Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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11 1 f ruhig und heiter, weil er noch kaum beim zweiten Gläschen war; seine wehmüthige Stimmung fing erst bei dem zwanzigsten an. „So wollen wir's machen!" riesen Alle und nur der dicke Schmied meinte: „Ich will nicht dagegen sein, weil ich treu zum Dorfe stebe. Aber ich kann nur wiederholen: Zu welchen! Preis ich den Grund neben meinem Hause abtrete, kann mir gleich sein. Je billiger sie mir den Grund berechnen, um so theurer berechne ich ihnen meine Arbeit. Ja, wir in Wiukowze siild noch lang so klug, wie die Haliczer Schreiber!" (Fortsetzung folgt.) Kelle Trauer. Von Dr. med. I. Ruff. ^ie. -sje sich auch abmühen, die Dichter, Realisten und Romantiker, seelische Konflikte zu konstruiren, um zu beweisen, daß die Menschen Bestien oder Engel sind, das Leben erschöpfen sie dennoch nicht, inid ihre Phantasiegebilde bleiben weit zurück hinter dem, was die Wirklichkeit täglich und stündlich bietet. Beweis hierfür mag nachfolgende buchstäblich wahre Geschichte sein. An einem Julitage der vergangenen Saison in Karlsbad meldete mir mein Diener: „Ein polnischer Jud und eine Dame!" Ich blickte überrascht auf ob. dieser sonderbaren Meldung des sonst so intelligenten Menscheil, fcmb sie aber begreiflich beim Eintritt des genieldeten Paares. Er ein polnischer Jude im langen Kaftan mit den.Pfropfzieherlöckchen an den Schläfen — sie — ein Prachtexemplar an Schönheit, Eleganz und Geschmack — Vater und Tochter. Die gleiche Verschiedenheit machte sich auch in der Sprache geltend. Der Vater sprach das polnische Jüdisch-deutsch, die Tochter tadelloses dialektfreies Hochdeutsch, und nur das an den Vater gerichtete Wort war das unverfälschte Idiom des elterlichen Hauses, in das sie allen Schmelz kindlicher Liebe zu legen wußte. Wie glücklich machte ihn meine Bewunderung seiner modernen Tochter, unb ich glaube, er gab sich polnisch-jüdischer, als er tvar, nur um den Unterschied deutlicher zu macheu. Von Tag zu Tag wurde der Alte zutraulicher, die Tochter aber blieb kühl und reservirt. Rur eiumal sah ich sie die Fassung verlieren. Der Alte hatte mir von seinem Wohlstand gesprochen und dabei durchblicken lassen, daß er nur die eine Sorge habe, diese Tochter zu verheiratheil. „Wenn man so jung und schön ist," hatte ich begonnen — kam aber nicht zur Vollendung meines Satzes, denn eine heiße Blutwelle schoß ihr in die Höhe, und als sie sich mit einem vorwurfsvollen „Aber Vater!" von ihrem Sitze erhob, standen ihr die Thränen im Auge. Am Abend vor der projektirten Abreise wurde ich zu dem Alten gerufen — er war plötzlich und unter schweren Erscheinungen erkrankt. Ich traf ihn delirirend. Die Tochter war eine ganz andere! In der äußeren Erscheinung noch immer die Dame, hatte sie ihr Hochdeutsch vollständig verlernt. Sie hatte keinen „Vater", sondern nur noch ein „süßes Tateleben". Es war mir bald gelungen, den Kranken in ruhigen Schlaf zu bringen und der Tochter die Gewißheit zu geben, dgß ihrem. Vater kein<Gefahr drohe. Gern erfüllte ich ihr die Me, noch zu bleiben, und so saßen wir leise flüsternd am Krankenbette des polnischen Juden. ,)Bch habe Sie noch um Entschuldigung zu bitten Herr Doktor!" ,)Sie-.mich'? mein Fräulein!" fragte ich erstaunt. „Ich bin kein Fräulein, ich bin seit 6 Monaten Wittwe!" „Wittwe?" Mein Blick fiel unwillkürlich auf den eleganten, hellfarbigen Schlafrock. Thränen standen in ihren Äugen. „Ich bin Wittwe---hören Sie mich an —" und mit thränenerstickter Stimme erzählte sie mir Folgendes: „Mein Vater ist ' wohlhabender Gutspächter in Neusandez in Galizien. Alle im Städtchen lieben und achten ihn, denn trotz seiner Frömmigkeit macht er keinen Unterschied in seiner Güte gegen alle Menschen, ob sie Inden oder Christei,, ob sie fromm oder nicht fromm sind. Im Nachbarhause lebte eine arme Judeufamilie, Vater, Mutter und zwei Söhne, von denen der ältere, zart und kränklich, mein ständiger Spielgenosse war. Mit geistigen Anlagen reich ausgestattet, war er zu schwach für den Erwerb, und gerne gingen daher die Eltern auf den Rath meines Vaters ein, ihn „lernen" zu lasten, um so bereitwilliger, da sich mein Vater anheischig gemacht hatte, die Kosten hierfür zu tragen. Meine Lehrer waren auch die, seinigeu, überdies aber lernte er Talmud beim Rabbiner. So wuchsen wir heran — wir waren wie Bruder und Schwester, kaum ahnend, daß wir uns mehr werden sollten. Vor 3 Jahren — ich war 16 Jahre alt — sollte ich auf Wunsch meines Vaters nach Dresden in ein : Pensionat. Ich seh' ihn noch, wie er bleich und stumm mir zum Abschiede die Hand reichte. Meiner nicht mächtig, fiel ich ihm um den Hals. Mit einem milden, verheißungsvollen „Du kommst ja wieder mein Kind!" trat mein Vater dazwischen, und ich reiste ab. Nach zwei Jahren kehrte ich ins Vaterhaus zurück. Nichts fand ich verändert, mir Er war für mich ein Anderer geworden. Am Vater sah ich den Kaftan und die Schläfenlöckchen nicht — an ihm sah ich aber nur diese. Wie Groll kam's über mich, und ich wich ihm aus, wo ich nur konnte. Er schien es kaum zu bemerken und suchte mich nicht. Da kam ein Freier aus Lemberg, ein Moderner. „In Geschäften" hieß es — er war Gast unseres Hauses über Schabnoth (Pfingstseiertage). An diesem Tage sollte mein Spielgeuosse zum . ersten Male im Gotteshause zu der Gemeinde sprechen. Es war ein Ereigniß, von dem Jung und Alt Wochen zuvor sprach. Auch unser Gast, so wenig ihnl der Sinn auch darnach stand, konnte sich dem Syuagogenbesuche nicht entziehen — er folgte dein Vater dahin. Ich selbst — meine Mutter war seit vielen Jahren todt — betrat die Fraueuschul au der Hand der Mutter meines Freundes. Mein Sitz war in der vordersten Reihe, und so konute ich durch das Holzgitter, das die Frauenvon der Männerschul trennte, die Vorgänge da unten brennenden Auges verfolgen. Ich sah nur 4 Personen, den Vater mid seinen Gast in tadellosem Saloiianzuge, den Cylinder auf dem Kopfe, die Hände in hellen Handschuhen, um die Schulter den eleganten zusammengelegten Seidentallis, unseren ehrwürdigen, alleil Rabbiner und meinen Freund, über den Kopf eingehnllt in e'meii durch das Alter gelbgewordenen Tallis. Ich schäiilte niich der eigenen, noch aus Dresden nntgebrachten Toilette, die liicht weniger voil der meiner Nachbarinnen abstach, als die des Lemberger Dandy voll der — meines Vaters. Elidlich war das Thoralesen vorüber, und mein armer Freuild betrat das Empor. Der Tallis fiel auf die Schulter, und das Haupt mit dem Sammtkäppchen wurde frei. Wie blaß er war! Jener mit dem wohlgepflegteii Bärtchen, dieser mit den Schläfenlöckchen und dem heute ungekämmten Barte! Er begann zu sprechen! Niemals hatte mir das heimathliche Idiom häßlicher geklungeii — ich hätte mir die Ohren verstopfen mögen — aber ich mußte znhöreu, ilnd Satz uni Satz Hang es mir wohllautender, — Satz um Satz schwand Dresden aus meiner Erimierung — ich ward jünger lind iuimer junger; ich ward wieder zum Kiilde, und der da sprach — er hatte keine Stirulöckchen und keinen Kaftan mehr, — ich sah nur noch seine Augen und hörte nur noch seine Stimme, und sie erzählte mir von unseren Kinderspielen — voll Vater und Mutter, von Heimath unb Familie. Ob er. gelehrt gesprochen oder nicht —