Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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uppm ■ -— '■ 4 und - die Begrüßungsrede des Rabbiners mit Aufmerksamkeit änhörte, erwiederte hierauf Folgendes: „Ich danke den Herren herzlich für den freundlichen Empfang, und zwar danke ich hierfür zunächst aus dem Grunde, weil diese Begrüßung eine Artigkeit ist, die ich zu schätzen weiß, dann deswegen, weil Ihr Vorgehen vernünftig ist. Sie bekunden da-v durch angesichts der weitverbreiteten Strömung des antisemitischen Rassenhasses, daß Sie sich dessen bewußt sind, wie sehr die katholische Kirche die Juden immer gegen die von Zeit zu 'Zeit Wider sie sich kehrenden Ausbrüche des Hasses seitens der von heiligen Lehre der evangelischen Nächstenliebe nicht genug durchdrungenen Menge zw schützen pflegte. Aber Ihre Begrüßung gefällt mir insbesondere auch! deshalb, weil sie schön ist als Ausdruck religiöser Hoffnung. Ist doch euer Gott, der Gott Abraham's, Jsaak's und Jakobs unser Gott; ist ja eure heilige Schrift auch unsere heilige Schrift. Mit euren Psalmen verrichten wir in unseren Kirchen unsere Gebete. Eurem Volke entstammt der menschliche Körper unseres Erlösers, aus eurem Volke gingen unsere ersten Apostel hervor. Wir haben mit euch viel Gemeinsames, wie viel gerade bei Dem, der zur Erlösung Aller gekommen ist und den eure Väter nicht anerkennen wollten! Die Scheidung zwischen uns erfolgte, und euer trauriges Geschick begann? Das traurige Loos, das euch zu Theil wurde, und die Leiden, die ihr' durch viele. Jahrhunderte zu erdulden hattet, sind hinlänglich bekannt. Dieses Schicksal wurde euch von Osias vorhergesagt. Es giebt jedoch Prophezeiungen, die euch eine heitere Zukunft ankündigen, in der ihr' euch mit Allen und Alle mit euch versöhnen werden. Diese Versöhnung kann nicht anders als durch und in Liebe vor sich, gehen. Allein diese Liebe soll nicht blos im Munde geführt werden, sondern sie muß im Herzen der Menschen aufleben. In Ihrem Erscheinen hier erblicke ich ein Anzeichen diese<künftigen Annäherung, und deswegen erflehe ich für Sie Gottes Segen." Die Juden nahmen diese Rede mit Hochrufen auf den katholischen Kirchenfürsten auf, welche die Hetzreden von Lueger und Genossen im rechten Lichte erscheinen lassen. — Noch ein interessantes Zeichen der Zeit' ist zu registriren. Der Erzbischof von Erlau, Dr. Samassa, hat dem dortigen Bürgermeister einen größeren Geldbetrag mit der Bestimmung eingehändigt, denselben anläßlich der Weihnachtsfeiertage an Stadtarme ohne Unterschied der Konfession zur Bertheilung zu bringen. Schweiz. — Zürich, 21. Dezember. Hier starb gestern der Dichter Leopold J.'aeoby nach längerem, schwerem Siechthum. Leopold Jaeoby, der „Dichter des Proletariats" (wie man ihn genannt hat), war eine durchaus eigenartige Individualität. Ihm war eine nicht gewöhnliche, dabei aber doch vielseitige Begabung zu eigen. Er war Dichter, Philosoph, Litterarhistoriker und Naturforscher. Er hat mannigfach Anerkennung gefunden, aber im wesentlichen immer nur im engeren Kreise. Zu einem Theile rührt das von seinem Charakter her. Ihm fehlte die Fähigkeit, sich zur Geltung zu bringen. Ueberdies wich er bei seiner sensiblen Natur leicht vor .einem Hindernisse aus, das feinem Bestreben sich entgegenstMe. Bei seiner allzugroßen Bescheidenheit war ihm das Verzichten nicht schwer. Als der Sohn eines jüdischen Kantors zu Lautenburg, in Pommern geboren, besuchte Jaeoby unter vielen Entbehrungen das Gymnasium zu Danzig. Hier erlernte er die damals noch wenig geübte Kunst des Stenographirens, Dies setzte ihn in den Stand, unter leidlichen Verhältnissen in Berlin dem Universitätsstudium obzuliegen: Er wurde Sekretär im stenographischen Büreau des Abgeordnetenhauses, später Berichterstatter und Stenograph der „Oldenburgschen Kammerkorrespondenz". Jaeoby that zwölf Jahre lang auf der Journalistentribüne des preußischen Abgeordnetenhauses und später des deutschen Reichstags Dienst. Zweimal unterbrach er diese Thätigkeit für längere Zeit Einmal in der zweiten Hälfte der 60er Jahre. Jaeoby ging damals, um die Heilkunde zu studiren, nach Marburg. Kaum war er mit dem medizinischen Studium fertig, als der deutsch-französische Krieg ausbrach. Joeoby zog als Assistenzarzt mit ins Feld und kam bis nach Paris. Nach der Rückkehr aus dem Feldzuge widmete sich Jaeoby in Berlin der Schriftstellerei und der Stenographie. Mittlerweile war in ihm eine Wandlung vor sich gegangen. Ursprünglich liberal gesinnt, schloß er sich jetzt der Sozialdemokratie an. In seinem Buche „Gs werde Licht" gab er 1871 diesen Uebergang öffentlich bekannt. Bis 1877 verblieb Jaeoby noch als Parlamentsstenograph in Berlin. Dann begann ein ruheloses Wanderleben. Zunächst ging Jaeoby nach Zürich, dann nach Triest, hierauf nach Cambridge in den Vereinigten Staaten,- von dort nach Mailand. Dort wurde ihm eine Dozentenstelle für deutsche Sprache und Litteratur an der Akademie übertragen. Während der Marburger Studentenjahre entstanden Jaeobys „Weinphantasien" und ein Lustspiel. Das Buch „Es werde Licht!" das 1875 zuerst erschien, wurde vielfach neu aufgelegt. In dem philosophischen Werke „Die Idee der Entwickelung" (1874—76) strebt Jaeoby an, die entwickelungs - geschichtlichen Lehren Darwins für Philosophie und Volkswirthschaft nutzbar zu machen. Als das Hauptwerk Jaeobys ist das epische Gedicht „Cunita" anzusehen, dessen Stoff aus den indischen Mythen und Lehren entnommen ist. Anzureihen sind die „Deutschen Lieder aus Italien". Zu erwähnen bleiben noch Studien Jaeobys über Annette von Droste- Hülshoff, über die Nachahmung der Naturstimmen in der deutschen Poesie, über die deutsche Makame. Seit 1892 lebte Jaeoby in Zürich. Non Nah und Fern. — Der Gastwirth Bodeck, gegenwärtig der alleinige. „Führer" der radikalen Antisemiten, theilt in seinem Wochenblatt, dem „Bolksrecht", mit, daß er sein Verhältniß zu dem früheren Redakteur des „Volksrechts", Josef Cerny, den er-„mit der Hundepeitsche habe Bekanntschaft machen lassen", sowie seine Beziehungen zu dem Reichstagsabgeordneten Dr. Böckel demnächst öffentlich klarlegen werde. Die Antisemiten kommen immer weiter herunter. Wer soll nun noch „Führer" werden? — Herr Rabbiner Dr. Tobias Cohn in Potsdam hat am 1. April aus Gesundheitsrücksichten,zum allgemeinenBedauern seiner Gemeinde, auf seinAmt resignirt. Gymnasial-Oberlehrer Dr.Horowitz in Thorn, unser geschätzter Mitarbeiter, ist zum Professor ernannt worden. — In Warschau soll an Stelle des projektirten jüdischen Gymnasiums eine sechsklassige R eals chule errichtet werden, deren Direktorat wahrscheinlich Gymnasiallehrer Dr. Herz übernehmen wird. — Die jüdischen Aerzte Dr. Posniak, Mankowski, Wigodzki, Abramson haben den Titel „Kollegien - Assessor" erhalten. Der Arzt M. Jsraelowitsch hat den Stanislausorden II. Klasse erhalten. Ein förmlicher Ordensregen hat sich auf Rabbiner und Lehrer in Rußland ergossen. Die Rabbiner Schocher in Jekatarinoslaw, A. Fridmann in Lochwitz, Tawrowski in Novomaskowsk sind zu Ehrenbürgern ernannt worden. Die goldene Anna-Medaille, am Bande zu tragen, hat Rabbiner Halpern in Kertsch erhalten, die Stanislaus- Medaille Rabbiner Bernstein in Zitomir, Rabbiner Goldenfarb in Kanotoff, Rabbiner Margolis in Dubno, Rabbiner Garschak in Riesyn, Lehrer Levin in Tomsk, die silberne Anna-Medaille Rabb. Seligmann in Suwalki. — Freiherr von Hammer st ein, der sich in Athen upter dem Namen Herbart aufhielt, ist am 28. d. Mts. durch den Berliner Polizeikommissar Wolff mit Hilfe des deutschen Konsulats und der griechischen Polizei festgenommen und per Schiff nach Brindisi befördert worden. — In dem Gefecht bei Amba Aladschi, das die „Kreuzzeitung" einen „der glücklichsten militärischen Erfolge der Geschichte" nennt, war es ein jüdischer Offizier, Adrien Issel aus Genua, der seit 1887 .in Afrika ist, und wesentlich züm Ausgang des Kampfes durch seinen MUth und seine Tapferkeit beigetragen hat. Hoffentlich übersieht die „Kreuzzeitung" diese Bemerkung nicht! — Das W. T. B. bringt folgendes Telegramm aus Baltimore. Während der Vorstellung der hebräischen Oper im Frontstreet-Theater entstand infolge falschen Feüerlärms eine Panik; Alles stürzte zu den Ausgängen. 24 Personen wurden im Gedränge getödtet, 40 schwer verletzt. Es handelt sich hier wahrscheinlich um eine Vorstellung der jüdisch-deutschen Operettengesellschaft aus Polen. — Im Verlauf.von 42 Jahren fanden in Cincinnati über 10000 jüdische Trauungen und nur 3 Ehescheidungen statt. — In Detroit ist Rabbiner Benjamin Eg er im 74. Lebensjahr einem Schlaganfall erlegen. Er kam vor 30 Jahren nach Amerika und war seit 16 Jahren in Detroit angestellt, wo er auch als Politiker sehr einflußreich war. — Elijgh Mose Elijah, ein junger und begabter Beni Israel, der schon Krei Preise gewonnen, ist zum Assistenten für Ophtalmologie an der Universität in Bombay ernannt worden. — Die neueste Kultur-Errungenschaft: Der Berg Sinai soll durch den Telegraph mit aller Welt verbunden werden! Die ägyptische Regierung läßt ein Kabel von Suez bis El-Torn legen. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlitz. Verantwortlich für die Redaktion. Mar Bauchwitz in Berlin.