, Ihr seid mir alle Zeugen, daß ich's nicht gesagt habe!" da wollten sie's noch immer nicht glauben. „Unmöglich! — das Kind!" riefen einige. „Ein Kind ist sie nun gerade nicht mehr," lachte der Schmied, und bewies dies durch einige kräftige Sätze. „Und ich kenn' Einen im Dorf —" Da hielt er aber auch inne. Das Mahnwort seines Popen kam ihm in den Sinn und lähmte ihm die Zunge. Um so flinker ließen die Anderen die ihren spielen. „Schimpf und Schande!" riefen die Meisten, „ein Kind so zu verhandeln!" Nur wenige vertheidigten den Vater. „Der arme, dumme Leibko hat sich eben nicht anders helfen können! Und bei den Juden ist es nun einmal so! Wenn er nur nicht so viel Geld bekommen hat, daß er die Pacht aufgiebt — dann bekommen wir keinen nngewässerten Schnaps mehr!" „Bei den Juden ist es nun einmal so!" — das war auch das Urtheil des Popen Hilarion. Der junge Priester donnerte stets gegen den Wirthshansbesuch am Wochentag, war aber doch fast jeden Sonnabend im Schänkzimmer zu finden. Hier fand er seine Leute beisammen und konnte unter Umständen ein kräftig Wörtlein mit ihnen reden. Das war hier viel wirksamer, als wenn er sie zu sich entbot oder in ihren Hütten aufsnchte. „Meine Predigten am Sonnabend helfen mehr, als die am Sonntag", pflegte er seinen Amtsbrüdern mit einigem Selbstgefühl zu sagen und hatte Grund dazu. In ihm also fand Leibko den wärmsten Bertheidiger. Und nicht blos, weil er den armen kleinen Menschen schützte, sondern auch, weil ihn die Nachricht um des Janko willen freute; das vertrieb wohl den „vernichten Wahnsinn." den der Teufel dem jungen Bauer in den Kopf gesetzt. „Diesen gottverdammten Juden, Ihr Leute," setzte er seinen Hörern auseinander, „ist eben auch die Ehe nur ein Geschäft. Diese Juden ..." „Freilich!" fiel ihm der Richter Harasim ins Wort. Er hatte seine einzige Tochter und Erbin, nachdem ihn ein junger Knecht auf seinem Hofe zweimal Großvaterfreudeil halte erleben lassen, mit einem alten reichen Bauer verheirathet, der auch die Kinder ruhig mit in Kauf genoinmen. „Die Jllden . . ." „Halten aber auf Zucht und Ehrbarkeit," schnitt ihm der Pope die Rede ab. „Dort könnte, weiin die Verfluchten überhaupt so schöne Bräuche Hütten, jedes Mädchen mit dem Kränzlein im Haar vor den Altar treten. Nur das ist leider unter Euch anders! . Denn auf Geld seht auch Ihr, und Reich gesellt sich zu Reich und Arm zil Arm." In dieser Tonart ging's noch lange fort; an saftigen Beispielen fehlte es nicht, zur Freude aller Unbetheiligten, zum Verdruß der Betroffenen. Aber fast noch mehr als diese ärgerte sich die Kasia. Denn so lang der Pope in der Schänke war, konnte sie nicht halb soviel reden, als sonst. Und darum rief sie ihm, als er freudig schloß: „Das.ist einmal eine Nachricht, die ich mir gefallen lasse!" schadenfroh zu: „Aber, Hochwürdiger, es wird ja wahrscheinlich doch nichts d'rans!" „Warum nicht?" „Kann ich nicht sagen. . . Ich bin - ja keine Schwätzerin. . . Aber kann man denn ein Mädchen verhandeln, wie eine Kuh?!" „Sie wird sich nicht sträuben," erwiederte der Pope. „Das kommt bei den Inden nicht vor. Da gehorchen die Kinder den Eltern." „Aber wenn sie besondere Gründe Hütte —" Sie stockte. „Du meinst, weil der Bräutigam zu alt —" „Oder ein Anderer jung ist," siel Harasim ein. Denn er war nun gegen die Sache, weil der Pope dafür war. Aber er dachte sich nichts weiter dabei und war sehr erstaunt, als ihm die Kasia scheinbar tief erschreckt znrief: „Schweigt! . . . Um Himmelswillen, Richter, verrathet das Geheimniß nicht. . . Wie Ihr dahinter gekommen seid, mag Gott wissen, von mir habt Jhr's nicht erfahren, das kann ich beeiden. . ." Sie begann zu schluchzen. „Oh, ich schweige. . . Das arme Kind ist ohnehin unglücklich genug. . ." Die Thronen waren vorlänsig noch nicht zu sehen, sie steckten wohl in der Kehle, denn sie erstickten ihr die Stimme.

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