Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- Seite 18 (sequence 6)
- Language
- German
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WMW 18 Und mir dürfen uns der Hoffnung hingeben, daß in dieser Weise mancher Gärtner so gestellt wird, Um in ehrlicher, redlicher Arbeit sein gutes Auskommen zu erlangen und mitzuwirken, um unberechtigte Vorurtheile zu zerstreuen. Sollte^ was der Himmel verhüten möge, der Antisemitismus in Deutschland derart um sich greisen, um auch die Stellung tüchtiger, fleißiger, jüdischer Gärtner und Handwerker zu erschüttern und es ihnen gar unmöglich machen, den Lohn ihrer Arbeit zu ernten, so werden diese Männer in Ländern, wo man die Menschen nach ihrer Arbeitskraft uub Tüchtigkeit und nicht nach ihrem Glanbensbekenntniß schätzt, weit eher eine Anstellung finden als in anderen Berufen ausgebildete, von denen gründlichere Kenntnisse der Sprache, Gesetze und Gewohnheiten der neuen Heimath verlangt wird. Einem Briefe eines sehr tüchtigen jüdischen Gärtners, des augenblicklich in Nord-Carolina, Vereinigte Staaten, wohnenden, ans Kassel gebürtigen, Herrn Otto Katzenstein, der kurze Zeit in der Israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem thätig war und für den ich eine Anstellung in Montreal, Kanada, in sicherer Allssicht hatte, entnehme ich zur Begründliug meiner oben dargelegten Au sichten nachfolgellde Sätze: „Bei der Bostoner Landschasts - Architekten - Firma Olmstedt, Olmstedt & Eliot habe ich Anstellung gefunden; unser Senior, Mr. Fred. Law Olmstedt ist Ihnen als Schöpfer des Centralpark in Nerv-Jork sicher, dem Namen nach wenigstens, bekannt. Ich bin dem Plantingdepot zugetheilt, und nachdem ich das erste (traininss) Jahr fast ausschließlich in der Ofstce mit Arbeiten botanisch-dendrologischer Art wissenschaftlich beschäftigt war, habe ich jetzt zum ersten Male die Leitung einer bedeutenden Neuanlage erhalten. Es ist nichts weniger als die gärtnerisch-landschaftliche Ausschmückung einer im Bau begriffenen Stadt, Pinehurst, die ein reicher Bostoner vollständig aus eigenen Mitteln aufführen läßt. Die Luft hier ist ganz besonders heilsam für Lungenkranke, und als Kurort für solche wird die Stadt gebaut. Meine Aufgabe ist nun, hier ein immergrünes Paradies zu schaffen, wozu ich, knapp gerechnet, 250 000 Bäume und Sträucher zu verwenden habe. Einstweilen habe ich eine Baumschule angelegt, um meine Vorräthe zusammen zu haben — und habe eine Anzahl schwarzer, mit denen ich die Gegend abstreife und Gehölze sammele, wie Magnolien, Hollys, Jucca n. s. w. Etwa 60 000 Gehölze sind in Frankreich bestellt, und erwarte ich deren Ankunft täglich. Die Ausführung und erste Instandhaltung der Anlagen wird etwa 1 bis V!-> Jahre in Anspruch nehmen, und nachher stehe ich wieder zur Verfügung der Firma. Ich arbeite hier natürlich nach den mir gesandten Plänen, indeß habe ich die volle Verantwortung, durch Ausführung derselben etwas zu schaffen, womit sowohl die Firma, als auch ich selbst Ehre einlegen. Die Bezahlung ist zwar noch nicht glänzend, aber in stetem Steigen begriffen. Ich habe gute Hoffnung, weiter voranzukommen, zumal mein Departementschef persönlich mir zugethan ist und sich für meine Zukunft interessirt. Meine jetzige Thätigkeit ist mir so kongenial und so interessant, daß ich mich nicht entschließen kann, sie gegen etwas Anderes — obendrein Unsicheres — zu vertauschen". Die Zeit wird wohl nicht kommen, und nicht die Nothlage, wo, bei aller Liebe zum Vaterland und zum heimischen Boden, den sie bearbeiten wollen, sie zum Wanderstabe greifen müssen, wie s. Z. die Hugenotten und Salzburger ihres Glaubens wegen zur Auswanderung getrieben. So wenig wie diesen könnte auch jüdischen Auswanderern Mange! an Vaterlandsliebe vorgeworfen werden. Die Vaterlandsliebe wird in der Anstalt geweckt und gepflegt, wenn sie auch Inländer und Ausländer unter ihren Zöglingen zählt. Es liegt das in der Aufgabe, die sie sich gestellt hat, und es kann ihr kein Vorwurf daraus gemacht lverden, daß auch dort Ausländer allsgebildet werden. Unsere Zöglinge sollen — mali gestatte ilns das Wort — als Missionäre für Verbreitung der verschiedenen Zweige der Bodenkultur herangezogen werden. Ebenso lveilig, lvie mau Deutschen, Franzosen, ' Engländern, Russen und anderen Nationen angehörigell Bekennern des Christenthnms Mangel an Vaterlandsliebe resp. internationale Bestrebungen vorwerfen kann, welNl sie die Lage ihrer armenischen, griechischen lind sonstigen Glaubensbrüder in der Türkei zu verbessern suchen, kann Ulan deutschen Juden einen Vorwurf daraus machen, wenn sie den materiellen und kulturellen Zustand ihrer Glaubensgenossen in andern Ländern zu hebell suchen. Wie in zahlreichen protestantischen itnb katholischen Anstalten Deutschlands Missionäre ausgebildet werden, um in den entferntesten Gegenden unter Heiden zu wirken, so schicken wir unsere Zögliilge aus, um in der Nähe und der Ferne die Liebe zur Bodenkultllr unter unfern Glaubensgenoffen neu zu erwecken, nnb wenn nicht alle Anzeichen trügeil, wird die Anstalt, bei genügender finanzieller Unterstützuilg, diese ihre segensreiche Mission voll lind ganz erfüllen uub der Segen ihrer Arbeit in nicht zu ferner Zeit anerkannt und gewürdigt werdeil. Die Juden in Konstantinopet. Von Prof. Dr. Ludwig Stein in Bern. II. WsVn dem erstell Eiildrnck ällderte nnb milderte auch der spätere Besuch der verschiedenen sephardischen Synagogeil so gut wie u nichts. Alls Ailrathen Elias Pascha's war ich am anderen Morgen ins spailische Judenviertel, Haiskoi, hinausgewandert. Es war dies eine ziemlich kräftige Wanderung, zinnal es meinein Dragvllian beliebte, einen großen Umweg zu machen, um auch noch die sephardischen Friedhöfe zll besichtigeil. Dieser Friedhof, der ohne jede Umzäunnng ans der^ einfachen Landstraße gelagert, sich eine gute halbe Stunde mit feinen liegenden (nicht wie bei uns aufrechtsteheildeu) Leichensteinen hiilzieht, ist in [einer öden Trostlosigkeit ein getreues Abbild der türkischen Staatswirthschaft. Die ganze Türkei ist nichts weiter, als ein Friedhof morsch gewordener, iilnerlich längst überlebter, staatlicher Institutionen — ohne jede erilstliche Umzäullung. Ein kräftiger Windhauch des geschlossenen Europa — nnb die Türkei ist geweseil. Haiskoi hat drei Syilagogerl, lvobei lnan im Orient meist an Doppelsynagogen zu deilken hat, sofern in der Regel eitle über der andern aufgebaut ist, ja ilicht selten sogar drei übereinanderliegende Synagogell ailgetroffell werden. Das Stadtviertel selbst war wie ausgestorben. Nllr da und dort blinzelte verstohlen ein annlllthiges Frauengesicht voll echt spagnolischem Zuschnitt durch die spärlichen Scheiben der lmsäglich künimerlichen Häuschen hindurch. Ganz Haiskoi befalld sich in den Syltagogeil. Diese selbst sind meist recht dürftige Stätten. Im ganzen Orient giebt es keinen einzigen synagogalen Monumeiltalban. Selbst die ältesten Synagogen, die ich gesehen, wie beispielsweise die Synagoge des Maimonides in Kairo, reichet! nicht entfernt an das heran, was uns beispielsweise die Alt- Schnl in Prag baulich bietet. Und es ist bezeichnend genug, daß die hübscheste Synagoge im Orient — die freilich, an den Verhältnissen Europas gemessen, immer noch ärmlich genug ist — die Hauptsynagoge der Aschkeuasim in Jerusalem sein dürfte. Mangel an architektonischem Sinn dürfte kauin der Grund sein, warum die spagnolischen Juden int Orient es zu keinem würdigen Synagogenbau gebracht habet!; denn die gleichfalls aus der pyrenäischen Halbinsel geflohenen Sephardim in Amsterdam haben so viel Verständnis; für bauliche Schönheit bekundet, daß sie vor mehr als zweihundert Jahren bereits eine monumentale Synagoge errichtet haben, die mir heute noch von allen Synagogen der Welt, die ich gesehen, den mächtigsten Eindruck macht. Auch ein staatliches Hinderniß dürfte