Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Me Juden in Konstantinopel. Von Prof. Dr. Ludwig Stein in Bern. I. oit einer iiiehrivöchentlichen Reise, die in Konstantinopel einsetzte, über Griechenland und Aegyplen sich ansdehnte, um in Jerusalem ihren krönenden Abschluß zu finden, heimgekehrt, fand ich mehrere Aufforderungen zum Bericht, über das im Orient Erlebte vor, darunter das auf einen liebenswürdigen Ton gestimmte einladende Schreiben des verehelichen Redakteurs dieses Blattes. Obgleich nun Reisebeschreibungen weder meines Amtes sind, noch meinem Geschmack und meinen litterarischen Gepflogenheiten sonderlich entsprechen, habe ich den lockenden Tönen der feinfühligen Redaktion nicht widerstehen mögen. Und so bin ich denn von meinem litterarischen Grundsatz, meine Feder ausschließlich in den Dienst der von mir vertretenen Wissenschaft zu stellen, diesmal abgewichen, um kleine Streifzüge in dem mir so wenig zusagenden Gebiete der Reisebeschreibungen zu unternehmen. Und wenn die Leser finden sollten, daß ich hier und da etwas Wilddieberei getrieben und litterarische Kontrebande eingeschmuggelt habe, so unterscheide ich mich von berufsmäßigen Reise - Schriftsteüern wohl nur dadurch, daß in mich infolge der nothwendigen Unbehilflichkeit des ersten Versuches beim Schmuggeln ertappen lasse. Ich schicke diese Verwahrung voraus, um dem Vorwurf mangelnder Originalität und behaglichen Reproduzirens von Banalitäten die Stachelspitze zu nehmen. — Was ich im Orient gesehen habe, das haben Zehntausende vor mir nach den bewährten Rezepten von Baedecker, Meyer e tutti qnanti gleichfalls gesehen, beziehungsweise fahrplanmäßig abgearbeitet; nur wie ich es gesehen habe, dürfte für die Leser von einigem Interesse sein. Füge ich noch hinzu, daß ich aus einem gewissen Stammes-Instinkt heraus an allen von mir besuchten Stätten mit besonderer Vorliebe den Spuren gewerblicher und geistiger Thätigkeit unserer dort lebenden Glanbensgenoffen nachgegangen bin, so dürfte sich die hier versuchte Skizze der Feier des Rosch-Haschanah-Festes in Konstantinopel umso eher rechtfertigen, als gerade hierüber kein Reisehandbuch der Welt auch nur Andeutungen, geschweige denn Anfschlüffe enthält. Am 18. September dieses Jahres (Crew Rosch-Haschanäh) glitt der Orient-Expreß Zug mit gemüthlichem Behagen in den recht kleinstädtischen Bahnhof der durch Schönheit und Alter gleich ehrwürdigen, von jeder kindlichen Einbildungskraft in der Regel mit den abenteuerlichsten Farben ausgestatteten Sultanstadt Konstantinopel. Von den Jnsaffen des Erpreß-Zuges schien außer mir Niemand zu wiffen, daß am morgenden Tage das jüdische NeujaWsfest begangen wird, deffen eigenartige Feier im Orient dem Ethnographen und Kulturhistoriker etwelches, dem mit dem Herzen betheiligten Zuschauer aber ein doppeltes Interesse darbietet. Wenigstens hatte ich meinen Reiseplan derartig zurechtgestutzt, daß ich in Konstautinopel rechtzeitig anlangen sollte, um der Neujahrsfeier der Juden in Konstantinopel in allen ihren Schattiruugen beiwohnen zu können. Blieben mir auch nur wenige Stunden bis zum Beginn der Vorabendfeier, so war ich doch mit warmen Empfehlungsschreiben seitens meiner Regierung, sowie seitens meines verehrten Freundes, Prof. Vamböry, dessen Weltruf ja vom Orient ansgegangen ist und nunmehr verstärkt wieder dorthin zurückstrahlt, so reichlich ansgestattet, daß ich hoffen durfte, in wenigen Stunden ausreichend informirt zu sein, um die beiden Feiertage als planmäßiger Beobachter durchgreifend ansnützen zu können.. Beim Betreten dieser seltsamen Stadt, deren Bevölkerung damals noch nichts von jener revolutionären Physiognomie verrieth, die; politisch bewegten Städten eigen zu sein pflegt, war es mein Erstes, meine Karte Sr. Exzellenz Dr. Elias Pascha, einem der angesehensten - Mitglieder der dort lebenden Israeliten, an den ich von London aus -warm empfohlen war. zu übermitteln. Besser hätte ich es freilich nicht treffen können. Dieser ausgezeichnete Mann, dessen Bekanntschaft fich unmittelbar nach meiner Ankunft machte und deffen Freundschaft ich bald genug erwerben durste, war geradezu die gegebene Persönlichkeit, mir die gewünschten Aufschlüffe zu ertheilen und bei meinem Rundgang durch die Synagogen Konstantinopels als Cicerone zu dienen. Mit orientalischer Gastfreundschaft, die freilich im Hause Elias Pascha's — im wohlthuenden Gegensatz zur vulgären Gastfreundschaft der Orientalen — einen heimeligen Stich ins Jüdische an sich hatte, das heißt offensichtlich von ungeheuchelter Innerlichkeit war, wurde ich allsogleich in die Familie gezogen und als ein zum Festtag sich einfindendes Familienmitglied behandelt. Ohne nun gerade ein Passepartout für meine Leser von Seiten meines neugewonnenen Freundes ausdrücklich erbeten zu haben, glaube ich doch keine Indiskretion zu begehen, wenn ich dieselben einlade, mir in das Haus des illustren Glaubensgenoffen zu folgen und vor Allem die Bekanntschaft des in so mancher Richtung interessanten pater kannlias zu machen. Elias Pascha, Neckeein da S. M. I. le Sultan und Generalarzt der türkischen Marine, hat sich aus den denkbar bescheidensten Anfängen zu seiner gegenwärtigen Stellung emporgeschwungen. Einer der ersten Schüler der von Graf Camondo begründeten und später von der Alliance Israelite weiter nusgebauten israelitischen Volksschule, hat er seine medizinischen Studien vorwiegend in Deutschland absolvirt, war Assistent Graefe's in Berlin und hat es knapp über Dreißig zum Leibarzt Seiner Majestät des Sultans gebracht. Seine Ernennung zum Pascha (General) erregte nicht nur deshalb ungeheueres Aufsehen, weil Dr. Elias der erste Jude war?) dem der Sultan diese Auszeichnung verlieh, sondern besonders darum, weil vor ihm noch kein Arzt den Generals-Rang zugesprochen erhielt. Seither ist freilich eine erkleckliche Anzahl hoher Würdenträger jüdischen Glaubens ernannt worden: Jsaac Pascha, Generalarzt, der gelegentlich des Besuches des deutschen Kaisers Wilhelm II. diesem attachirt war und bei diesem Anlaß zum Pascha befördert wurde. Ferner ist seit zwölf Jahren der Unterpräfekt von Konstantinopel, Bochor Effendi, ein eifriges Mitglied, der jüdischen Gemeindeverwaltung. Er gilt für einen der schneidigsten Beamten und genießt im kaiserlichen Palast, wie ich mich gelegentlich eines Gesprächs mit Tachsin Bey, dem ersten Sekretär Seiner Majestät des Sultans, persönlich überzeugt habe, eines außerordentlichen Ansehens. Ferner ist Abraham Effendi höherer Beamter im . Ministerium des Auswärtigen und David Effendi erster Uebersetzer im gleichen Ministerium, in' welcher Eigenschaft er durch etwa vierzig Orden ausgezeichnet worden ist. Bei dieser Gelegenheit mag hier eingeschaltet werden, daß Jussuf Effendi Krieger, der unter abenteuerlichen Umständen aus Ungarn nach der Türkei ausgewandert ist, heute Direktor des Ministeriums des Auswärtigen auf der Insel Rhodos ist und an Zahl der Orden mit David Effendi wetteifern kann. Als fernere Notabilitüten Konstantinopels seien hier genannt: Aron Leon Effendi, Baruch Effendi, Boas Menasche Effendi (Mitglied des Appellationsgerichts in Rhodos), Dr. Camhi, Araslan Mffendi Fresko, der erste Dragoman der kaiserlichen Marine, Moise ' Bey, Dr. Behar Effendi, Rechtsanwalt Emil Effendi, der Beamte der hohen Pforte Elias Effendi, Dr. Leon Behar und die Familien Modiano, Eskenasi, von Toledo. *) Ich nannte ihn deshalb auch scherzweise den ersten Pascha-Israel.