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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-01-03 · Heft 1 (3.1.1896) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 1 (3.1.1896)
Date
1896-01-03
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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im Judenthum" zu sprechen gedenkt. — Voraussichtlich wird auch die Schwedter Gemeinde in Bälde in gleicher Richtung vorgehen. J. Hannover, 29. Dezember. Zu einer erhebenden Feier gestaltete sich das am 15. d. M. in der ^Israelitischen Erziehungsanstalt" in Ahlem abgehaltene Chanukahfest. Die Feier begann mit einer Begrüßungsansprache. Dieser folgte das ergreifende Chorlied: „Gebet, von Franz Abt", vorgetragen unter Harmonium-Begleitung von Schülern der Anstalt. — Hierauf ging das einaktige Lustspiel „Ein Stündchen auf dem Kontor" iwSzene, dargestellt von Lehrlingen der Anstalt. Es legte dies ein beredtes Zeugniß dafür ab, das die Zöglinge trotz ihrer täglichen Beschäftigung mit Spaten und Hacke dem Bauer gleich, doch auch dazu angehalten werden, sich im Salonanzug mit Takt und Anstand zu bewegen. Nun folgte der' Glanzpunkt des Abends: „Die Chanukah-Wunder", ein Festspiel, welches den historischen Stoffen entlehnt ist. . Die Einleitung bildete ein auf dem Harmonium meisterhaft vorgetragenes Präludium von Mendelssohn. In wahrhaft überraschender, wenn nicht zu sagen künstlerischer Weise, wurde dieses Festspiel von den Schülern der Anstalt zur Vorstellung gebracht. Die nichts weniger als leichte, fast elastische Sprache wurde von den Kindern im Alter von 10 -13 Jahren mit solchem Berständniß und Gefühl vorgetragen, daß den Zuhörern in manchen Szenen Thränen entlockt wurden, und man vergaß, Kinder vor sich zu haben. Geradezu künstlerisch wiedergegeben waren: die Sterbeszene des Mathatias, die Wahnsinnsszene des Antiockms und die Scheideszene zwischen Hanna und ihrem siebenten und letzten Sohn Benjamin. Die .Rollen der Hanna und Judith wurden von einem jungen Mädchen, Tochter eines p. Kuratoriums-Mitgliedes, künstlerisch durchgeführt. — Es herrschte bei allen Teilnehmern des Festes nur eine Stimme der Anerkennung für Lehrer und Darsteller. Hiermit schloß die erste Abtheilung der Feier und begann das eigentliche Kinderfest. Eingeleitet wurde die zweite Abtheilung des Festes mit dem Entzünden der Chanukahlichter, und binnen Kurzem prangte der Saal im Strahlenglanze von ca 400 Flämmchen, während von allen Anwesenden das Moaus zur im Chor erschallte. Darnach erfolgte die Bescheerung, bei welcher sich mehrere Damen des wohltbätigen Frauensvereins verdient machten und die Vertheilung der Geschenke mit übernahmen. Gegen 8 Uhr fand das gemeinsame Nachtessen statt. Die Feststimmung hielt die Zöglinge bedeutend länger als gewöhnlich bei der Tafel zusammen a. Köln, 26. Dezember. Der vielhundertjährige, berühmte städtische Saal, der Gürzenichsaal, bot am 13. d. M. ein herrliches Bild interkonfessionellen Friedens; ein Bild, auf dem das Auge des Philanthropen in der Gegenwart, in der Racen- und Religionshaß die Menschen entzweit, mit Wohlgefallen ruht. Der seit einigen Jahren hier gegründete „Verein der Fürsorge für entlassene Gefangene", in dessen Vorstand Angehörige, resp. Geistliche aller Konfessionen vertreten sind, wollte für die Propaganda der Interessen des Vereins die Theilnahme eines größeren Publikums wecken und hatte beschlossen, eine große Versammlung für Herren und Damen mit freiem Zutritt anzuberaumen. Zu diesem Behuse hatte die Stadtverwaltung den Gürzenichsaal kostenfrei überlassen und wurde für den 13. d. M. die Versammlung festgesetzt. Drei Geistliche, der Weihbischof Dr. Schmitz. Gefängnißprediger Dr. von Koblinski und Rabbiner Dr. Frank, ergriffen zuerst das Wort und hielten längere Ansprachen an das Publikum, das aus den höchsten Klassen des Beamtenstandes, der Industrie, der Aristokratie und des Bürgerstandes bestand. Der Weihbischof sprach über „die Pflicht der. christlichen Barmherzigkeit an den Gefangenen", und wenn auch betont werden muß, daß der Kirchenfürst sich auf dem Boden der christlichen Religion bewegte, so muß aber auch anerkennend hervorgehoben werden, daß jene oft unberechtigte Inanspruchnahme der Liebe für das Chriftenthum allein nicht, in der Rede hervortrat. Dr. von Koblinski verbreitete sich über das Thema „Aus der Geschichte der Liebesarbeit an den Gefangenen und Entlassenen" und erzählte manches Interessante aus der Wirksamkeit der Vereine für entlassene Gefangene. Rabbiner Dr. Frank behandeltedas Thema „Ueber die Bedeutung der Arbeit bei der Fürsorge für Entlassene". .^Derselbe wies anfangs seiner Rede auf die erfreuliche Erscheinung,-daß hier ein Boden, betreten wird, auf dem Katholizismus, Protestantismus und Judenthum in einem Punkte zusammentreffe/ und hob alsdann die Bedeutung und den sittlichen Werth der Arbeit im allgemeinen und für frei gewordene Gefangene insbesondere hervor; er wies auf die Bibel hin, in. der an zahlreichen Stellen der Werth der Arbeit betont wird und die Werthschätzung derselben empfohlen wird Die biblische Morallehre stehe weit über der Ethik der Griechen und Römerdie die Arbeit den Sklaven überließen, weil sie dieselben für den freien Mann erniedrigend hielten. Mit einem' kräftigen Appell an das friedliche Zusammengehen der Konfessionen, die, wenn sie auch, um den Weg zum Himmel zu finden, verschiedene Wege gehen, auf diesem Gebiete sich die Hand reichen können, schloß der Redner und wies auf des größten deutschen Strategen Taktik hin, die dahin geht, „getrennt marschiren, vereint schlagen". Nach diesen Herren sprach noch der Geheime Ober- Justizrath Oberstaatsanwalt Hamm: „Ueber die neben der Strafe erforderliche Fürsorge für die Gefangenen" mit jenem juristischen, klaren Scharfsinn, gepaart mit echter Menschenliebe, die diesen hervorragenden hohen Staatsbeamten auszeichnet. Herr Rechtsanwalt Julius Bachem, Redakteur der „Kölnischen Volkszeitung", trug nun noch „über die Fürsorge-Einrichtungen im Auslande und in Deutschland" vor. Das Schlußwort hatte der Erste Staatsanwalt und Vorsitzende des Kölner Gefängnißvereins, Herr Dr. Hupertz. Das nahezu 1500 Personen zählende Publikum harrte bis zum letzten Augenblicke aus; es war eine imposante, erfreuliche Erscheinung, die tausende Saaten konfessionellen Friedens ausgestreut hat; und die Ansicht unserer Glaubensgenossen, die zugegen waren, gehet dahin, daß ein Dutzend Artikel gegen den Antisemitismus und ein Dutzend Abwehrschriften nicht das erzielen würden, was an dem einen Pbend im großen Gürzenichsaal in Köln erzielt worden ist. Äm andern Tage berichteten alle hier erscheinenden Zeitungen, und sprach man in der ganzen Stadt von der großen Versammlung im Gürzenich, in der auch das Judenthum, durchaus würdig vertreten war. L Homburg v. d. H., 24. Dezember. Am 21. d. M. starb hier nach längerem Leiden im nahezu vollendeten 69. Lebensjahre der Stadtrath Wolf Ackermann, ein in allen Kreisen hochgeachteter Mitbürger. Seit 1865 war der Verstorbene Mitglied des Gemeindevorstandes und wurde im Jahre 1894 zum Magistratsmitglied gewählt. Ein Beweis, in welchem Ansehen der Verstorbene stand und wie man dessen Kenntnisse würdigte. In selbstlosester Weife opferte sich derselbe den vielen und mitunter sehr aufregenden Arbeiten im Interesse seiner Vaterstadt und seiner Mitbürger. In der israelitischen Gemeinde war Ackermann ebenfalls ein sehr thätiges und eifriges Mitglied, denn seit 1876 war derselbe erster Vorsteher und wurde zu diesem Ehrenamt wieder- ' holt und fast immer einstimmig gewählt. Ein großer Leichenzug folgte der Bahre, worunter die Spitzen der Behörden, der Landrath, Bürgermeister, Magistrat und Stadtverordnete. Herr Rabbiner Dr. Kottek schilderte in würdigster Weise die hohen Verdienste des Verblichenen. Der Schmerz der Hinterbliebenen wird durch die vielen Beweise inniger Theilnahme einigermaßen gemildert. Ehre seinem Andenken! Oesterreich-Ungarn. Wien, 1. Januar. Der Reichsrath ist geschlossen. Die Landtagssaison, die nun folgt, wird gleichwohl von großer politischer Bedeutung sein. Die Antisemiten, im Reichsrath isolirt, werden ihre gesammte Thätigkeit nunmehr auf den niederüsterreichischen Landtag konzentriren, und wir können da eine ganze Reihe turbulenter Sitzungen erwarten. — Bischof Schöbl von Leitmeritz hat zu Weihnachten einen Hirtenbrief erlassen, welcher sich mit dem Gebote der christlichen Liebe befaßt. Es heißt in dem Hirtenbriefe: „Weil in unserer Zeit bei Vielen die Begeisterung, für den heiligen Glauben leider im Erlöschen ist, so kann es nicht Wunder nehmen, daß es auch wenige Solcher giebt, welche von der wahren christlichen Liebe erfüllt sind. Es darf aber der Christ niemals ungerecht sein, ebenso wie er nicht vergessen darf, daß die christliche Liebe Niemanden ausschließt, daß sie alle Menschen umfaßt und Alle zu lieben gebietet. Bei Christus giebt es keinen Unterschied der Nationalität, da giebt es keine Czechoslaven und keine Deutschböhmen."— Auf einer Visitationsreise kam der römisch-katholische Bischof von Plock, Nowodworski, nach Seröck, wo ihn bei der Einfahrt in die Stadt der Rabbiner, begleitet von den Mitgliedern des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, sowie von zahlreichen jüdischen Einwohnern, mit'einer längeren Ansprache begrüßte, in welcher er die Ankunft des Bischofs als eine Gewähr für den Frieden und die Eintracht zwischen Juden und Christen bezeichnete. Bischof Nowodworski, welcher, als er der Juden - Deputation ansichtig wurde, aus dem Wagen stieg

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