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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-12-26 · Heft 52 (26.12.1882) · p. Seite 851

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 52 (26.12.1882)
Date
1882-12-26
Page
Seite 851 (sequence 7)
Language
German
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ganzen Wirksamkeit auf Grund des Belagerungszustandes ausweisen." — Es versteht sich, daß Richter dies selbst nicht wünscht, wenn er auch mit diesen Worten das ausdrücken wollte, was Stöcker verdient/ Denn das fehlte noch, dem Herrn Stöcker die Märtyrerglorie zu verschaffen! Allerdings ist Stöcker mit einem Henrici, Förster und dergl. nicht zu vergleichen. Stöcker hat, , um zu steigen, mehrfache Stufen sich zu bereiten verstanden. Neben der Judenhetze etablirte er sich das christlich-soziale Feld. Durch beide kam er in einer bewegten und verworrenen Zeit in die Höhe. Aber beide genügen nicht, ihn in der Höhe zu erhalten. Das Schimpfen auf die Juden wird langweilig, und auf dem sozialen Gebiet weiß er selbst nicht Bescheid und am wenigsten eine Lösung. Deshalb gcht es wieder rasch mit ihm, abwärts. Da er aber einmal von den Conservativen in ihre Reihen ausgenommen worden, und er Rednertalent besitzt, woran jene so großen Mangel haben, so wird er wohl einen bescheidenen Platz unter ihnen behalten. — Vor Kurzem hat Herr v. Treitschke den II Band seiner Geschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert herausgegeben. Es versteht sich, daß auch dieser Band von seinen Anhängern in den Himmel gehoben wird. Allein die Kritik, die unparteiische, ist auch nicht ausgeblieben, und zwar nicht etwa aus der Reihe der politischen Gegenpartei, sondern von Männern, die im Allgemeinen auf derselben politischen Seite stehen. Wenn wir an dieser Stelle Notiz hiervon nehmen, so-geschieht dies, weil dieselben Eigenschaften, die Treitschke in seinem Geschichtswerk bethätigt, ihn auch leiteten, als er seine bekannten Artikel gegen die Juden schrieb. In der wissenschaftlichen Beilage der (Münchener) „Allgemeinen Zeitung" unterwirft der Historiker Prof. Baumgarten in Straßburg den angeführten Band einer vernichtenden Kritik. Er sagt zum Schluß : „Man sieht, das alte sine ira et studio ist ' für diesen Geschichtsschreiber nicht vorhanden; unbefangene Wahrheitsliebe, Sorgfalt ruhiger Untersuchung, Gerechtigkeit des Urtheils, diese ersten und wesentlichsten Eigenschaften jedes Historikers, welche durch keinen Glanz der Diction, durch keinen Schwung der Beredsamkeit ersetzt werden können, fehlen hier in ungewöhnlichem Maße." Besonders ungerecht, parteiisch und gehässig ist des Herrn von Treitschke Urtheil über die deutsche Burschenschaft und ihre Begründer. Die „Weser-Z." bemerkt dazu: . „Ob die Regungen eines freiheitlichen Geistes an unseren Universitäten wohl so ausgestorben sind, daß die Studentenschaft die gehässige Carikirung der Burschenschaften und ihres Stifters Follen, die Treitschke sich zu Schulden kommen läßt, ruhig hinnimmt? Einst war das nicht so, aber jetzt kann man in der That viel fürchten. Herrschend an den Universitäten sind durchaus die Söhne des Adels, des höheren Beamtenstandes und der schutzzöllnerischen Fabrikanten u. s. w. Wie kann es da Wunder nehmen, daß dieser Geist der ständischen Jnteressenpoiltik, mit dem wir : im wirklichen politischen Leben zu thun haben, auch in der akademischen Jugend bemerkbar wird, sobald nicht ein höherer idealistischer Schwung die Geister über die Portemonnaiefragen der Gegenwart emporreißt?" Diese letzte Bemerkung ist uns wichtig, denn sie klärt auch über die antisemitische Tendenz eines Theils unsrer gegenwärtigen .akademischen Jugend auf. Bei dem Kastengeiste, der in ihr herrscht, .ist ihr die Konkurrenz der jüdischen Jugend höchst fatal. Darum liefern auch außer den Theologiestudirenden die Juristen das größte Kontingent zu den Antisemiten. — In diesen Tagen war hier der deutsche Handelstag versammelt und er beschloß einstimmig eine Resolution gegen die prozentuale Börsensteuer, welche die Konservativen beim Reichstage eingebracht haben,, und die so unglücklich gefaßt ist, daß die ganze Geschäftswelt davon auf's Schwerste geschädigt würde. Wir haben aber doch mit Befriedigung wahrgenommen, daß unter den Rednern gegen diese Steuer sich kein einziger Jude befand, so daß die Gegner nicht sagen können, der unglückliche Antrag werde durch die Juden hintertrieben. . — Der bekannte Nationalökonom Prof. vr. Adolph Wagner hat an ein extremes antisemitisches Blatt ein sehr langes Schreiben gerichtet, in welchem er sich als einen gemäßigten Antisemiten bezeichnet, was man übrigens aus seinen Kandidatenreden schon wußte. - Jndeß sagt er doch offen, daß nichts übertrieben und die Juden nicht zum Prügelknaben für Sünden und Uebelstände gemacht werden sollen, die vielfach ganz wo anders liegen,' in der heutigen Rechtsordnung und dem deutschen Volksthum. Die Üebel sind nicht von den Juden geschaffen und bestehen auch da, wo es keine Juden giebt, und wo sie nicht dominiren, Er sagt u. A.: „Aber all mein Nachdenken, meine Vergleichung der praktischen Verhältnisse, auch, verehrter Herr, mein Gewissen und Gerechtigkeitsgefühl gegenüber dem Judenthume sagen mir, daß es den Juden'theils zu viel Wichtigkeit beimessen, theils sie ungerecht behandeln heißt, kurzweg ihnen allein oder auch nur in erster Linie unsere sozialen Schäden in die Schuhe zu schieben." Dieses Verfahren bringe den Nachtheil mit sich, uns von der Erkenntniß der wirklichen Schäden und unsrer eigenen' Fehler abzuhalten. Es wäre zu. wünschen, daß diese Einsicht in allen Antisemiten Platz greife. Rostock, 14. Dezbr. Der Konsistorialrath und Prof, des Staats- und Kirchenrechts vr. Kahl hielt vor einem größeren Publikum einen Vortrag über die Gewissensfreiheit, der großes Aufsehen erregt, da er mit den in den Mecklenburgischen maßgebenden Kreisen herrschenden Ansichten nicht übereinstimmt. Der Redner verfolgte die Geschichte der Ge-

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