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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-12-26 · Heft 52 (26.12.1882) · p. Seite 852

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 52 (26.12.1882)
Date
1882-12-26
Page
Seite 852 (sequence 8)
Language
German
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Wissensfreiheit von der Reformation an durch die. verschiedenen Etappen bis zu den heute gesetzlich gewordenen Zuständen. In diesem Zusammenhang«, kam der Redner noch auf die in der jüngsten Reaktionszeit hervorgetretene antisemitische Bewegung, welche er als eine sehr schwere Verschuldung gegen die Gewissensfreiheit bezeichnete. Schließlich erklärte er, daß er in unserer entschieden rückläufigen Periode es für an der Zeit gehalten habe, 'die Gewissensfreiheit als eine alte und ewige Forderung in Erinnerung zu bringen. Herford, 14. Dezember. (Privatmitth.) , Es darf gewiß nicht verwundern, daß hier und in der Umgegend, der Hochburg eines Stöcker, Strosser und Kleift-Retzow, der Antisemitismus in vollster Blüthe dasteht. Um so 'mehr dürfte der folgende Bericht angenehm berühren, da er einerseits von dem freimüthigen und mannhaften Auftreten eines Glaubensgenossen Kunde giebt, andererseits aber auch beweist, daß selbst hier in der breiten Schicht der Bevölkerung, aller Umtriebe ungeachtet, immer noch ein erheblicher Theil den gesunden Sinn sich erhalten hat. Der hier in allen Kreisen werthgeschätzte Herr Dr. Hulisch, Prediger der Synagogengemeinde, wurde anläßlich der kürzlich stattgefundenen Stadtverordnetenwahl von der liberalen Wählerschaft der dritten Abtheilung als Candidat aufgestellt. Eine Deputation hatte ihn um die. Zustimmung hierzu dringend gebeten. Soweit wir diesen Herrn kennen, sind wir davon fest überzeugt, daß er nur im Interesse des vielfach in seinem Rechte gekränkten Judenthums die Candidatur angenommen hat, um der gegnerischen, der St öckerschen Partei sammt ihrem Candidaten mannhaft entgegenzutreten. In einer sehr zahlreich besuchten Wählerversammlung erklärte nun der Vorsitzende, daß, nachdem er - mit verschiedenen Wählern Fühlung genommen, er es für zweiselhaft halte, Herrn vr. Hulisch durchzubringen, weil er — Jude sei! Mir selbst, so fuhr er fort, wäre es sehr angenehm, wenn er gewählt würde, denn ich halte ihn für besonders geeignet. Gegen ihn hat übrigens keiner der Gegner etwas Thatsächliches aufzuweisen; der einzige Grund liegt eben darin, daß er ein Jude ist. Soll die Partei nicht gänzlich unterliegen, so bitte ich Herrn vr. Hulisch, 'im Interesse der Sache seine Candidatur zurückzuziehen. — Hierauf erwiederte vr. Hulisch: „Als Sie in der gestrigen Versammlung zum Candidaten für die Stadtverordnetenwahl durch Majoritätsbeschluß mich ernannten, war ich es grade, der Ihnen ins Gewissen sprach, alle Bedenken zu erwägen, damit eine Zersplitterung und Schwächung der Partei verhütet werde. Sie aber hielten, in freundlicher Weise an mir fest und bestärkten sich einander in der Pflicht, angesichts der geheimen Agitation unsrer Gegner, für meine Wahl mit Ihrer ganzen Kraft einzustehen. Was. mich bestimmte, die Candidatur anzunehmen, war nicht das Verlangen nach Beschäftigung, — denn Sie können .mich täglich bis zum späten Abend in angestrengter Arbeit finden. Es. war auch nicht. die Sucht des eitlen Strebers, von unlauterem Ehrgeize gedrängt, — denn wer die^Zierzig zurückgelegt, hat in.meiner beruflichen Laufbahn auch Ehren mannigfacher Art 'genug erfahren, obschon ich es hoch zu schätzen weiß, von dem Vertrauen eines großen Theiles meiner Mitbürger mich getragen zu sehen.. Was mich zu candidiren bestimmte, war einzig und allein das Bewußtsein meiner Pflicht, Ihnen, so Sie mich rufen, mit meiner bescheidenen Kraft mich zur Verfügung stellen zu sollen. Dem glaubte ich, mich nicht entziehen zu dürfen, sondern trotz der vielen Berufsarbeiten für die Familie und Gemeinde auch noch an dem Gesammtt^ohl der Bürgerschaft, soweit es mir möglich, mitzuwirken. — M. H.! der Maßstab, der an den Vertreter für das Bürgerthum zu legen ist, das sind die Bürgertugenden. Hat der zu Erwählende durch seinen Wandel, durch sein Denken und Handeln Ihre Achtung, setzen Sie in ihm das erforderliche Maß an Einsicht, Willensstärke und Kraft voraus, um Sie vertreten zu können, — nun, so ist das religiöse Bekenntniß nur noch Privatsache und für, Sie eine bloße Form. Freilich, ich bin ein Jude! Aber fordert die Religion des Judenthums etwa nicht die Anerkennung und Verehrung eines Gottes? lehrt sie etwa nicht strengste Moral, Zucht und Sitte? gebietet sie nicht, die Kinder zu nützlichen und braven Menschen zu erziehen, durch sie das Gute um des Guten willen zu üben? Unlautere und schlechte Individuen giebt es auch unter den Juden, wie innerhalb jeder anderen confessionellen Gemeinschaft. Möge man sie ächten, aus der Gesellschaft ausschließen und thünlichst dem Arme, der Gerechtigkeit überantworten. Um willen dieser niedrigen Subjekte aber die Gesammtheit anzuklagen, das ist mindestens unverantwortlich. Auch heute, und sogar heute, giebt es eine große Anzahl Juden, welche bis hinauf zu den Stufen des Thrones anerkannt und geschätzt werden, einzig und allein, weil sie sich dessen durch ihr Leben und Wirken würdig machen. — M. H.! Indem ich die Candidatur, von Ihnen mir angeboten, angenommen habe, habe ich geglaubt, daß Sie durch sie laut Ihren Protest erheben, damit er hinaustöne weit über die Gemarkungen unserer Stadt; ich habe geglaubt, daß Sie durch diesen Protest es aussprechenwollen, wie die freisinnige Bürgerschaft In Herford gleich der in Bielefeld in lautem Widerspruche stehe mit jenem Agitator, den die Landbevölkerung auf ihren Schild erhoben imd uns aufoctroyirt hat; mit jenem Agitator, der es sich zur Ausgabe gemacht hat, die Gesellschaftsklassen zu zerklüften, die Saat des Zwistes und der Verfolgung aüszustreuen. — Bereitwillig gebe ich meine Candidatur in Ihre Hand zurück, denn die Wichtigkeit der Sache

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