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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-12-26 · Heft 52 (26.12.1882) · p. Seite 847

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 52 (26.12.1882)
Date
1882-12-26
Page
Seite 847 (sequence 3)
Language
German
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Haft, ohne daß irgend ein neues Motiv zur Anklage gefunden werden kann. Das ungarische Abgeordnetenhaus hat durch den Beifall, den es den Ausführungen des Justizministers Pauler ertheilte, die Verantwortlichkeit für diesen Prozeß-mit übernommen. Auf diese Weise erreicht die Sache die beiden Zwecke, welche die Agitatoren dabei vor Augen hatten, und es entstanden die Preßburg er Aufläufe, die sich bald in diesem, bald in jenem Eomitat erneuern. Bei der Energie, welche der Ministerpräsident bei dieser Gelegenheit bewährte, und wie er sein Wort feierlich verpfändete, können wir hoffen, daß auch in Ungarn die ganze Wühlerei ihren Höhenpunkt überstiegen hat undnach kürzerer oder längerer Zeit zur Ruhe kommen wird. — Auch nach der österreichischen Hauptstadt sprang der Antisemitismus hinüber. Es fanden sich einige Führer, -welche besonders im Kleinbürgerstand eine Partei sich zu bilden suchten. Aber außer einigen Demonstrationen und einer schwachen Betheiligung an anderweitig verursachten Ruhestörungen hatten sie keinen Erfolg. Wir müssen es hier rühmend und dankbar anerkennen, daß der Kaiser Franz Josephkeine Gelegenheit versäumte, um seinen Abscheu vor den antisemitischen Wühlereien aufs Deutlichste kundzugeben. Die österreichische Staatsregierung trat daher allen Aeußerungen jener kräftig entgegen; aber dies war-bei der Stimmung eines großen Theils des Wiener Bürgerthums die Ursache, warum in zwei Fällen die Geschworenen die angeklagten Antisemiten freisprachen und eine ' Verletzung des Preßgesetzes und der Aufforderung zu Unruhen nicht vorliegend fanden. — Noch weniger hatten antisemitische Experimente in Frankreich irgend einen Erfolg; Zeitungsartikel und Broschüren blieben ohne allen Nachhall und selbst in Algerien beschränkte sich eine gewisse Aufregung auf die Stadt Oran. — Diesem dunklen Bilde stellt sich jedoch ein schönes lieh tes gegenüber. Der Antisemitismus hat zwei große Gegensätze, das Prinzip der Gleichberechtigung vor dem Gesetze und die Humanität. Ist das erstere, weil es das Fundament der wirklich civilisirten Staaten geworden, völlig realistischer Natur, so sind doch auch die Ansichten und die Gefühle der Humanität durch die menschheitliche Entwickelung bereits so tief eingewurzelt, daß sie die Wirklichkeit zu einem großen Theile beherrschen. Haben deshalb alle antisemitischen Bestrebungen auch nicht den allergeringsten Erfolg in der Gesetzgebung der civilisirten Völker erreicht, weil sie eben jenes Prinzip antasten, in welchem sich die Interessen-aller Staatsbürger begegnen, so war es auch natürlich, daß, namentlich jenen barbarischen Verfolgungen in Rußland gegenüber, sich Alle erhobendie eine menschenfreundliche Empfindung. im Herzen tragen. Dies machte sich zuerst in England Luft. Gleich-nach den Vorfällen in Warschau bildeten die angesehensten Persönlichkeiten Großbritanniens, Geistliche wie Laien, Kirchenfürsten aller Eonfessionen, ein Comits, welches ein Meeting berief, das seine tiefe Entrüstung über diese unserem Jahrhundert zur Schmach gereichenden Greuelthaten öffentlich aussprechen sollte. Das Meeting fand im Mansion- House statt, beschloß jedoch zugleich, eine ^Commission niederzusetzen, welche den Verfolgten möglichst Hilfe schaffen sollte. Dieses leuchtende Beispiel zündete überall. In allen britischen Hauptstädten wurden gleiche Meetings gehalten, die in ähnlicher Weise die Empörung über solche Zustände zum Ausdruck brachten. Es folgten derartige Versammlungen in den bedeutendsten Städten Nordamerikas; ihnen schlossen sich derartige Kundgebungen in Deutschland, Holland, Belgien und zuletzt in Frankreich an. Aus den russischen Städten und Ortschaften, in welchen die Gewaltthaten gegen die Juden verübt worden, hatte sich eine große Zahl Flüchtlinge nach der österreichischen Grenze, insbesondere nach Brody, gerettet. Alle jene Meetings erkannten daher als eine Aufgabe, diesen Flüchtlingen die Mittel zu bieten, nach anderen Ländern auszuwandern, insbesondere nach den Vereinigten Staaten. Zu diesem Zwecke wurden Comitös gebildet und Gelder gesammelt. Die letzteren stoffen so reichlich, daß nicht allein über 20,000 Flüchtlinge befördert und untergebracht werden konnten, sondern auch noch Summen übrig blieben, um diesem Zwecke weiter zu dienen. Wir wollen hier die Geschichte dieser Auswanderung, die Allen noch in Erinnerung ist,' nicht weiter verfolgen. Wir heben nur jener pessimistischen Anschauung gegenüber, welche in den letzten drei Jahren sich so leicht zahlreicher Gemüther bemächtigte, die beiden Momente hervor: den Sieg des Prinzips der Gleichstellung und die wahrhafte Humanität, die sich in so großem Maßstabe in der civilisirten Welt bethätigte. Müssen wir uns eingestehen, daß diese beiden großen Elemente wahrhafter Cultur noch immer einen Kampf zu bestehen haben mit den finstern Geistern vergangener Zeiten, die sich der niedrigsten, ja niederträchtigsten Mittel bedienen, um wieder ihre verlorene Herrschaft zu ergangen: so bezeugen doch die Thatsachen, daß der Sieg auf Seiten des Rechts und der Humanität steht, und daß wir deshalb dem Fortschritt des Menschengeschlechtes volles Vertrauen zu schenken haben, so schwer auch jeder Schritt vorwärts gemacht wird. Auch dies Mal hatten die Juden die Bestimmung zu erfüllen, zum Prüfstein der Cultur zu dienen, und mittelbar zu. bezeugen, wie weit bei den verschiedenen Nationen die wahrhafte Civitisation gediehen sei. Mögen diejenigen, die sich hierin schlecht bewährten, hieraus ein Selbstbewußtsein schöpfen. Wir wollen nur daran erinnern, daß die Magyaren. und selbst ihr Parlament etwa nach ihren Grenzen flüchtende russische Juden zurückzujagen beschlossen und hierbei selbst au Ausübung von Gewalt dachten, wahrend Oesterreich seine Grenzen den Unglücklichen willig öffnete und sie menschen-

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