Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1882)
- Date
- 1882-12-26
- Page
- Seite 854 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Lie Verhandlung bei geschlossenen Thüren zu führen, keine Folge gab, „weil es sich im vorliegenden Falle um ein Verbrechen handle, dem weder ein religiöses noch ein Politisches, sondern ein rein privates Motiv zu Grunde liege". Im Laufe der Verhandlung nahm jener Ankläger seine Aussage vollständig zurück und motivirte dies damit, daß ihn die Gensdarmen so lange geprügelt hätten, bis er versprochen, die Juden des Mordes anzuklagen. Jetzt widerrufe er dies Alles, weil ihm die armen Juden leid thäten, die nichts verbrochen. Dennoch mischten sich jüdisch-religiöse Momente in die Angelegenheit, nämlich die Frage, was der Talmud über die Behandlung eines verstorbenen Frauenzimmers, das in gewissen Umständen sich befand, vorschreibe. Bekanntlich betrifft dies nur Jüdinnen, und das getödtete Frauenzimmer war Christin. Der Gerichtshof hat deshalb den Rabbiner vr. Güdemann aus Wien als Sachverständigen berufen. Man ersieht hieraus, in welcher Achtung die hierländischen Rabbiner stehen. Die Verhandlungen sind, während ich dies schreibe, noch in vollem Gange. Sie ist hier nur erwähnungswerth, weil auch hieraus die schwüle Luft erkennbar ist, die jetzt über uns ausgebreitet ist. Hunderte ähnlicher Fälle gehen, an den Gerichtshöfen vorüber und machen außerhalb der Oertlichkeit kaum ein besonderes Aufsehen. Sobald aber ein Jude dabei betheiligt ist, sei er schuldig oder nicht, wird die Angelegenheit zu einer Landessache aufgebauscht und ehe man es. sich versieht, sind Vorurtheile und Gehässigkeiten hereingezogen. . Großbritannien. London, im December. (Privatmitth.) In einer Reihe von Artikeln fordert das „jewish Ckronicle“ auf, daß die orthodoxen Rabbiner aller Länder zu einer Synode zusammenkommen sollen, um das Judenthum zu reformiren und von den vorhandenen Mißbräuchen zu reinigen. Der Eifer des I.. Ehr. ist gewiß löblich, aber wir bezweifeln doch sehr, trotz der Zustimmung, die es in einigen nordamerikanischen Blättern findet, ob irgend ein Erfolg sich daran knüpfen werde. Zunächst bietet das Zusammenkommen dieser „orthodoxen Rabbiner aller Länder" die größten Schwierigkeiten. Orientalische, russische, galizische, ungarische orthodoxe Rabbiner mit den deutschen, französischen, englischen und nordamerikanischen würden sicherlich keine Organisation und Verständigung finden, da die ersteren gegen die letzteren von einem großen Mißtrauen beseelt sind und dann, was sollten für Mißbräuche den Gegenstand der Berathung und Beschlußnahme bilden? Die Reform könnte doch nur fest auf dem Boden des Schulchan-Aruch stattfinden, und dann würde es sich nur um Nebendinge von geringfügiger Bedeutung handeln. Das I. Ehr. führt zwar eine Reihe von solchen Objekten aus; aber bei' den meisten derselben würde die Mehrzahl der orthodoxen. Rabbiner schon zurückschrecken. Jedenfalls bekundet sich hierin, daß auch das „orthodoxe" Judenthum. das Reformbedürfniß empfindet. Gäbe es, aber diesem nach, so würde, es in ein arges Schwanken gerathen, da die Stabilität sein einziger fester Ankergrund ist. Als man in Deutschland die bekannten Versuche zu Rabbiner- Versammlungen und Synoden machte, hielten sich sämmtliche orthodoxe Rabbiner fern und doch hätten sie mit Leichtigkeit die große Mehrheit bilden und.die reformistisch Gesinnten überstimmen können. Italien. > ■ ■' Rom, im December. Zu den sechs Deputaten jüdischer Religion, die dem italienischen Parlamente angehören, und die diese Ztg. aufgezählt hat, kommen noch vier Israeliten, die im Senate sitzen. Rom, im December. Bekanntlich wird weder in Italien noch in Frankreich bei der-Volkszählung die Rubrik „Religion" aufgestellt und ausgefüllt. Man erachtet es für einen Gewissenszwang, dem Individuum sein religiöses Bekenntniß offiziell abzufragen. Es ist jedoch nicht zu verkennen, daß die Confession ein nicht zu übersehendes Element der Statistik ausmacht, und daß bezüglich mehrfacher staatlichen Beziehung die Kenntniß der Bevölkerungsziffern betreffs ihrer Confessionen wichtig ist. Der italienische Minister für Ackerbau, Industrie und Handel hat deshalb am 11. November an die Rabbiner und Vorstände der israelitischen Gemeinden des Königreichs ein Circular gerichtet, nachdem er eine spezielle Zählung der Protestanten auf demselben Wege bewirkt hat, in welchem Circulär die Fragen aufgestellt werden: 1) Zahl der nach den Registern der Gemeinde oder des Rabbinats am Orte wohnenden Israeliten; 2) Zahl der männlichen Kinderdie in den Jahren 1879, 1880 und 1881 geboren worden; 3) Zahl der Verstorbenen während derselben Zeit nach dem Register der jüdischen Friedhöfe. Selbstverständlich werden die Vorsteher und Rabbiner diesenl Verlangen nach Kräften Nachkommen. Allein es läßt sich voraussehen, daß namentlich aus den größeren Gemeinden die Mittheilungen mangelhaft sein werden. Denn wo, wie in den gedachten Ländern, die Vorsteher oder Rabbiner keine gesetzliche Befugniß haben, Standesregister zu führen, sind ihre Verzeichnisse stets unvollständig. Rußland. Petersburg, 13. Dezember. Wie die „Neue Zeit" erfährt, hat die Commission zur Regelung der Judenfrage in ihrem Berichte die Nothwendigkeit betont, eine Zählung der gesammten jüdischen Bevölkerung in Rußland zu veranstalten. (Diese Maßregel an sich wäre nur zu loben. Es wird sich daraus, wenn die Zählung nach Gouvernements, Kreisen und Ortschaften geschieht, unwiderlegbar ergeben, wie durch die