Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 ich weiß es nicht, — aber daß er. an niich gedacht, als er sprach, das fühlte ich, und als wir aus der Synagoge heimgekehrt waren, erklärte ich meinem Vater, daß — der Lemberger Herr nur wieder abreisen möge. „Willst Du den Schlllem haben?" fragte er, uub jauchzend fiel ich ihm um den Hals." Hier bewegte sich der Kranke, — ängstlich war die Erzählerin ans Bett geeilt, aber der Alte lag wieder im ruhigen Schlaf. Am Abend wurden wir verlobt und sechs Wochen später Mann und Frau. Da kam die böse Krankheit und — der jüngere Bruder ans der Fremde, zerlumpt lind verlottert. Ein Grauen packte mich, als ich ihn zum ersten Male wiedersah. Seine Eltern bemühten sich, seine Fehler zu verdecken — ich verstand den Zweck ihres Thuns nicht, mein armer Mann, den Todeskeim in der Brust, verstand ihn nur zu gut. . Von Tag zu Tag wurde er schwächer, er konnte das Lager nicht mehr verlassen. Von Krakau und Lemberg wurden Aerzte herbeigerufen — sie konnten dem verheerenden Nebel nicht Einhalt thun. Zuletzt wurde Professor N. aus Wien berufen. Mein Manu begehrte, mit ihm allein zu sein. Was sie mit.einander gesprochen, erfuhr ich erst viel später — als ich bereits das war, was ich heute bin, — ich weiß nur, daß der Professor tieferschüttert das Zimmer verließ und beim Abschied mir , sagte: „Thun Sie, was der edle Mensch will?" — „Thal ich's denn nicht immer?" schluchzte ich, — „das Schwerste wird er jetzt von Ihnen verlangen!". Ich traf den Vater thränenüberströmt am Lager meines Gatten. „Ich komme, mein Kind, lvas soll ich?" „Zuhören, mein Gold, und — ruhig bleiben." Ich sank ins Knie und vergrub mein Antlitz in seine kalten, mageren Hände. „Du kenust meinen Bruder David — er ist ein Schegez — er wird Dich nicht freigeben, wenn ich tobt bin, und Du wirst Dein junges Leben vertrauern müssen als Almoneh, oder er wird Dein Vermögen verlangen für den Chalizahbrief, und das soll nicht sein. Was Du und Dein Vater cm mir und meinen Eltern gethan, das soll nicht so vergolten werden, — das soll nicht sein. Nur nach Tagen zählt noch mein Leben, — sei still, mein süß Kind, — Gott — bornch hu — hat's so gewollt, — und ich will Dich frei machen von meinem Bruder, — ich will Dich nicht zur Almoneh — ich will Dich zur Grnscheh machen." „Leman Haschem" — schrie ich entsetzt auf.. Er aber streichelte mich lind wischte mir die Thränen aus den Augen, — und ich that, wie er's wollte und wie mir's der Professor gerathen hatte. Der Rabbiner gab uns den Get, und nur. im Beisein einer dritten Person durfte ich am Lager meines Gatten weilen. Er starb, und ich darf um ihn keine Trauer tragen, denn ich bin nicht seine Wittwe — ich bin nur seine geschiedene Frau." Fitterarische Mittheilungen. — Die Leser dieses Blattes werden uns gewiß dankbar sein, wenn wir ihnen auf die Frage: Was sollen wir lesen? heute eine befriedigende Antwort geben können, indem wir darauf Hinweisen, daß unser verehrter Mitarbeiter Karl Emil Franzos, dessen Erzählung „Laib Weihnachtskuchen und sein Kind" einen neuen Beweis seiner großen künstlerischen Gaben, aber auch seiner innigen Liebe zum Judenthum liefert, soeben eine neue Erzählung: „Der kleine Martin" hat erscheinen lassen, die uns ebenfalls nach Halbasien führt und zweifellos zu seinen schönsten und reifsten Schöpfungen gehört. Außerden^ist die Erzählung desselben Autors: „Der Präsident", die ein großer Literarhistoriker schon vor Jahren >,ein echtes Kunstwerk. von erhebendster und erschütterndster -Wirkung" genannt hat, in.dritter, und dessen „Tragische Novellen in zweiter Auflage. erschienen. In letzterem Bande befindet sich die berühmte Erzähllrng von Franzos: „Melpornene", die in der Prager * Judenstädt spielt sind mit bewundernswerther Feinheit die traurigen Schicksale der schönen Lea, der Tochter eines armen jüdischen Paares schildert, die diesen Uebernamen erhalten, weil sie an Gestalt und Antlitz der tragischen Muse zu vergleichen war. — Alle drei Bände sind im Berlage der Coneordia (Deutsche Verlagsgesellschaft) hier erschienen. — Seit vier Jahren giebt die „Oester.reichisch-Jsraelitische Union" zu Wien, ein politischer Verein, einen „Kalender für Israeliten" heraus, auf den wir hier nachdrücklich aufmerksam machen. Zwar ist er vorzugsweise für. Oesterreich bestimmt, aber die Reichhaltigkeit und Gediegenheit seines Inhalts und seine prächtige Ausstattung machen ihn wohl jedem Israeliten werth. Außer einer kurzen Abhandlung über den „Kalender der Juden" enthält dieser Almanach an literarischen Beitrügen: Eine Abhandlung über das Buch der Jubiläen von Prof. Dr. Ä. Büchler, zwei Arbeiten von Prof. Dr. Kaufmann „Aus der Geschichte der" Juden in Frankreich", eine Abhandlung von Dr. B. Placzek über „Konsistorien", eine Charakteristik Dr. A. Jellineks als Schriftsteller von Dr. Schmied!, eine Abhandlung von Dr. I. Wolf „Zur Analyse des Hauptwortes Arbeit", eine Beschreibung von Dr. Jellineks Grabmal von dessen Schöpfer, dem Architekten M. Fleischer, und „Epigramme", die ihre Spitze gegen die Krankheit unserer Zeit richten, von Benno Planek (Dr. Placzek.) Es wird wohl wenige Almanach e geben, die sich solchen Inhalts erfreuen. — Dem eigentlichen Kalenderwesen ist eine außerordentliche Sorgfalt geweiht, aus den Berichten der einzelnen jüdischen Gemeinden Oesterreichs schöpft man reiches Material zur Würdigung ihrer Thätigkeit. Wir haben nur einen Wunsch: Möge die „Österreichisch-israelitische Union", wie sie sich in diesem Kalender ein würdiges Denkmal setzt, sehr bald zur wirklichen Einigung, zur starken Centralisation in Oesterreich beitragen! Kprerhsaal. An meine Herren Kollegen! chon oft hat Herr Professor Dr. Steinthal sein hohes Interesse für die jüdischen Melodien bekundet. Auch aus seinem letzten geistreichen Artikel „Was wollen wir mit den jüdischen Melodien" in der Allgemeinen Zeitung des Judenthums ersieht man, daß dem hochgeschätzten Autor die alten, ehrwürdigen, jüdischen Melodien ans Herz gewachsen sind. Er möchte dieselben in rein wissenschaftlichem und humanem Interesse gesammelt wissen, um alsdann unterscheiden zu können, welche Melodien jüdischen Ursprungs sind. Sollen wir, hochgeehrte Herren Kollegen, diese Aufforderung von einer so ehrenvollen Seite an uns spurlos vorübergehen lassen? Ich hoffe, daß jeder musikalisch gebildete Kollege für die Ehre seines Berufes eintreten und den Anregungen des . Herrn Professor Steinthal Folge leisten wird. Es ist rührend, wie der geschätzte Herr Professor von den jüdischen Gesängen spricht, die er in seiner Vaterstadt von dem dortigen gehört hat. Jene Gesänge finden heute noch in dem ergrauten Manne lebendigen Widerhall. Also, liebe Kollegen, der nn w es, der dieses Interesse hervorgerufen hat! Nun wollen auch w!r durch unsere Melodien, die wir im strengen jüdischen Stil geschaffen haben, unsere Zeitgenossen für das synagogale Leben begeistern und unserer ehrwürdigen Fahne, dem alten Zu seinem Siege verhelfen. Jeder musikalisch gebildete Kollege wird gewiß in seinem Pulte Gesänge von sich und von anderen jüdischen Komponisten zu liegen haben, die im streng synagogalen Stil komponirt sind. Diese Gesänge sollen gesammelt und den in den verschiedenen Provinzen etwa zu bildenden Kommissionen eingesandt werden. Diese musikalischen Kommissionen, die nur aus Kantoren bestehen dürfen, sollen die Gesänge nach ihrem jüdischen, synagogalen und Chasonaus'schen Ursprung prüfen und nur als solche den Gotteshäusern vermachen. , Sicherlich wird dieses Blatt auch von anderen Kantoren diesbezügliche Vorschläge entgegennehmen, um die Ideen des Herrn Professor Dr, Steinthal verwirklicht zu sehen. Mit kollegialem^Gruß A. FriedmäNn, ■'* Kantor der jüoischen Gemeinde zu Berlin. Druck und Verlaa von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.