Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-10 · Heft 2 (10.1.1896) · p. Seite 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 2 (10.1.1896)
Date
1896-01-10
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228151--52502-3258127
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWWWMU 'WMWMWW 22 Glaubensgenossen, Aschkenasim und Sephardinr, hier nur spärlich — etwa ein Minzan stark — vertreten sind; und sie sind Alle ebenso arm wie ich. Aber die Samaritaner sind größtentheils reiche Leute und besitzen Häuser und Ackerland, besonders ihre Priester. Hieraus können Sie ersehen, daß das, was Ihnen der Oberpriester von ihrer Armuth geschrieben, unwahr ist. Ich bitte aber, dem Oberpriester nichts hiervon zu schreiben." ... Inzwischen habe ich auch das qu. Gebetbuch erhalten und zum größeren Theil bereits durchgesehen. Es beginnt — natürlich in samaritanischer Schrift, die nur hin und wieder von arabischen Bemerkungen unterbrochen wird — mit Citaten resp. Auszügen ans beul 1. Buch Mose, dann folgt die zweite Hälfte des Deuteronomium und schließlich poetische Stücke (Selichoth). Vielleicht gestattet es mir die Zeit, in Bälde etwas daraus zu veröffentlichen. —i i—-> II-----, W«M!!It»»>IWWIIIWD i—, 1— DM 1 FEUILLETON i 2 1 mmmm MiMMMMMMlMMWUMMMiMMMltMMMlMllWEllttiMMMlliLtÄ MMWMuinMMkMlllMMMMfUtMsimMMWMMMitMMMtrWMMM ——-sfr— 1 1—1 murjfliuißSxZ l- Joseph der Träumer. Erzählung von I. Zangwill. Autorisirte Uebersetzung von Frau Dr. Jda Wedell in Düsseldorf. I. ir dürfen nicht länger warten, Rachel," sagte Manasse mit leiser ernster Stimme. ..Mitternacht naht heran!" Rachel hörte auf zu schluchzen und lauschte andächtig den Segeussprüchen, die ihr Mann anflimmte, aber ihr Herz fühlte keine religiöse Freude bei der Erinnerung, lvie der Gott ihrer Väter sie Alle und ihren Tempel vor der hellenischen Entweihung bewahrt hatte. Es verzehrte sich in Angst um das Schicksal ihres Knaben, des Schülers, der unverantwortlicher Weise zum ersten Mal den häuslichen Eeremonien des Weihefestes fern geblieben war. Was that er außerhalb der Thore des Ghetto, in -dem großen, dunkeln, engen Rom. dem päpstlichen Gesetz trotzend, noch dazu von allen Rächten des Jahres gerade in dieser nnheildrvhenden Nacht, in dadurch ein Zusammentreffen der Zeitrechnung der Christ die Geburt seines Heilands feierte? Mit trüben Angen sah sie in ihres Mannes ernstes, strenges, von weißem Haupthaar umwalltes Gesicht, sah, lvie er mit dem überzähligen Wachslicht die Kerzen ans dem nennarmigen silbernen Leuchter entzündete. Er trug einen langen mit Kapuze versehenen Mantel, der bis zu den Füßen reichte und mit einem Gürtel geschlossen war. Diese düsterfarbigen Kleider waren alt imd schon gebraucht, wie die strenge Einfachheit des Gesetzes verlangte. Das jüdische Konzil der „Sechzig" erlaubte seinen Bekennern nicht, die Mäntel in Falten zu legen, wie die Römer in jenen Tagen des Pnrpnrglanzes es thaten. „Gesegnet seist Du Herr unser Gott," sang der alte Mann, „König der Well, der uns geheiligt durch seine Satzungen und nns geboten hat, das Licht der Tempelweihe anzuzünden." Mit zitternder Stimme fiel Rahel ein in die alte Hymne. „O Fels meines Heils," sang die alte Frau, „Dir danken wir, Dich loben wir, möge Dein heiliges Hans wieder hergestellt werden, daß wir Dir Dankopfer darbringen, wenn Du vernichten wirst die Feinde und die Deinen heiligen Namen lästern, ich will ein Loblied singen und beginnen die Weihe Deines Altars." Aber ihre Phantasie schweifte durch die dämmerigen, schlecht beleuchteten Straßen der finstern Stadt, geschärft durch die Hellsicht der Liebe. Arrest durch die Sbirren war gewiß, andere Gefahrendrohten, wüste Gesellen, Bravos, tnachten die Straßen nnsicher. Sicherlich bot Rom seinen Inden sicherern Schutz als manche andere Stadt, die ja. durch ein Wunder, ein unleugbareres als jenes, welche sie gerade hellte feierten, von der Gebilrt Christus' an im Herzen der Christenheit gewohnt hatten — das ewige Volk der ewigen Stadt. Das Ghetto war nicht Zellge gewesen solcher Schrecknisse wie in Prag. Frankfurt und Barcelona. Die blutigen Orgien der Kreuzfahrer hatten lveit von der Hauptstadt des Kreuzes gewüthet. In England, in Frankreich, in Deutschland hatteli die Juden, dieser Sündenbock der Nationen, die Brunnen vergiftet, den schwarzen Tod verursacht, die Hostien dlirchbohrt, Kinder ihres Bllites witlell getödtet, die Heiligeil gelästert Ulid alles gethan, was die Einbildungskraft der anfgehetzten Gläubigen erhitzen konnte. Aber die römischen Juden' waren nur boshafte Ketzer. Und doch war Blutvergießeil nicht unbekailnt, lind der Sang erstarb auf Rahels Lippen, obwohl der härtere Manasse lloch fortfuhr zu singen. „Die Heiden stairden auf wider mich in den Tagen der Haslllontter, sie riffen nieder die Mauern meiner Thürme und gossen aus die Kannen des Oels; aber aus einem übriggebliebenen Fläschchen entstand ein Wunder für Deine Getreuen und die Mällner Deiner Lehre, so weihtell sie diese acht Tage für Saug und Preis." Sie waren wohlhabende Leute, uild Rahels Kleid zeigte die Grenze, die das Gesetz ertaubte: ein altes, gebrauchtes Seidenkleid, am Hals durch eine Nadel mit einer Perle geschlossen, ein Armband, eiil Ring am Finger, ein einfach gewirktes Halstllch, das Haar in eili billiges Netz gesteckt. Sie sah auf den neunarmigen Leuchter, llild eine seltsame Traurigkeit überfiel sie. Hätte sie doch neun Söhne im Haus wie Miriams Mlltter, eine wahre Mutter in Israel, aber ach: sie hatte nur ein Licht, ein kleines Licht. Ein Hallch, uild es erlosch, ihr Lebell wurde dlmkel. Daß Josef nicht im Ghetto, war gewiß! Absichtlich würde er ilie ihr solche Ailgst bereitet haben, und in der That, sie, ihr Gatte lind Miriam hatten alle möglichen Plätze des Viertels schon abgesucht, sogar die sumpfigen Baumgänge, die bei jedem Uebertreten des Tiber solch' fiebrige Schlammablagerungen bedeckten, wo verkümmerte Männer und runzlige Frauen durch die Straßen schlichen und eine kränkliche Brut halbnackter Kinder umherschwürmte. Unruhe hatte er ihnen oft gemacht, aber nie eine wie diese, ihr fonberbarer Abkömmling, ihr „Josef der Träumer", lvie sein Spottname lautete, ihr hübscher, sorgloser, schwarzäugiger Sohn, mit seinem feinen, länglichen Gesicht, seinen zarten, olivenfarbigen Zügen. Rabbi der Gemeinde sollte er eines Tages werden, obwohl das Feuer seiner plötzlichen Einfülle, die besser nicht geweckt wurden, oft seine besonnenen Lehrer erschreckte. Warum war er nicht gleich anderen Söhnen, warum zog er unachtsam seine Straße, warum weinte er über die weltlichen hebräischen Lieder der Minnesänger, als. ob es „Selichoth" oder „Bußpsalmen" seien? Warum heirathete er nicht Miriam, wie doch das Mädchen ersehnte? Warum folgte er nicht der Sitte des Ghetto, warum willigte er nicht in eine Herrath, so passend für die Kinder zweier alten Freunde, beide gleich wohlhabend, beide das Ins Gazzaga besitzend, das Pachtrecht der Häuser, nur durch eine verfallene, alte Halle getrennt, am Ende der Bia Rua, die an die enge, kleine Straße Delle Azzimelle, in welcher die Passahbrode gebacken wrrrdeu, stieß? Miriains Familie, weil groß, bewohnte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.