Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1882)
- Date
- 1882-12-26
- Page
- Seite 848 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227446--40446-3258085- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
freundlich so lange duldete, bis sie nach einer neuen Heimath geschafft werden konnten. Aber^auch die Juden haben die Probe bestanden; denn sie blieben ihrem Glauben und ihrer Aufgabe getreu, trugen einerseits das Geschick mit Ergebung und strebten andererseits thatkräftig, sich aus dem ihnen bereiteten Unheil herauszuarbeiten. Dies sind die Resultate des zu Ende gehenden Jahres, das ein so wichtiges Blatt in der neuesten Geschichte des Judenthums aussüllen wird. Die judenfeindliche Bewegung nimmt den Verlauf, welchen wir ihr immer vorausgesagt. Sie wird immer mehr abgeschwächt einerseits durch die Uebersättigung des Publikums, das der ewigen Wiederholungen derselben Anklagen, deren verleumderischer Gehalt doch selbst den Befangeneren nach und nach einleuchtet, überdrüssig wird, andererseits durch den Schrecken, welchen die brutalen Ausschreitungen einflößen, die, werden sie nicht alsbald unterdrückt, sich morgen oder übermorgen gegen andere Klassen der Gesellschaft richten werden. Wir Juden aber hatten in dieser schweren Prüfungszeit die zwiefache Aufgabe, zwar mit Muth und Kraft die Angriffe abzuwehren, aber uns ebenso sehr vor jeder leidenschaftlichen Erhitzung als vor Verzagtheit zu..hüten. Die Geschichte dieser Jahre wird beurtheilen, ob wir dieser Aufgabe genügt haben. Die Auswanderung der russischen Juden. Leipzig, 5. Dezbr. 1882. . Wie voranstehend angedeutet, gilt dies nur für ganz mittellose Auswanderer, zu welcher Kategorie die große Mehrzahl der durch. Komitäs beförderten Flüchtlinge leider gehört. — Familien, welche noch einen Rest früheren Besitzes gerettet und vor der Verfolgung in gesicherten und geordneten Verhältnissen gelebt, werden sich in Nordamerika gewiß rasch wieder emporarbeiten, auch wenn sie nicht auf Verwandte oder Freunde rechnen können. . Es mag hier Erwähnung finden, daß eine Anzahl von derartigen Familien aus Elisabethgrad, welche sich schon im Mai 1881 zur Auswanderung anschickten und bei den Komitss meldeten, auch später, von Brody aus befördert wurden, eigentlich den ersten Anstoß zu der Bewegung gegeben haben. Dieselben entschlossen sich freiwillig und ohne Anregung irgend eines Komitss zur Auswanderung nach Amerika, nachdem sie bei den Unruhen in Elisabethgrad die Früchte ihres Fleißes und ihrer theilweise recht ansehnlichen Ersparnisse von De- . cennien in einer Schreckensnacht verloren. Diese Colonne' bildete die eigentliche Avantgarde der großartigen Bewegung, welche sich bis zum Juni 1882 in i) Siehe Nummer 47 und 48. . solchen Verhältnissen entwickelte, daß ein Zurückstauen der Auswanderungslustigen leider durch die Umstände geboten wurde. Mit schwerem Herzen mußten die vereinigten Komitös sich im August a. o. entschließen, die Mehrzahl der noch in Brody anwesenden Flüchtlinge (mit Unterstützung zur Wiederaufnahme ihrer früheren Beschäftigung versehen) nach Rußland zurück zu dirigiren. Eine nicht kleine Zahl zur Repatriirung ungeeigneter Leute ist inzwischen durch die Fürsorge der betreffenden Komitos in Frankreich, England und Holland untergebracht, Brody damit ziemlich vollständig entlastet und die brennendste Frage gelöst. Es wäre nun vermessen und jedenfalls verfrüht, über die Zukunft der Auswanderungsbewegung heute schon ein abschließendes Urtheil zu fällen. Zunächst und so lange in Amerika noch unbeschäftigte Flüchtlinge auf Komitekosten zu erhalten, sind, muß eine Wiederaufnahme der Expeditionen perhorrescirt werden. Einzelne Familien oder Frauen, deren Ernährer drüben nachweislich im Stande sind, den Ihrigen einen Lebensunterhalt zu bieten, bilden heute die alleinige Ausnahme. An Wiedereröffnung irgend eines Aufnahmebureaus^n Europa denkt gewiß kein Konnte; die Gefahr, damit aufs Neue -einen nicht zu bewältigenden Massenandrang herbeizuführen, liegt auf der Hand und nachdem die russische Krisis als beendet zu betrachten, liegt auch kein genügender Grund vor. * Es wird nun von der Entwickelung der russischen Gesetzgebung in Bezug auf die Juden und von dem Gedeihen her Emigration in Amerika abhängen, ob die Auswanderung sich in regelmäßigen Verhältnissen oder steigernd entwickelt. Zum vorläufigen.Abschluß des Hilfskomitös scheint es geboten, die noch in Europa vorhandenen Mittel— wie Eingangs dieser Veröffentlichung empfohlen — zunächst für das Fortkommen der noch unbeschäftigten russischen Juden in Amerika zu verwenden. Voraussichtlich wird auch nach Befriedigung dieses Nothstandes noch eine sehr bedeutende Restsumme den europäischen Komitös zur Verfügung bleiben. Sollte es sich nicht ermöglichen lassen, mit dieser Restsumme eine bleibende Stiftung zu begründen/deren Erträge dauernd der russisch jüdischen Emigration in Amerika zu Gute kommt? Thatsächlich sind in Deutschland, Oesterreich und-Frankreich die Hilfsgelder am reichlichsten geflossen, als die Auswanderüngsbewegung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Es erscheint daher naheliegend anzunehmen, daß eine derartige Verwendung-den Absichten der Geber wohl entsprechen dürfte. Unterstützt man in Zukunft nur diejenigen, * welche auf eigne Kosten nach Amerika reisen — bei Ankunft daselbst — so hat man eine gewisse Garantie, solche Elemente zu em-