Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
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19 •¥ kaum der zureichende Grmrd dieser auffalleilden Erscheinung sein, da man in der Türkei von jeher durch Geld und gute Worte (eventuell auch ohne letztere) alles dnrchzusetzen vermag— abgesehen davon, daß die Juden in der Türkei sich seit Jahrhunderten einer ausnehmend glimpflichen Behandlung seitens der Sultane zu erfreuen haben. Auch der Mangel an Wohlstand und gutem Willen endlich'sind keine Erklärungsgründe für dieses Peinliche Zurückstehen der Spagnolen hinter den Aschkenasim. In einer Stadt, welche eine Hagia Sophia oder eine Suleimania als erhabene bauliche Musterbilder in sich birgt, .hätten es hunderttausend aschkenasische Juden — und die jüdische Bevölkerung Konstantinopels soll keine geringere sein — längst zu einem synagogalen Centrum, zu einem ihrem Wohlstand und ihren religiösen Interessen entsprechenden Prachtbau gebracht. Nicht weil die Aschkenasim an religiösem Interesse den Sephardim überlegen wären. Jur Gegentheil. Schon dem oberflächlichen Beobachter drängt sich die Ueberzeugnng auf, daß alles, was im Orient an Verhöhnung der eigenen Religion, an Vernachlässigung der eigenen Institute, an Verletzung des religiösen Anstandsgefühls, z. B. durch Offenhalten ihrer Etablissements (selbst an den höchsten Feiertagen) geleistet wird, lediglich und ausschließlich von aschkenasischen Juden ausgeht. Aber dafür besitzen die Aschkenasim, wo sie in kompakten Massen austreten, ein Organisationstalent, das dem Spagnolen vollständig abzugehen scheint. Selbst in Konstantinopel zählen die Spagnolen nicht weniger als zwanzig verschiedene Gemeinden, die ihre ökonomischen Kräfte vergeuden, weil zerspittern, statt in einer einzigen imposanten Großgemeinde ihren Konzentrationspunkt zu finden. Gewiß ist die aschkenasische Gemeinde in Konstantinopel, deren Tempel ich am zweiten Nenjahrstage besuchte, kaum erheblich besser daran. Ihre gegenwärtige Synagoge kann mau kaum als Vogelscheuche bezeichnen, ohne diesem Begriff wehe zu thun. So jammervolles und trostloses von Synagoge ist mir ans allen meinen Reisen auch nicht Miühernd begegnet. Im „letzten" Dorf Europas von nur zehn jüdischen Familien ist das Gotteshaus würdiger gehalten und besser bestellt, als in dieser aschkenasischen Gemeinde, zu der sich etwa fünftausend Seelen rechnen. Freilich ist hier Alles zusammengewürfelt: Deritsche. Ungarn, Galizianer, Russen u. s. w. Predigten, oder auch nur Deraschas, wie immer sie beschaffen sein mögen, kennt man in den Synagogen Konstantinopels nicht. Auch darin macht die aschkenasische keine Ausnahme. Von jenem Schwung und jener Würde, die ich vorhin dem aschkenasischen Gottesdienst im Allgemeinen nachgerühmt habe, zeigt der Konstantinopels nicht die leiseste Spur. Dem Mischrnasch von Gottesdienst entspricht ein eben solches Publikum. Ein chaotisches Durcheinander, ein anwidernd regelloses Hin und Her, ein verpesteter Geruch, ein rücksichtsloses Drängen und Stoßen durch die lächerlich engen Sitzplätze, dazwischen das kreischende, näselnde Ausrufen des Mitzwothverkauseuden russisch-jüdischen Schanunes (Ein- und Ausheben der Thora bringt es nach langem Handeln glücklich auf fünfzehn Piaster 2,25 Mk.): das ist das abstoßende Bild des aschkenasisch-jüdischen Gottesdienstes am zweiten Nenjahrstage in Konstantinopel. Verschweigen will ich indeß zur Ehre der Gemeinde nicht, daß nach meinen Informationen in diesem Jahre der Bau eines neuen Gotteshauses in Angriff genommen werden soll, so daß spätere Besucher Konstantinopels von der aschkenasischen Gemeinde hoffentlich in freundlicherem Tone werden sprechen können, als es hier geschehen ist. Die trüben Schlaglichter, die ich auf die aschkenasische Gemeinde in Konstantinopel habe fallen lassen, scheinen ein Gegenargument gegen-die vorhin von mir behauptete Superiorität der Aschkenasim in Ihrer Organisation zu sein; allein es scheint dies nur so. Die Aschkenasim in Konstantinopel sind eben selbst aus so hetorogenen Flicklappen zusammeugestoppelt, daß eine einheitliche Organisation unter ihnen ebenso schwierig, wenn nicht unmöglich ist, wie beispielsweise in New-Iork. Die Kategorie Aschkenafi ist nicht eng gemlg. um eine'geschlossene Organisation zu ermöglichen. Nur wenn es Aschkenasim desselben Landes in großen Massen wären, würden sie die oben angedentete organisatorische Macht entfalten. Hier zeigt sich wieder, wie die politisch-nationalen Eigenschaften nachhaltiger und durchgreifender wirken, als die blos religiösen'. Der holländische Aschkenafi z. B. unterscheidet sich von dem polnischen nicht wesentlich weniger, als der holländische Katholik vom polnischen. Jedenfalls steht er ihm fremder, lim nicht zu sagen feindlicher, gegenüber. Ktinui, Bodenbeschaffeliheit, Nahrungsweise, politische und soziale Traditionen furchen sich in den Charakter des Individuums unverhältnismäßig tiefer ein, als rein religiöse Satzungen und Ueberlieferungen. Herzerfrischend war mir der Uebergang von der-Synagoge in das Innere eines jüdischen Hauses. So unbefriedigt mich der Gottesdienst in allen von mir frcqnentirten Synagogen gelassen, so sehr heimelte mich das soziale Leben der spagnolischen Juden an. Als ich in Haiskoi am Ende des Gottesdienstes mit den übrigen Betenden unter Begleitung meines christlichen Dragomans die Synagoge verließ, da umdrängte mich in respektvoller Entfernung, ohne Anfltig von Zudringlichkeit, eine Schaar von würdigen Männern und lud mich in herzlichster Weise in ihr Halls. Diese Einladung war mir lim so willkommener, als sie mir Gelegenheit bot, die Wohnungen der Aermereu lind des Mittelstandes all einem Feiertage von Innen zu beobachten. Ucberall ward ich auss Angenehmste von der peinlichen Sauberkeit nnb würdigen Haltung meiner Gastgeber berührt. Wohlgebildete, zierliche Gestalten, in kleidsamen, vorwiegend weißen Trachten, die Frauen gewählt, aber ohne störendeil Luxlis gekleidet, die Kinder proper und von guter Haltung — so lag im Innern der Häilser jene lveihevolle Festesstimmlrng ansgebreitet, die ich in den Synagogen so schnlcrzlich vermißt hatte. In einem von mir besuchten Hause wohnten in verschiedenen Stockwerken acht bis zehn durch Verwandtschaft verblindene Familien, die zwar ökonoulisch getrennt, aber sozial aufs Engste verbunden zu sein schienen. Alle Thüren waren geöfsllet. überall behaglicher Gottesfrieden, alle Ecken blitz und blank geputzt, zog mau von Wohnung zu Wohnung und fühlte sich überall gleich heimisch. Zu meiner freudigen Ueberraschung bemerkte ich bald, daß ich des Dragomans entrathen kann, da die ganze Juugmannschaft ausnahmslos ein recht annehmbares Französisch sprach. Auf meine Frage, wie sie zu diesem hübschen Französisch kämen, lautete die einstimmige Antwort: „Wir alle sind ausnahmslos Schüler der Alliance Jsraelite." Wer die Thätigkeit der Alliance Jsraelite im Orient nur vom Hörensagen oder ans der Lektüre ihrer Jahresberichte kennt, der vermag sich doch nur eine vage Vorstellung von dem großen Stile äii formen, in welchem hier die Alliance inngestaltend und schöpferisch arbeitet. Es ist mir ein wahres Bedürfnis;, nachdem ich mich durch , Augenschau im ganzen Orient von der intensiven und weitgreifenden Wirksamkeit der Alliance persönlich überzeugt habe, öffentlich Zeugnis; abzulegen von dem ungeahnten Segensreichthum, den dieses grandiose Institut in den letzten Jahrzehnten im Orient entfaltet hat. Ich stehe nicht an, zu erklären, ohne Gefahr, der Uebertreibnng geziehen zu werden, daß sich mir die gesammte Reise mit allen ihren Strapazen, Scherereien und Unbequemlichkeiten auch dann schon reichlich gelohnt hätte, wenn ich nichts weiter im Orient gesehen hätte als die in üppiger Fülle herabhängenden reifen Früchte