Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 „Lache nur," murmelte sie, „mich täuscht Niemand. . . Und ich bring's noch aus Euch heraus, ich bring's heraus!" Zur selben Stunde, wo sein blühendes Kind so fröhlich war; mußte der Kleine wieder einmal einen schweren Augenblick durchleben; Als er am Gutshof vorüberging, trat eben der Janko heraus. Der Jude wollte mit kurzem Gruß vorbei — die Sonne sank, bald sollte der Sabbath einziehen, und was hatten sie auch noch einander zu sagen! — aber der Bauer hielt ihn an. „Höre, Leibko," sagte er, „ist der Pole plötzlich verrückt geworden?! LM mich heut' Mittags durch seinen Martin bitten, zu ihm zn kommen: er hätt' was Wichtiges für mich. Ich will anfangs nicht, aber der Mann sagt: „Stoße Dein Glück nicht hinweg!" und: „Wenn Du nicht kommst, so muß ich's büßen!" und so geh' ich hin. Zwei Stunden hat er mich gequält und mir immer von Neuem Banknoten auf den Tisch hingezählt — hundert oder zweihundert oder fünfhundert Gulden — was weiß ich?! Ich Hab' gar nicht hingesehen, sondern nur immer „Nein!" gesagt. Nämlich — meinen Obstgarten will er plötzlich haben. Verrückt — was?!" „Fünfhundert Gulden?" fragte der Jude staunend. „Daun hättest Dn am Ende —" „Nein!" sagte der Bauer trotzig, und in den düsteren Augen lohte es unheimlich auf. „Kein Fußbreit von meinem Boden soll einem Anderen gehören und kein Haar von meinem Mädchen!" Leib wandte sich ab. „Dasselbe Bette oder dasselbe Grab!" sagte der Bauer dumpf. „Ich sag's Dir nochmals, es soll nicht meine Schuld sein, wenn Du nicht dran glaubst." Und er ging raschen Schrittes davon. In der Haltung, an die ihn sein ganzes Dasein und nun gar diese letzten, bewegtesten Tage seines Lebens gewöhnt, tief gesenkten Hauptes schlich Leib heim. Die Schänkstube war dunkel und leer, wie alle solche Stuben tu der Dämmerstunde des Freitags, soweit jüdische Schänkwirthe Hausen und slavische Bauern Geld und Kraft im Schnaps vergeuden. Sechs Tage der Woche ist der Jude für den Bauer da und vott Gott dazu geschaffen, damit der Bauer Jemattd habe, an dem er seinen Witz Üben und seinen Spaß haben kann, aber vom Freitag Abend bis in die Dämmerstunde des Sonnabends hinein gehört der Jude — nicht etwa sich selbst, das würde der Bauer nie begreifen, geschweige denn respektiren — aber seinem Gotte. Und dartntt darf man ihn nicht für sich in Anspruch nehmen. Am Sabbath kann die „Goje" den Gast bedielten; aber zu Eingattg des Ruhetages braucht sie der Jude zur Betreuung der Lichter und für ähttliche Verrichtungen, und darum betritt kein Bauer um diese Stunde eilte Schättke, selbst der durstigste und roheste tlicht. Es ist ja nach seiner Meittttttg wahrlich nicht der rechte Gott, dem diese Stunde geweiht ist, aber doch immerhin „auch ein Gott, der alte Herr Vater von unserem Herrgott" — nnd darttm bleibt er weg. Und aus dem gleichen Grnttde hütet sich der Bauer, in die erleuchtete Stube zu blicken, wenn He Hausmutter die Lichter segnet, und dann, wenn der Hausvater die Mahlzeit dttrch Gebete weiht. Denn er .fürchtet, daß er dann vielleicht darüber lächelt müßte, und das will er nicht: man darf es auch mit dem „alten Herrn" nicht verderben. . . ' Wenn der Kleine sonst um diese Sttmde sich durch das halb- . dunkle Schällkzilltmer durchgetastet mtd die Thüre des hell erlenchtelett Wohnsiübchens geöffnet, dann feint ihm bei dem Anblick von Weib uttd Kind, die ihr bestes Gewand, angethan und ihn mit dem „Gu? Woch!" begrüßte», alle Last des Kummers von der Brust. Und fenn er, noch ehe sie zur Stelle waren, dann übten die Talgkerzen in den beiden dreiarmigen Zinkleuchtern und das weiße Linnen auf dem Tische dieselbe Wirkung auf sein Gemüt!). Anders diesmal. Er fand die Beiden seiner harrend: Chane nickte ihm freundlich zu, und sein Kind eilte ihm liebreich entgegen, aber sein Herz blieb schwer. Mit umflorten Augen sah er zu, wie fein Weib die welken Hände über den Lichtern erhob und die uralten Segensworte darüber sprach, und als nun seine Tochter gebeugten Hauptes auf ihn zutrat, damit er sie segne, da zitterten ihm Herz und Hände, und Während er mit der Rechten den geliebten Scheitel berührte, stürzten ihm die Thränen über die Wangen. . . . Ach, war sein Segelt stark genug, sie zu schützen?! Erst als er zu beten begann, stillte sich wieder sein Gemüth. . . „Gott, Du Allmächtiger, Du Lebettder mtd ewig Datternder, Du waltest über uns immerdar!" Je weiter er fruit, desto mehr Kraft und Trost quoll ihm aus den liebvertranten Worten, und mancher Satz, den er sonst nicht mehr beachtet als andere, gewann mm für ihn eine Bedeutung, als wäre er eigens für ihn geschrieben. „Laß mich demüthig sein gegen Alle uttd tneine Seele Deiueii.>.Geboten nachstreben. Zerstöre Du den Anschlag derer, die Böses^Men mich sinnen und vereitle ihr Vorhaben! Der Du Frieden stiftest in Deinen Höhen, lasse walten Deinen Frieden über uns!" . . . Er sprach die Worte ttoch einmal, uttd znm dritten Male; sie thaten seiner geängstigten Seele so wohl. . . Gewiß, er nahm dies Kind in seine Hut! . . . Und als Miriam, nachdem er geschlossen, auf ihn zutrat itttb ihn zu Tische rief, da legte er ihr iwchmals die Hand aufs Haupt, und diesmal zitterte diese Hand tlicht mehr; sein Segen war nicht stark genug, aber sie stand in besserer Hut. . . Während am nächsten Vormittag die Drei in der Wohttstube saßen und beteten, füllte sich, wie an jedem Sonnabend die Schünkstube mit Gästen. Das war in Winkowze ttächst dem Sotlntag der beste Geschäftstag für den Wirth, und zwar aus aioei Gründen. Einmal deshalb, weil viele Hausväter des Dorfes gründliche Leute waren, die gern die beiden Zwecke des Sontttags voll erfüllten. Der Tag ist zur Erbautntg tttld zur Erholung bestimmt, aber ist es tticht eitel Stückwerk, wenn man diesen Zwecken eben nur dadurch entspricht, daß matt des Vormittags zur Kirche geht lind dann vom Mittag bis in die Nacht hinein trinkt, so lange die Hand das Glas zum Munde führen katm?! Mindestens der Erholung sollte ein gattzer Tag gewidmet sein, und darum beginnen viele am Sonitabend. so daß es anderthalb Tage werden, und bei einigen besonders gewissenhaften Mettschen, werden's gar dritthalb, weil sie auch noch am Motttag in der Schättke liegen. Fertter aber waltete am Sonnabend die Kasia in der Stube, und welchen Zauber ihre Unterhaltungsgabe übte, ist bereits gesagt. Nie jedoch hatte sich diese Gabe so glänzend bewährt, wie an diesem Sonnabend. Schott daß die „Kommissija", die den Weg für das „eiserne Pferd" abstecken sollte, bereits am nächsten Dienstag zu erwarten war, bedeutete allen eine wichtige Nettigkeit. Aber allzuviel lvnrde darüber nicht mehr geredet; man war sich über die Sache seit dem Mittwoch Abend einig, wo der Richter von Winkowze, der alte Harasim, aus Halicz heimgekehrt war. Und dieser würdige Greis gab denn auch heute der allgemeinen Ueberzeugung Ausdruck, indem er nun sagte: „Wollen uns die Schreiber wirklich mit dem Unsiun kommen, daßwir denBoden billig abgeben, so antworten wir einfcM„Bitte, leget den Weg durch ein anderes Dorf! Wir sind bisher'kn Winkowze ohne stinkende Teufel, die in eiserne Käfige eingeftterrt -siikd, ausgekommen und werden auch künftig ohne sie gesund bleibeif. Oder lasset das Pferd über unser Dorf weg durch die Lnstssaüsetl— auf eine Zauberei mehr oder wetliger kann es Euch dochUicht^ankommen! Ja, so will ich für unser Dorf antworten, und Ihr rufet: „Der Richter hat Recht!" und dann — gebt Acht. Ihr Leute, dann kommen sie mit den Gulden herausgerückt. Ja! Ja!" Er sagte es