Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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9 sephardischen Gesicht wahrzunehmen vermochte Trotz des guten Eindrucks,-den der Ritus-der italienischen „Schul" auf mich gemacht, fröstelte mich die offensichtliche Werkeltagsstimmnng der Betenden an. Aus keinem Auge blitzte mir jener wärmende religiöse Strahl seelischer Zerflossenheit entgegen, der sich auch dem nicht dogmengläubigeu, aber verständnißvöllen Zuschauer mitzutheilen und ihn für Momente zu ergreifen pflegt. Mag sein, daß der Dnrchschnitts- Aschkenasi im Laufe des Jahres in zeremonieller Richtung mehr auf dem Kerbholz und daher mehr abzubitten hat, als der im Durchschnitt streng zeremoniell lebende Sephardi iin Orient. Immerhin kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als ob das religiöse Leben der Juden im Orient sich zu mumienhafter, dogmenstarrec -Unfrische verhärtet habe. ~lf—II-:-—-II 11—-' IE 1 nt dt 1 FEUILLETON —H--— »-- 1—! Leib Meihnachtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. (Fortsetzung.) (D^f^achdemMhane gegangen war, blieb es eine Weile still. Die 4jg\L Kasia that, als ob sieein Schluchzen mitaller Kraft unterdrücke, und weil sie sich viel Mühe damit gab, so that ihr das gutmüthige Mädchen den Gefallen und fragte endlich:! „Was hast Du nur?!" „Was ich habe?!" stöhnte die Wäscherin, freilich zunächst noch, trotz heftigen Zwinkerns, mit trockenen Augen. „Zuerst quälst Dil das Geheimniß aus mir heraus . . . und daun stellst Du mich als Schwätzerin hin. . . Ich eine Schwätzerin . . . oh!" Und nun hatte sie endlich wahrhaftig Thränen in den Augen. „Wenn's nichts weiter ist," sagte das Mädchen lachend. „An dies Unrecht könntest Du gewöhnt lein!" „Ich bin aber keine Schwätzerin!" rief die Kasia. „In wichtigeil Sacheil kann ich schweigen, wie — wie —" Aber nun fiel ihr kein Bergleich mehr ein, der einen so hohen Grad von Verschwiegenheit würdig verbildlicht hätte, unb darum erstarb der Schluß des Satzes in heftigem Schluchzen. „Aber wie hätte ich wissen sollen, daß Du es nicht erfahren darfst?" fuhr sie dann mit merkwürdig rasch gewonriener Faffung und ohne alles Zittern der Stimme fort. „Warum hat mir Deine Mutter den wahren Grund verschwiegen?! Jetzt weiß ich ihn!" Und sie hielt mit triumphirendem Lächeln die Blechschüssel; in der die Weißfische für den Abend angerichtet werden sollten, ans Licht, ob sich noch irgendwo ein Fleckchen finde, Ulld zwinkerte dabei das Mädchen von der Seite an. „Was meinst Du damit?" fragte Miriam. „Oh, das sag' ich nicht! . . . Du sollst erfahren, daß die Schwägerin auch schweigen kann. . . Ich aber rede nur, was ich verantworten kann. . Wenn mail mich zu täuschen sucht, so kann ich nichts dafür, wenn ich Unheil anrichte. . . Und hier" — 'sie begann wieder zu schluchzen und die Lider gingen blitzschnell auf und nieder ,-ist ja auch das Unheil hoffentlich nicht gar zu groß. Du bist klug, Du wirst Dich fassen. . Miriam stand starr vor Staunen. ' „Faffen? — worüber?!" „Verstellst Du Dich auch, wie Deine Mutter?" stieß die Magd schmerzvoll hervor. „Warum wollt Ihr mir verbergen, was vergeht zuerst sie, dann Du?! . . Ihr kann ich es noch verzeihen — da war wirklich eine Gefahr — aber Du, warlim mißtraust Du mir?! Du hast doch sonst Niemand, mit bei» Du darüber reden kannst! '. . Ist das der Lohn für meine Treue?!" Die Worte sprudelten immer hastiger hervor. „Wer hat Dich einst immer beschützt, wer mit Dir gespielt? Ich habe Dich auf den Händen getragen, ehe Du noch geboren warst!" .. Miriam lachte laut auf. „Das doch nicht!" rief sie. „Aber es ist ebenso vernünftig wie alles Andere, was Du heute redest. Was meinst Dil eigentlich?" „Was ich meine?!" rief Kasia und stemmte die Arme in die Hüften. „Daß Du mit dem alten Juden verlobt bist, ohne es zu wissen! Daß es Dir Deine Eltern verschweigen, weil sie wissen, daß Dir der Janko lieb ist, und daß Du darum den Alten nicht wirst nehmen wollen! Das meine ich! . . . Aber Du wirst es deshalb doch thun." fuhr sie Plötzlich flehenden Tones fort, „obwohl ich es Dir leider ohne meine Schuld verratheu habe. . . Ohne meine Schuld, denn wie hätt' ich so was ahnen sollen? Erst wie Du vorhin so roth geworden bist, Hab' ich's erkannt! ... Du wirst den alten Davidheirathen, denn er lebt ja keine drei Monate mehr, und dann bist Du eine junge, reiche Wittwe und kannst Dein Leben genießen. . . Und was willst Du mit dem Janko? Er ist ja wirklich ein häßlicher Tölpel! — Deine Mutter hat Unrecht gehabt, mir den wahren Grund zu verschweigen, warum ich Dir Deine Verlobung nicht erzählen soll, aber wenn sie ihn so nennt, hat sie -recht! . . . Ich bitte Dich, Miriam," schloß sie und hob beschwörend die Hände empor, und die Thränen, die ihr nun die kleinen, gelb- . lichen Augen füllten, brauchte sie nicht erst mühsam emporzupumpen, „nimm den alten Juden — denn sonst jagt mich ja Deine Mutter davon!" Das junge Mädchen ließ den Wortschwall stumm über sich ergehen; die Augen wurden immer starrer vor Staunen und die Gluth der Wangen immer flammender, aber sie regte sich nicht. Dann aber warf sie plötzlich die Arme in die Luft und begann zu lachen — zu lachen; jedes Grübchen im runden Gesicht und die Augen und jedes Härchen und jeder Muskel am jungen kraftstrotzenden Körper lachte mit. Das währte minutenlang; immer von Neuem brachen die hellen, rollenden Laute, wie das Girren einer Taube, ans ihrer Kehle, bis ihr die hellen Thränen über die Wangen liefen. Und das erste Wort, das sie fand, war: „Kasia! Du bist zu dumm!" „Dumm? . . . Ich? . . . Was meine Augen gesehen haben, lasse ich mir nicht abstreiten. . . Du wirst roth, so oft man den Janko nur nennt!" „Dann müßt' ich alle Tag' vom Morgen bis zum Abend aussehen wie ein gesottener Krebs." erwiederte sie lustig. „Nein! Ich habe die Liebe zum Janko nicht, wie Ihr sagt. Gern Hab' ich ihn und bin an ihn gewöhnt — das ist alles! Zu solchen Sachen bin ich noch zu jung, Hab' ich Dir schon gesagt — und daun, eine Jüdin bekommt die Liebe niemals, niemals, Kasia, merk'Dir das... Und was Du von dem Alten sagst, ist auch Unsinn — wer soll's denn sein?" Kasia nannte den Namen. Wieder schrie Miriam hell auf. „Der! Ich könnt' ja seine Urenkelin sein!" Und abermals lachte und lachte sie, daß. sie sich auf einen Stuhl werfen mußte, weil ihr der Athem stockte. Die Magd hatte sich gekränkt abgewendet.