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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-10 · Heft 2 (10.1.1896) · p. Seite 16

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 2 (10.1.1896)
Date
1896-01-10
Page
Seite 16 (sequence 4)
Language
German
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ÄLStÄÄ Weise duptrt worden, die das Mißbehagen bis auf den heutigen Tag in ihm zurückgelassen hat. Ihm ließ eines Tages der Besitzer eines hiesigen Hotels die Mittheilung machen, daß eine schwer erkrankte Jüdin bei ihm eingekehrt, die den Wunsch ausgesprochen, ihn, bevor sie sterben werde — nicht etwa zu segnen — sondern zu sprechen. Wir empfanden das Ernstdringende, das iu dieser Bitte lag, und begaben uns nach dem Hotel und in das von der Kranken innegehabte Zimmer. Hier fanden wir nun eine junge Dame, und, wie es schien, in einem Zustande vor, daß nur noch das Schma Jisroel zu sagen übrig blieb. Das schwere, heftige Röcheln, das halbgebrochene Auge und das ungewöhnlich schnelle Heben und Senken der Brust konnten leicht zu der Meinung bringen, daß das Leben der so hart Kämpfenden nur nach Minuten gezählt sei. Mein Eintritts schien von derselben kaum bemerkt zu werden. Mein Gruß blieb unerwiedert, doch besserte sich während meiner längeren Anwesenheit im Zimmer ihr Zustand wunderbar schnell und in einer Weise, daß nun die Kranke auf meine Frage, wie ihr Name sei, auf einen vor dem Bette liegenden Paletot zeigen konnte, aus dessen Tasche ein Papierstreifen heraushing. Ich verstand ihre Meinung, zog das Papier hervor und fand darin ein Rezept, auf welchem der Name Marie Kreiser aus Petersburg stand. Jnnner mehr verloren sich die schrecklichen Anzeichen des herannahendeu Todes bei der Dame, und sie war zuletzt tut Stande, mir. die Mittheilung zu machen, daß sie von Karlsbad, wo sie eine Heilkur durchgemacht, komme, unterwegs aber schwer erkrankt sei, daß sie dabei mit einem Landsmann zusammengetroffen, der ihr den Gepäckschein abgenonnnetl und daher mit ihren Sachen den Weg weiter nach Eybtkuhnen genommen habe. Dabei befand sich auch ein Reisekorb, in welchetu ihre ganze Baarschaft von 37 Rubel sich befinden sollte. Ich versprach der Kranken, ihr einige Damen atis der Gemeinde herzuschicken, dainit sie nicht allein sei, und entfernte mich. Es ist hief nicht Raum gettug, um das ganze JntrigUL'.ffp'iel zu' beschreiveit,dn^ die Kranke wähulid einiger Tage entwickelte, um Geld von der Gemeinde herauszuschlagen, aber den Knalleffekt möchte ich doch den geehrten Lesern nicht vorenthalten, wie er sich bei ihrer Entlarvung so drastisch, aber auch so tiefgeniein vollzogen hat. Eines Morgens machte mir der Hotelier die -Mittheilung, daß er von verschiedenen Seiten erfahren, daß die kranke Dame eine Schwindlerin sei, die es nur darauf abgesehen habe, auf diesem Wege recht viel Geld zusammenbringen. „Wenn Ihre Gemeinde — ich weiß ja, daß die Juden mildthätig sind" — meinte der gute Mann, „die Rechnung bezahlen wird, welche die Dame schon zu einer ziemlich großen gemacht, so will ich sie weiter behalten, wenn aber nicht, so schicke ich sie ins Lazareth." „Nicht ins Lazareth", meinte ich barctitf. „wenn die Dame eine Betrügerin ist, so gehört sie ins Gefängniß. Wir Juden sind wohl bereit dazu, Unglückliche zu unterstützen, aber niemals Schwindeleien zu befördern." Hierauf begab ich mich, im höchsten Grade ärgerlich, zu der krankseinwollenden Dame. Man hatte ihr bereits gesagt, daß ich kommen werde. Als ich. das Zimmer öffnete, kam mir eine der Damett, tvelche die Schwindleritt besucht hatten, mit großer Angst entgegen, indem sie mir mittheilte, daß die Kranke wohl sterben werde, da sie sich iu einem schrecklichen Zustand befinde. „Seien Sie ttnbesorgt," flüsterte ich ihr zu, „Sie sollen einmal sehen, wie ich Sterbende gesund machen werde." Und einen Blick auf die Kranke werfend, sah ich mit Erstaunen, wie diese wieder in jenem Zustand sich/befand, iu welchem ich sie bei meinem ersten Zusammentreffen mit ihr gesehen. Dasselbe gebrochene Auge, dasselbe Röcheln, dasselbe Heben und Senken der Brust. Jene Dame hatte in vollem Schrecken über das, was mit der Kranken sich plötzlich vollzog, zur Wiederermunterung derselben eine der von ihr mitgebrachtenRoseu unter deren Nase rechts, eitle zweite links mtd eine dritte unter beide gelegt, damit die Ohnmächtige durch den Gerltch der Rosen tvieder zu sich tarne. Mich jetzt vor die Hochstapleriu stellend, rief ich ihr zu: „Ei, Sie nichtswürdige Schwindlerin, Sie machen ihre Sache ja ganz vortrefflich!" Worauf denn die eine Rose nach der Seite siel und die Atrgeredete iri bittendem Tone zu sprechen begann: „Ach, Herr Rabbiner, ich bin ja krank, sehr krank." Darauf ich: „Sie sind eine ilichtswürdige Betrügeritt!" Hier siel die zweite Rose zur Seite. — „Haben Sie Mitleid mit mir/7 meinte sie. — „Wenn Sie nicht bis hetlte Nachmittag aus der Stadt sind, so übergebe ich Sie der Polizei!" Sie machte eine Bewegung, und auch die letzte Rose entfiel ihrent Gesichte. — Nachmittags fuhr die Schwindlerin ab, wer die Hotelrechnung bezahlt, ist im§ unbekannt geblieben. Einige Zeit später trat zti uns — es war im Winter — eine Dame in höchst eleganter Pelzgarnitur ins Zimmer und stellte sich uns als Gattin des russischen Generals P. vor. Ich schaute sie ungläubig an, und indem sie unseren Zweifel wohl begreifen mochte, fügte sie erklärend hinzu: „Ich bin als jüdisches Kind meinen Eltern geraubt mtd später in eitlem Kloster erzogen worden. Mich lernte, als ich das 16. Jahr erreicht, General P. kentlen und nahm mich zur Gattin. Wir lebten ganz glücklich zusammen, doch haben in neuerer Zeit Ereignisse auf politischem Gebiete ihn gezwungen, Rußland zu verlassen. Ich will ihm ttach den; Ausland folgen, aber unglücklicher Weise ist mir das Reisegeld zu Ende gegangen." — „Und?" fragte ich, in der Vorahnung desselt, was da kommen würde. „Ich möchte die Güte der hiesigen jüdischen Genieinde zu diesem Behufe in Anspruch nehmen." — Und sie nahm sie in Anspruch, so darlegend, ztl was nicht alles die jüdische Mildthätigkeit herhalten müsse. Jüngst besuchte uns einer dieser beruflichen Schiwrrer, der mit einem Maß von Grobheit ausgerüstet war, ,tme es wohl kaum auf einem sonstigen Gebiete ntenschlicher Thätigkeit zum Vorschein kommt. Jch-reichte ihm eine Gabe, doch war das Bedettkett des Mannes, dieselbe anzunehmen, augenfällig. Er drehte die Münze nach verschiedenen Seiten und meinte dann iu einem Tone, dem jede Bescheidenheit abgiug: „Kömren sie mir nicht sagen, was ich damit anfangetl soll?" Ich war außer mir über diese Unverschämtheit, sagte indeß ganz ruhig: „Sie sind sehr neugierig, mein lieber Mann. Da ich Jhneli aber auf Ihre Frage keine Antwort geben kann, so werde ich dieses Geld so lange bei mir liegen lassen, bis Jentand kommen wird, der wohl wissen wird, was er damit begiuneu soll." — Und schon hatte ich die Gabe an mich genommen, und der Schnorrer mußte sich aufs Bitten legen, um sie wieder zu erlangen. Schimpfend entfernte er sich. Das Judenthum heißt uns Mildthätigkeit üben, uitb man muß es sagen, daß unsere Glaubeusgetiossen freudig diesent Gebote Folge geben. Daß aber mitunter dabei ihre Geduld stark auf die Probe gestellt wird, habett wir hier an der Grenze am meisten zu erfahren. Zur Frage der Kerufserpehung. Von Konsul A. M. Simon in Hannover. f ie vott vielen Seiten au mich ergangeiteu Atlsragen, welche Aussichten ans späteres Fortkommen sich den in der Erziehungsanstalt in Ahlem zu Gärtnern uitd Ackerbauern herangebildetett jungen Leuten eröffnen taten, veranlassen mich, diese für weitere Kreise nicht ttnwichtige Frage in. diesen Blättern mit einigen Worten zu beantworten. Eine neue Anstalt, die erfreulicher Weise viele Gönner und, aus verschiedenen Gründen, auch einige Gegner hat,

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