Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1882)
- Date
- 1882-12-26
- Page
- Seite 850 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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am 28. Oktober eine „Gedächtnißrede auf den verewigten Charles Netter" (Karlsruhe, Wolsch & Vogel, 1882) gehalten. . Man erkennt an der Wärnke der Sprache und an der Ausführlichkeit der Schilderung, wie hoch der Redner den . Verewigten stellt, und Jedermann wird, ihm hierin Recht geben. Die Tugenden und Verdienste Netter's treten so offen zu Tage, daß der Redner einen reichen Stoff daran besaß, den er in würdigster Weise behandelte. ' - Die Hochziele des Gotteshauses. Festrede zur Einweihung der neuen Synagoge zu Bleicherode am 1. Juni 1882 von Dr. David Leimdörfer, Rabbiner in Nordhausen. (Selbstverlag.) Ueber die schöne Wirkung dieser Predigt wurde bereits an einer anderen Stelle dieser Ztg. berichtet. Die wärmste religiöse Begeisterung spricht sich in beredten Worten aus. — Dewarim Achadim. , Drei Reden aus der Zeit der heiligen Feste zu Beginn des Synagogenjahres 5643 von M. Hirsch, Oherrabbiner in Prag. (Prag, Brandeis, 1883.) Der hebräische Titel ist nur Schmuck; denn der Verfasser spricht ein fließendes, beredsames Deutsch, welches die innigste Religiosität und die lauterste Sittlichkeit zum Ausdruck bringt. Die beiden ersten Predigten wurden am Bersöhnungstage gehalten, und die erste bespricht „Opferfähigkeit und Opfermuth", die zweite giebt den vier an Jonah gerichteten Fragen eine allgemeine Bedeutung und legt des Propheten Antwort in gleicher Weise aus. Die dritte' ist eine Sukkothpredigt und bringt eine moralische Deurung des Lulaf in der Art symbolischer Auslegung, wie sie jetzt häufig ist. — Zum Schluffe haben wir unseren Lesern noch eine recht bedeutende Erscheinung vorzuführen. Herr Dr. A. Jellinek in Wien hat eine Reihe, vo.n Predigten begonnen, die unter dem Titel „Der Talmudjude ".über den Inhalt und Charakter des Talmuds Aufschluß geben sollen, und die, wie sie gehalten sind, veröffentlicht werden. (Wien, Löwy, 1882.) Zwei derselben liegen uns bereits vor. Die erste bespricht: „Womit beginnt und womit schließt der Talmud?" nämlich er fängt mit der Frage an, wann das Schema zu lesen sei? und schließt mit einer Anpreisung des Friedens, also mit dem höchsten jüdischen Begriff von Gott und mit dem wesentlichsten Ziele des Judenthums. Die zweite Rede spricht über „Die Lebensfülle des Talmuds", und zwar durch seine Form oder Methode, welche Jedem die freie Aussprache seiner Meinung gestattete, durch -die Bertheilung oder Anordnung seines Stoffes, indem er der.ernsten Halacha die leichtgeschürzte Hagada zugesellte, und. durch die Anzahl seiner Lehrer und Sprecher, die.sich auf mehr als aus 2000 belaufen. Alles dieses wird mit großer Wärme, bis jetzt ohne Polemik, und in gewohnter Beredsamkeit, ausgeführt; natürlich unterläßt der Kanzelredner nicht, die sich bietenden Eigenheiten religiös und sittlich auszunutzen. Wenn schon ein eigentliches llrtheilüber diesen Gedanken und seine Ausführung erst nach Vollendung der.ganzen Reihe von Reden sich bilden lassen wird, so kann man doch schon jetzt sagen, daß der Nutzen ein zwiefacher sein wird. Erliegt in diesem Unternehmen von dieser Stelle aus ein Protest gegen die brutale Behandlung, welche der Talmud von gewisser Seite her erfahren, und gegen die Art, wie man ihn als Angriffswaffe gegen das Judenthum verwendet hat. Anderntheils werden diese Reden innerhalb der jüdischen Kreise, in welchen der Talmud unbekannt ist und die sich wegen der vielen Anfeindungen auf ihn und durch ihn zur Verurtheilung desselben Hinneigen, Aufklärung und Belehrung erwirken. Abgesehen hiervon, können wir allerdings eine wesentliche Veränderung der Standpunkte durch diese homiletische Apologie nicht erwarten, da sich bei den einzelnen Punkten noch viele Fragen und Zweifel erheben werden,, die in der gewählten Form nicht beantwortet und gelöst werden können. Eine wirkliche Äbhülfe und eine entschiedene Wendung wird, wie wir schon oft bemerkt haben, nur durch eine objektive wissenschaftliche Bearbeitung des Talmuds erreicht werden: Bis jetzt hat die neuere Forschung' sich vorzugsweise nur um die formale Seite angestrengt, während der eigentliche Geist der großen talmudischen Arbeit, dessen Erfassung das wesentliche Ziel der Wissenschaft 'ist, noch kaum berührt worden und darüber noch vielfaches Dunkel herrscht. Bon dieser wissenschaftlichen Bearbeitung aus wird dann erst eine wissenschaftlich populäre möglich sein, und , durch diese beiden werden endlich die Nebel zerstreut werden, die in der Menschenwelt über dem Talmud gebreitet liegen. Wir heben dies abermals hervor, um den Jüngern den Weg anzudeuten, den sie zu beschreiben hätten. . Deutschland. Berlin, 15. Dezbr. (Privatmitth.) In der gestrigen Sitzung des deutschen Reichstages, wo über die Fortdauer des' „kleinen Belagerungszustandes" verhandelt wurde, und ein Redner dem Abg. Stöcker den Widerspruch vorgeworfen hatte, für das Sozialistengesetz zu stimmen und doch — natürlich vor den Wahlen — die Sozialdemokraten zu patronisiren, was er vergeblich abzuleugnen versuchte, sagte Abg. Ri ch t er: „Herr Stöcker beklagt/sehr salbungsreich, den Belagerungszustand, aber er will ihn doch aufrecht erhalten wissen. Eigentlich müßte man Herrn Stöcker nach seiner