Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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Aus Ostpreußen. Bon Moritz Scherbe!. furch die Zeitungen lief vor einiger Zeit das Gerücht, daß der jetzige Landrath des Kreises Wreschen, Herr von Roell, Nachfolger des Freiherrn von Hammersteiu in der Chefredaklion der „Kreuzzeitung" werden würde. Wir hatten schon damals unsere Zweifel an der Wahrheit des Mitgetheilten, und so hat denn, in der That auch inzwischen der genannte Herr in einer Zuschrift an die „Pos. Zeitung" derselben davon Kenntniß gegeben, daß jenes Gerücht der Wirklichkeit reicht entspreche, wenn es auch in dem Wunsche einiger seiner konservativen Freunde gelegen habe, daß er die Leitung des Blattes übernehme. Wir sagen, daß wir schon Anfangs unsere Zweifel an der Wahrheit der betreffenden Mittheilnng hatten, und unsere Gründe dafür waren folgende: Herr von Roell war in früherer Zeit Greuzkommissar in Eydtkuhnen und hat während seines Dortseins durch sein freundliches Wesen, besonders durch seine Toleranz gegen die daselbst stark verkehrenden polnischen Juden, sich die Werthschätzung aller aufrichtigen Menschenfreunde in einer Weise erworben, die seine Versetzung nach anderer Stelle im höchsten Grade bedauern ließ, so daß er daher den Tendenzen der „Kreuzzeitüng", besonders nach letzter Richtung hin kaum zu folgen geeignet wäre. Wenn wir solches an dieser Stelle aussprechen, so wollen wir es weniger auf eine Definition der Prinzipien absehen, wie sie in der „Kreuzzeitung" mit Bezug auf die Juden ihre Vertretung finden, als vielmehr die humane Gesinnung des Herrn von Roell hervorheben und der wohlverdienten Würdigung derselben den gebührenden Ausdruck verleihen. Es stände viel besser um das friedliche Nebeneinandecgehen der verschiedenen Konfessionen, wenn solche Männer überall an maßgebenden Plätzen sich befänden, um ihren heilsamen Einfluß zum Nutzen der gegenseitigen Achtung der verschiedenen Glaubensbekenntnisse geltend zu machen. — Man sollte gar nicht glauben, bis wohin sich die Fürsorge eines Vaters erstrecken kann, wenn es gilt, die Zukunft seines Sohnes zu sichern. Das hiesige Gymnasium wird von einem getauften Knaben besucht, dessen Vater ihn, bevor er ihn zur Schule brachte, dem Christenthnm zuführte, um ihm für später die höhere Beamtenkarriere in Rußland zugänglich zu machen. Herr H., der auf diesem Wege die Chancen seines Sohnes zu korrigiren sucht, lebt als recht wohlhabender Mann in Eydtkuhnen und würde ohne Frage sonst auch im Staude gewesen sein, seinem Sohn zu einer ehrenhaften Existenz zu verhelfen, ohne dabei den Abfall von dem väterlichen Glauben zu Hilfe zu nehmen; es handelt sich dabei jedenfalls uni ein Stück ganz besonder» Größenwahns. Wie viel an dem Vater selbst noch vom Judenthum vorhanden, kann man sich wohl an den Fingern abzählen. War das doch von jeher der Fehler Jakobs, daß er sich gern anklammert an Ehrenstellnngen, die außerhalb seiner religiösen Angehörigkeit liegen, und wenn sie auch nur vou der untergeorduetsteu Bedeutung sind. — Im November v. I. verstarb in Eydtkuhnen plötzlich im 79. Lebensjahr der dortige Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Löwenstein, Chef eines dortigen Speditionsgeschäfts. Der Heimgegangene hak. die Interessen der Gemeinde während achtzehn Jahren mit bestem Eifer und treuer Gewissenhaftigkeit zu wahren verstanden und sich auch sonst durch seinen Biedersinn einen ehrenhaften Namen im Orte erworben. Davon zeugte auch, der imposante Zug, welcher der Leiche folgte, in dem auch die vornehmster! Beamten der dortigen Grenzstation zu bemerken waren. Der Sarg wurde nach der Synagoge gebracht, irr welcher der Verstorbene ein treuer Besucher gewesen. Hier wurden nun von dem zeitigen Kultusbeamter! die Berdieuste des Manues gewürdigt, der sowohl als Mensch überhaupt, wie als Jude im Besonderer!, wo es nur an ihn herantrat, seine Schuldigkeit gethan, und dessen Tod, wenn auch im hohen Alter erfolgt, immerhin als ein großer. Verlust zu betrachten ist. — Die in unserem letzten Berichte wiedergegebene, bei der Nagniter Lehrer-Konferenz in Anregung gekommene Idee der Gründung von „Eltern-Abenden" beginnt bereits ihrer Realisicung entgegen zu gehen. Es wird mit Bezug hierauf aus Königsberg geschrieben: „Als ein Ereigniß von gewisser volkspädagogischer Bedeutung darf der am letzten Sonntag .in der Raffengärter Volksschule veranstaltet gewesene „Eltern-Abend" bezeichnet werden. Dieser erste Versuch, welcher mit der Arraugirnng eines solchen Abends gemacht worden war, ist in jeder Beziehung ein wohlgelungeuer. Nicht weniger als 500 Männer hatten sich in der genannten Schule versammelt. Herr Rektor Ärückruauu wies in seiner Begrüßungsrede auf die Bedeutung derartiger Zusamineuküufte hin. Es soll der Elternabend eine enge Verbindung zwischen Schule und Haus zum Zweck einer gedeihlichen Erziehung der Kinder Herstellen. Neben einem belehrenden Vortrage soll auch für eine gemüthvolle und anregende Unterhaltung durch Wort und Gesang gesorgt werden. Zugleich ist auch den Eltern Gelegenheit gegeben, in Sachen der Erziehung ihrer Kinder Fragen zu stellen. Eine Reihe gediegener musikalischer und deklaiuatorischer Vorträge füllten dm Abend in angenehmster Weise ans." Wir hatten bereits Gelegenheit genommen, auf das Nützliche und Heilsinne hinzuweisen, welches die Einrichtung solcher Elternabende auch bei uns Juden in sich tragen würde, und wiederholen es heute, daß hierdurch ein Anregungsmoinent zur Belebung des Interesses für den Religionsunterricht besonders geschaffen wäre, über Hessen Mangel man sich ja so oft in bittern Klagen ergießt. — Ein hiesiges Blatt berichtet nach der amtlichen Statistik, daß im Jahre 1891 30386 jüdische schulpflichtige "Kinder in ganz Preußen vorhanden waren. Es waren staatlich angestellt 336 jüdische Lehrer und 58 jüdische Lehrerinnen. Es waren vorhanden 244 öffentliche üdische Schulen mit 307 Klassen, 305 Lehrern und 9519 Schulkindern. Hiervon entfielen auf Ostpreußen 0, Westpreußen 21, Berlin 4, Braunschweig 0, Pommern 0, Posen 87, Schlesien 26, Sachsen 0, Schleswig-Holstein 6, Hannover 52, Westfalen 23, Hessen- Nassau 82, Rheinprovinz 32, Hohenzollern 3 Schulen. 10853 Schulkinder besuchten evangelische, 4327 jüdische Schulkinder besuchten katholische und 5704 jüdische Schulkinder besuchten paritätische Schulen; au den letzteren waren 31 jüdische Lehrer angestellt. 3491 jüdische Schulkinder wurden in Privatschulen von 125 jüdischen Lehrern und 15 Lehrerinnen unterrichtet. — Wenn auch schon viel von anderer Seite über das jüdische Schnorrerthum in seinen verschiedenen. Formen geschrieben und geklagt wird, so darf inan doch wohl überzeugt sein, daß die Gemeinden längs der Grenze das Doppelte, wenn nicht gar das Dreifache in dieser Beziehung zu leiden haben. Es ist dies ja ganz selbstverständlich. Haben sie doch dem ersten Ansturm der aus Rußland sich ergießenden Schaareu von Berufsbettlern Stand zu halten, die dafür sorgen, daß bei uns in Deutschland das Wort der Schrift sich erfülle, „daß es an Bedürftigen im Laude nie fehlen werde." Man kann viel Mitleid mit diesen Leuten haben, die vou dem Schicksal zu dieser Lebeuseruähruug bestimmt, aber man kann mitunter auch recht ungehalten werden, wenn dabei Wege vou ihnen eingeschlagen werden, die durchaus nicht die der Rechtlichkeit und Bescheidenheit sind. So ist Schreiber dieser Zeilen vor einigen Jahren vou einer Hochstaplerin dieser Art in einer