Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Von diesen Würdenträgern israelitischer Abkunft ist keiner zum Islam übergetreten; sie bekennen sich bielmehr durchweg in ostensibler Weise zu ihrem Glauben, sofern sie an allen jüdischen Feiertagen in den Synagogen: erscheinen, wö ihnen freilich der ihrem Range entsprechende Ehrenplatz in der Regel angewiesen wird. Es soll dies in meinem Munde, nicht so sehr eine Ehrung, als eine Konstatirung des Thatbeständes bedeuten. Es ist dies ein interessanter psychologischer Beitrag zur Lehre vom Milieu. Während im Westeil die in hohen Staatsanstellnngen befindlichen Israeliten sich in der Regel eben so selteil — wenn überhaupt — in der Synagoge zeigen, lvie ihre christlichen Kollegen in der Kirche, gehört es im Osten zum guten gesellschaftlichen Toll, sich durch Theilnahme am Gottesdienst öffentlich zu seinem Glauben zu bekennen. Jnl Westen jüdelt sich's eben, wie es sich' christelt, während es sich im Osten jüdelt, wie es sich mohamedanelt. In der Sprache des Alltags nennt man diesen psychologisch begreiflichen Zustand Assimilation; die' Philosophie hingegen spricht von der Wirkung des sozialen Milieus. Als ich im behaglichen Geplauder mit Dr. Elias diesem Gedanken nachhängen und ihn weiter ausspinnen wollte, mahnte uns der Zeiger zum Aufbruch, um an der Vorabendfeier des Rosch- Haschanah in einer der zahlreicheil Synagogen Köiistaiitinopels theilzunehmell. Wir begabeil wls durch eineil Zickzack von winkligen Straßen von unheimlichem Odeur in ein verhältnismäßig kleines, festlich beleuchtetes Gotteshaus, das im Volksmund die italienische „Schul" heißt. Es mögen hier einzelne Familien italienischer Abkunft sich vorwiegend versammeln; der Charakter des Gottesdienstes hat nichts vom italienischen Ritus. Hier trat mir vielmehr zuerst ein sympathischer Typus des rein spagnolischen Gottesdienstes entgegen, der sich gegen den italienischen durch anmuthendere Frische und Lebendigkeit vortheilhaft abhebt. — Der italienisch-jüdische Gottesdienst, wie ich ihn in Mailand, Bologna, Florenz und Neapel an verschiedenen Feiertagen beobachtet und den ich an eülem Jom Kippur in Rom in seiner peinlichen Intensität kennen gelernt habe, hat etwas verstimmend Unfrisches, einschläfernd Monotones an sich. Wo in Italien, noch der orthodoxe Ritus herrscht, wie dies beispielsweise ül Rom der Fall ist, — Florenz liebäugelt in seiner wunderprächtigen Synagoge bereits mit dem aschkenasischen Ritus — da muß der aschkenasisch erzogene Jude sich abgestoßen fühlen von der in gleichem, melodielosen Tempo sich stundenlang wiederholenden Litanei. Uns Aschkenasim stecken die Melodien im Blüte, und unsere Vorfahren, denen Theater und Konzerte religiös versagte Genüsse blieben unb die selbst die Volksmelodien nur mit scheuer Zaghaftigkeit als religiöse Schmuggelwaare heimlich in sich aufnahmen, befriedigten ihren unzerstörbaren Melodientrieb in ihrem Gottesdienst. Der Chasan war ihnen die unbewußte Verkörperung von Heldentenor und Konzertsänger. Und so sickerte unvermerkt und verstohlen so manche heitere Opernmelodie, gar manche schelmische Wirthshausweise mit nur oberflächlicher synagogaler Tünche in unsere Lecho- Daudi's hinein. Diesen unverwüstlichen Liederdrang, der selbst über die so ängstlich behütete Barriere des Zeremoniells mit keckem Sprung h'müberhüpfte, muß das ewige Einerlei der Eiapopeia-Melodien des italienisch-jüdischen Ritus verstimmen, wenn nicht geradezu verletzen. * Um so angenehmer war ich nach den mir noch heute in den Gliedern steckenden Jom Kippur-Erfahrungen in Rom von dem Gottesdienst der italienischen „Schul" in Konstantinopel überrascht. Der Chasan verfügte über annehmbare Stimmmittel und trällerte die' Gebete in einer Tonweise', die man bei gutem - Willen für Melodien halten konnte. An den üblichen Stellen fiel die Zuhörerschaft ein und sang einige Gebetstücke unter leidlich rhythmischer Begleitung mit dem Chasan. Ausgefallen ist mir die im Verhältniß zahlreiche Betheiligung der Jugend, die an eine regelmäßige Theilnahme am Gottesdienst gewöhnt zu sein schien, da sie die Gebete fast durchweg auswendig absang. Nach meinen Beobachtungen ist die gesangliche Betheilignng des gelammten Publikums am Gottesdienst der Vertiefung der religiösen Andacht und Stimmung keineswegs förderlich. Nur die lautlose Stilledie allenfalls vom Vortrag einer gut geschulten Stimme unterbrochen wird, scheint jene weihevolle Grundstünmmig zulerzeugen, welche die religiösen Gefühle am adäquatesten ausdrückt. Daß die Alten bereits diese psychologische Beobachtung ahnungsvoll vorweggenommen haben, beweist der Umstand, daß der Krystallisationspunkt sämmtlicher Gebete, die Schemona-Esra, nach religiöser Vorschrift sich in lautloser Stille zu vollziehen hat. Der tiefere Grunds dieser Erscheinung, wie ich sie im katholischen und protestantischen Gottesdienst — int uitvortheilhafteu Gegensatz zum mohamedanischen — ebenso beobachtet habe, scheint darin zu liegen, daß das wiederholte Absingen religiöser Melodien seitens einer musikalisch wenig geschultett größeren Gemeinschaft leicht zur Schablone verführt und zu mechanischem Ableyern zu erstarren die Tendenz hat. Wohl können durch laute, ja überlallte Jubel-Hymnen Zustände des religiösen Paroxysmus, d. h. der durch Autohypuose erzeugten weltvergeffeneil, wildphantastischen religiösen Extase heraufbeschworen werden, wie sie uns das Beispiel unserer Chassidiul im Ostetl und das der heulenden Derwische in Konstantinopel, sowie der tanzenden Derwische in Kairo abschreckend genug vor Augen führt. Aber jeite geschlossene, abgetönte, verinnerlichte religiöse Stimmung, wie sie nur der reflektirende, bewußt religiöse Kulturmensch ül sich zu erzeugen Pflegt, vermag sich wohl nur zu entfalten bei lautloser Betheiligung am Gottesdienst oder beim Anhören vollendet dargestellter Tonschöpfungen. Ich schicke diese Betrachtungen, die sich mir längst auf meinen zahlreichen Reisen bei der Beobachtung der Gottesdienste aller monotheistischen Kulte aufgedrängt haben, nur voraus, um einen der Erklärungsgründe ausfindig zu machen, warmn der aschkenasische Gottesdienst, ail Hoheit Feiertagen zumal, mir allüberall von einer weihevollern Stimmung getragen zu sein schielt als der sephardische. Das Charakteristikum aller sephardischen Gottesdienste, lvie ich sie in den portugiesischen Synagogen voll Amsterdam und Paris, in den verschiedenen Synagogen Italiens und nunmehr auch beim spagnolischen Ritus kennen gelernt habe, scheint mir neben der bereits betonten Melodienarmuth in der Massenbetheiligung der Gesammtheit an längeren Gebetstücken zu liegen/ Eben diese Massenbetheiligung dürfte nun der Verinnerlichung des Gebets seitetts Einzelner hinderlich sein. Wie soll aber auch der Eiltzelne, sich vom großen Strotn der Singenden Loslösende, zu innerer Sammlung und geschloffener Konzentrirug seiner religiösen Gefühle gelangen, lvenn alles um ihn herum schreit oder gab kreischt? . , - . Das Privatleben der Sephardim mag vielleicht bezüglich der Einhaltung des Zeremoiliells unb der zähen Aufrcchterhaltung der Traditionen bem der Aschkenasim im Durchschnitt überlegen sein; ihr öffentliches religiöses Leben ermangelt jedoch — vielleicht in Folge ihrer liturgischett Gepflogettheiten — jener Tiefe und Innerlichkeit, wie sie aschkenasischen Gottesdienstell gleicher religiöser Schattirung, namentlich zu Neujahr und aut Versöhnungstag, eigen zu sein Pflegen. Während ich in meiner Jugend itt den kleineren jüdischen Gemeinden all den genannten Feiertagen kaum ein Allge thränenleer fand, habe ich am Rosch-Haschcmah in Koustantinopel kein thränenfeuchtes Auge zu Gesicht bekommen, trotzdem ich fast ein ^Dutzend Synagogen während der verschiedenen Gottesdienste beobachtet habe. Jenes eigenartige Parfüm von gehobener Feiertagsstimmung, wie ich es in orthodoxen Synagogen beobachtet, habe ich an keinem