Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
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20 welche der von der Alliance vor nunmehr fünfundzwanzig Jahren gepflanzte Baum der Erkenntniß gezeitigt hat. Kein warm fühlender Mensch, einerlei welchen Glaubens, besonders aber kein Israelit von Geschmack und Sinn für völkerpsychologische Weiten, sollte es verabsäumen, die Schulen der Alliance') im Orient zu besuchen und sich das Schauspiel mit anzusehen, wie eine neue Generation von strebenstüchtigen, für den Kampf ums Dasein besonders im Orient glücklich ausgestatteten Jünglingen geradezu gezüchtet wird. Ich hätte nicht gedacht, daß ein so verwester, knorriger Baumstumpf, wie das spagnölische Judenthnm mir stets zu sein schien, durch das Aufpfropfen frischer pädagogischer Schößlinge so herrliches junges Reis aus sich heranstreiben könnte. ->#<- Usn den Samaritanern. Von.Rabbiner Dr. B. Königsberger in Paservalk. (§?^^ohl den meisten der Leser dürfte der Name jener Bevölkerung SamariaS bekannt sein, des mittleren Theiles des heiligen ®u Landes, das seinen Namen von der Hauptstadt (das alte Sichem) hat, welche von Kolonisten abstammt, die Salmanassar von Assyrien in die von ihm durch Besiegung des Königs Hosea von Israel eroberte Hauptstadt Sainaria aus verschiedenen Städten seines Reiches brachte und dort ansiedelte (2. Kön. 17, 24). Anfänglich den heimathlichen Götzen dienend, veranlaßte sie eine von Gott über sie gesandte Plage — reißende Löwen brachen unter ihnen ein und tödteten viele von ihnen — sich dein Judenthnme zuzuwendeu und den Gott Israels anzubetei,.. Sie werden daher von den altjüdischen Weisen Gere aröjöth (Löwenproselyten) genannt; als man ihnen aber nachforschte, fand, man, daß sie auf dem ihnen heiligen Berge Garisim eine Taube — vielleicht ist dies einer der Götzen, die a. a. O., Vers 30, erwähnt werden — göttlich verehrten, erklärte sie von da an für Gere sclieker (Lügenproselyten) und betrachtete sie vollends als Heiden. Die Feindschaft, welche Juden und Samaritaner (im Talmud. ÖWD „Kuthäer", von der Stadt Kntha, aus der ein Theil derselben stammte) trennte, zumal sie durch Sernbabel und Josua von der^ Theilnahme am Bau des ztveiten Tempels ausgeschlossen worden waren, kam in den Verleumdungen zum Ausdruck, welche die Samaritaner über die Juden am persischen Hofe ausstreuten und die eine fünfzehnjährige Unterbrechung des Tempelbaues zur Folge hatten. Indem wir von der Schilderung der Ränke absehen, die der Samaritaner Samballat, unterstützt von einigen vornehmen jüdischen Familien, gegen Nehemia schmiedete, erwähnen wir hier noch ihr Auftreten zur Zeit Alexanders des Großen. Als dieser mächtige macedonische König sich Palästina näherte, erkauften sich die Samaritaner von ihm eine Strecke auf dem Berge Morijah, wo, der Tempel stand, in der Ausdehnung von 5 Kur (gleich 46 preußische/ Morgen) intb wollten damit die Berechtigurig erlangen, den Tempel, *) Hier dürften dem Leser einige statistische Notizen über die Ausdehnung der Alliance-Schulen in Konstantinopel nicht unwillkommen S sein. An zwölf von der Alliance unterstützten Schulen werden 2256 Kinder beiderlei Geschlechts unterrichtet. Das Budget sämmtlicher Schulen beziffert sich auf rund 125,000 Fr. jährlich; die größere Hälfte dieser Sunnne (68,000 Fr.) wird von der Alliance bestritten. Zur Mädchenschule in Haiskoi leistet die Anglo-Jenish-Affoziation 5000 Fr.1 jährlich. Der Rest setzt sich ans den kärglichen Beiträgen der Regierung i und der jüdischen Gemeinde, aus Schulgeldern und einem — regulären Defizit zusammen. der alsdann auf ihrem Gebiete stand, zu zerstören. Das sofortige Eintreten des Hohenpriesters Simon des Gerechten, welcher in jenem berühmten Aufzuge Alexander entgegenging, wendete die Gefahr ab. Dieser Tag ward als Freuden tag erklärt. (Dieser Bericht, den iiuut sonst nur aus bem babylonischen Talmud 69a kannte, hat seine eigentliche Quelle in Megillath Taanith IX, woraus ihn der Talmud hat.) Es war nach Meg. Taan. der 21. Kislew (nach dem Talmud der 25. Tebeth); der Tag wurde nn DT „Tag des Berges Garisim" genannt (der, wie gesagt, den Samaritanern heilig war), weil die verschmitzten Samaritaner von den Juden, benen sie von Alexander preisgegeben wurden, an den Noßschweisen bis zu diesem Berge geschleift wurden. (Bergt, noch die Erzählung bei Josephus, Jüd. Alterthümer XI, 8, wonach der Reiter des Tempels Simous Großvater, der Hohepriester Jaddus, gewesen fein soll.) Die ganz energischen Maßregeln Nehemias veranlaßte,t Samballat, auf dem Berge Garisim einen Tempel nach den Angaben der Thora zu erbauen, zu dessen erstem Hohenpriester er seinen Schwiegersohn Menascheh, einen nnznfriedenei, Inden ans priesterlichem Geschlechte, einsetzte. Der Pentateuch wurde als Grundgesetz ausgenommen, an den sich das Buch Josua und später eine samaritanische Geschichte anreihte. Die von dem bekannten französischen SchriftstellerPierre Lot, im Frühjahr dieses Jahres unternommene Reise nach Palästina und sein Bericht, daß er auch nach Nablus (Neapotis) — so heißt heut die Hauptstadt Samaria, das alte Sichem — zu den Samaritanern gekonuneu, weckte in mir die Neugierde und das Verlangen, Näheres von dieser Sekte, vielleicht direkt von ihnen zu erfahren. Lot, hatte berichtet, daß er bei seinem Eintreffen in Nablus die Stadt ,vie ansgestorben gefunden und schließlich von dem Oberpriester derselben, Cohen Jacob (bei, Aharon) erfahren habe, daß die Samaritaner am folgenden Tage ihr Pessachfest feierten und deshalb auf die Spitze des Berges Garisin, gezogen waren, um dort das Pessachlamm nach der biblischen Vorschrift zu opfern; daher seien alle Straßen ihres Viertels leer. Auch er sei mit seiner Familie auf den Berg gezogen und nur, weil er etwas vergessen, noch einmal zur Synagoge heruntergekvnnneu. Herr Loti wollte auch erfahren haben, daß die Samaritaner vom jüdischen König Menascheh veranlaßt wurden, die Lehre Mosis a„- zunehmen, und nennen sie daher alle ihre religiösen Feste und Ceremonien nach diesem Könige, so auch „Menascheh's Pessach" (TO3£ bv HDS). Der genannte französische Schriftsteller besah sich alsdann noch die weltberühmte Thorarolle der Samaritaner, welche wohl in samaritanische,, CH3J? 2N2, nicht altphönizischei, Schriftzügen) geschrieben ist (vergleiche S. Kohn, de pentateuclio etc. p. 2.); die Sprache der Bibel ist hebräisch. Wie eine Note am Ende der Nolle besagt, soll sie von Pinchas, dem Sohne Eleasars und Enkel Aharons, im 14. Jahre nach der Ankunft der Kinder Israels im gelobten Lande geschrieben worden sein. Ich wandte mich nun, wie gesagt, mit einem hebräischen Schreiben an den Oberpriester der Samaritaner und erbat mir von ihn, Auskunft über ihre Zahl, ihre Lage und Bildungsverhältnisse, über das genannte „Pessach schel Menascheh“ und äußerte zugleich den Wunsch, in den Besitz eines ihrer Bücher zu gelangen. Vorgestern erhielt ich die Antwort des Obecpriesters, die ihm ein jüdischer Uhrmacher in Nablus in hebräischer Sprache und Schrift geschrieben. Sie lautet (nach den üblichen einleitenden Titulaturen — die Adresse, welche von, Schreiber mit lateinischen Buchstaben geschrieben war, war außerden, noch von der Hand des Oberpriesters in hebräischer Cnrsivschrift ansgefertigt worden): Sichem, Freitag, 7. Marcheschwan 5656. Ich beehre mich zunächst. Ihnen nntzutheilen, daß ich Ihr werthes Schreiben schon vor einigen Wochen erhalten und gelesen habe; bis