Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1896)
- Date
- 1896-01-03
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 zu umgeben. Jedoch, diese Poesie bleibt nur eine echte und berechtigte, -wenn ihr die religiöse Bedeutung des Festes zu. Grunde liegt. Nimmt man dem Feste diese Bedeutung, so ist die Feier defselbcn ein eitel hohles Frelldengekliugel. Wer es also mitfeiert, muß es^mit der ihm zu Grunde liegenden Bedeutung thun. Oder was wollt ihr jüdische Eltern euren Kindern antworten, wenn sie euch, zwar nicht dem Worte, aber dem Inhalte nach fragen: „mah nischtanno halajlo liaseh?“ Und Kinder fragen immer, wenn sie nicht halbe Idioten sind, die in unserer alten Litteratur mit dem Ausdrucke „seb'enc» jodea lisch’ol“ bezeichnet werden. Gestatten Sie, verehrte jüdische Eltern, die Sie Ihren Kindern einen Weihnachtsbaum bereiten, daß ich hier einige hebräische Worte, ohne sie zu übersetzen, angeführt habe. Vielleicht erinnern Sie sich noch aus Ihrer Jugend derselben. Aber ihr brauchet euren Kindern gar nicht erst die Bedeutung des Festes kund zu thun, denn ebensowenig wie die. Festesfeier selbst, bleibt auch diese euren Kindern verborgen. Das Fazit ist, daß ihr in euren Familien das Fest, das höchste rein religiöse Fest einer andern Religionsgemeinschaft feiert — und damit ist die Verleugnung des Judeuthums, wenn auch nicht wissentlich und absichtlich, so doch thatsächlich vollzogen. „Man mag die Sache drehen und wenden, wie man anch will", — werden Tag der Entstehung einer andern Religion, den Tag der Geburt ihres Stifters, festlich begeht, wer die Erzählung von den geschehenen Wundern bei dieser Geburt durch allegorische Feier mitbestätigt, der bekennt sich mindestens theilweise zu derselben; wer dieses aber gar mit seinen Kindern und für diese thnt, der senkt in ihre Brust den Keim zum Glauben von der Superiorität des fremden und der Inferiorität des eigenen Bekenntnisses. Aber ist es denn wahr, daß es kein Kind aus besserem jüdischen Hause giebt, das nicht schwärmerisch vom Weihnachtsbaum spräche rc.? Ohne von meinem eigenen Hause und meinen eigenen Kindern reden zu wollen, deren noch keines schwärmerisch vom Weihnachtsbaum gesprochen hat, kann ich, der ich viel mit Kindern aus besseren und besten jüdischen Häusern zu thun habe/ behaupten, daß bei den Kindern ich von dieser Schwärmerei wirklich noch nie etwas bemerkt habe. Aber wäre dies auch der Fall, so sind Eltern und Erzieher dazu da, um die Kinder von Schwärmereien zu heilen. Ich habe z. B. sehr häufig bemerkt, daß Knaben, angeregt durch Lektüre von See-, Räuber- und Jndianergeschichteu, für das Seeleben, für Entdeckungsreisen und dergl. schwärmen. Was thut da ein vernünftiger Vater? Er treibt dem Knaben solche Schwärmerei aus; und wenn Verstandesgründe nicht helfen - ja, so treibt er sie ihm mit anderen Mitteln aus. Aber man wird doch nicht sagen, „wenn wir dem Kinde nachgeben, so verliert es nach und nach seine mystische Schwärmerei, es wird ernüchtert." Nein, wenn wir das Fest feiern, so sieht das Kind seine Schwärmerei — falls eine solche vorhanden ist — als berechtigt an. DeuWeihuachtsbaum aufstellen, um die Gefahr, welche „die Feier des Festes für jüdische Kinder mit sich bringt, zu Paralysiren," das übersteigt den Horizont meines logischen Denkens, — das widerspricht allen Lehren der Erziehungskunde, allen Erfahrungen der Pädagogen. Was wir für unrecht und schädlich halten, müssen wir unseren Kindern versagen. Daß die Eltern sich von den Kindern führen lassen, das ist überhaupt ein Fehler der Erziehung in fo manchem „besseren jüdischen Hause". Nun sollen wir gar, „um der Weihnachtsfeier ihren religiösen Nimbus zu nehmen", dieser eine andere Bedeutung unterlegen, das soll doch wohl mit den Worten gemeint sein: „Dem Kinde nach seiner Weise und wie es ihm verständlich ist, Aufklärung zu geben w." Mit Verlaub, das-wäre eine Unwahrhaftigkeit,-die, wie sie auch sonst zu verwerfen ist, am verwerflichsten bei der Kindererziehung wirkt, ein — nun,, so sei es gesagt — ein. Schwindel, der dazu noch so durchsichtig ist, daß er auch dem Kinderauge bald klar wird. Merkt das Kind aber erst, daß man ihm etwas verbergen, etwas unterschieben will, so wird es bald dahinter kommen, und der Schaden ist dann der größere. Nein, sollten wirklich unsere Kinder für den Weihnachtsbaum schwärmen, sollten sie wirklich sich nach der Feier dieses Festes sehnen, so müssen wir als Eltern „starr und unbeugsam" bleiben, wie wir es ja auch in anderen Fällen sein müssen, wo das Kind in seinem Unverstände Dinge begehrt, die ihm schädlich sind, nach anderen Dingen sich sehnt, die ihm nicht zukommen. Aber ich bleibe dabei: von den Kindern geht dies Begehren nicht aus. Ebensowenig sind die armen und unschuldigen Bilderbücher, auf die ich noch zurückzukommen gedenke, schuld daran, wenn jüdische Kinder für diese Feier schwärmen. Eher schon die mit den Märchen- und Bilderbüchern zugleich erwähnten Bonnen. Nein, die Eltern sind es, welche gern ihren Kindern diese, wie sie meinen, unschuldige Freude machen wollen, welchen es in der Seele leid thut, daß ihre'Lieblinge des poetischen Reizes des Weihnachtsbaumes entbehren sollen. Und weil die Schuld an den Eltern und in jedem Falle nur an diesen liegt, deshalb können wird nicht entschieden genug gegen diesen Mißbrauch anftreten. Gegen Fehler der Kinder dürfen, müssen wirnachsichtig sein, durch Liebe und Güte sie zu verbessern suchen. Sehen wir aber, daß der Fehler an den Erwachsenen liegt, so — ja so wünschte ich, daß mir die Rednergabe eines Jesajah zu Gebote stände, um mit aller Macht derselben gegen solche Fehler aufzutreten. Ach, hätte ich die Kraft seiner Satire, um darthun zu können, wie sie zum Baume sagen: „mein Vater bist Du", wie sie „mit den Kindern der Fremde liebäugeln", wie sie „mit ihren Lippen plärren, mit ihrer Kehle singen", wovon ihr Herz nichts empfindet, lvie sie „fremdes Feuer" auf den Altären ihres Hauses entzünden. Also, keinen Kompromiß, sondern lieber eine reinliche Scheidung: Die Eltern, denen daran gelegen ist, daß ihre Kinder als Juden, als überzeugnngstreue Juden heranwachsen, mögen sich von den Gebräuchen anderer Bekenntnisse, von der Feier ihrer Feste fern halten, den Eltern aber,denen die religiöse Erziehung ihrer Kinder gleichgiltig ist, überlassen wir es, wie sie mit ihrem Gewissen fertig werden, ohne ihnen noch Entschuldigungsgründe für ihre religiöse Gesinnungslosigkeit an die Hand zu geben. Aber sollen wirklich unsere Kinder, wie sie schon als Juden auf manche äußeren Vortheile Verzicht leisten müssen, auch des poetischen Reizes dieses Festes entbehren? Mit Nichten! Feiert nur die alten jüdischen-Feste, wie es die Väter thaten, und eure Kinder werden sich nicht darnach sehnen, fremde Feste zu feiern. Der Sederabeud mit seiner Feier, seinen Gebräuchen und . seinen Eindrücken — freilich in einer dem modernen Bildungsgrade und Anschauungsvernlögen unserer Kinder entsprechenden Weise gefeiert — steht an poetischem Reize dem Weihnachtsabend keineswegs nach. Ja. erinnert euch nur der Freitag-Abende aus eurer Jugendzeit, ihr werdet finden, daß auch sie des poetischen Reizes nicht entbehrten. Wahrlich, so arm ist das Jndenthum nicht, daß es für seine Kinder erst die geistigen Anregungen, die weihevollen Stimmungen aus ailderen Religionen entlehnen müßte, daß es sich begnügen müßte, die Feste anderer zu feiern, ohne ihnen den eigentlichen Inhalt geben zu dürfen. Fürchten wir nicht, daß durch Umgang mit anderen Kindern die unseren neidisch werden auf das, was diesem und jenem das Weihnachtßfest gebracht.. Eure Kinder zu beschenkenbieten sich mancherlei anderweitige Gelegenheiten: Geburtstage, güte Schulzeugnisse und nicht