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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-12-26 · Heft 52 (26.12.1882) · p. Seite 846

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 52 (26.12.1882)
Date
1882-12-26
Page
Seite 846 (sequence 2)
Language
German
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Männer sich erworben hatten, nicht außer Kraft brachte. — Aber auch in Rußland hat die bis zur Barbarei gestiegene Verfolgung der Juden im Laufe des Jahres ihr Ende erreicht, wenn auch hie und da noch Brandstiftungen vorgekommen. Der eigentliche Wendepunkt lag in der Entlassung Jgnatiew's und der Erhebung des Grafen Tolstoi zum Minister des Inneren. Die entschiedene Sprache der Regierung, die sich namentlich an -die Gouverneure, die Sicherheitsb.ehörden und Ortsvorstände adressirte, schnitt die ganze unselige Bewegung ab, so allerdings bezeugend, wo wir die eigentliche Quelle der unheilvollen Strömung zu suchen haben. Hierzu gesellte sich eine strengere und schnellere Berurtheilung der Rädelsführer seitens der Gerichte, um dem Volke klar zu machen, daß es in Plünderung und Mord auch an den Juden keine regierungsfreundliche Handlung begehe, wie es im vorigen Jahre oft genug gewähnt hat. Allerdings ist die allgemeine Lage unsrer Glaubensgenossen in Rußland noch keine bessere geworden. Gewissermaßen als Entgelt für den Schutz und die Sicherheit, die sie jetzt wieder genießen, und um zu beweisen, daß sie den Aufständen nicht aus freundlicher Gesinnung für die Juden, sondern nur aus der allgemeinen staatlichen Nothwendigkeit entgegengetreten, hat die russische Staatsregierung im Laufe des Jahres mehrfache Reglements erlassen, welche-die Juden noch mehr beschränken als es bisher der Fall war, und greift bis zu Ukasen aus der Zeit des Kaisers Nikolaus zurück. Dabei schweben unsre russischen Glaubensgenossen immerfort in Hangen und Bangen, da die Commission, welche ein neues Judengesetz ausarbeiten soll, in Thätigkeit ist und das Resultat ihrer Arbeiten für die Zeit nach zwei Jahren verheißt! — Wenn also in Deutschland und Rußland die antisemitische Bewegung ins Stocken gekommen, so hat sie sich dafür nach Ungarn verpflanzt, wo sie in raschem Zunehmen unselige Früchte gezeitigt hat. Das Unglück wollte, daß sich gerade im Magyarenreiche eine politische Partei fand, welche, an Zahl klein, aber an Heftigkeit stark, ihr Interesse darin erblickte, durch die Aufhetzung des Volkes, durch Anregung von Leidenschaften in HÄnselben an der Popularität zu gewinnen, die sie seit längerer. Zeit verloren hatte. Es war dies das Gegenspiel von dem, was in Deutschland vorgegangen. Hier waren es die Conservativen, die sich unter dem vorgegebenen oder partiell wirklichen Schutz maßgebender Kreise auf den Wogen der antisemitischen Fluth zu erheben gedachten. In Ungarn waren es im Gegentheil die Radikalen, die „äußerste Linke", die Opposition gegen die Regierung. Es wird dies für den zukünftigen Geschichtsschreiber ein merkwürdiges Kriterium: für die Beurtheilung des Antisemitismus sein. Er wird diesen hiernach nicht als eine, aus den realen Verhältnissen in naturgemäßer Weise hervorgegangeue Strömung ansehen dürfen. Die.Verhältnisse und die' wirkliche Gestnnung waren nicht die Ursache desselben, sondern offenbar eigennützige politische Partei-Interessen, welche sich in künstlicher Weise der noch vorhandenen Borurtheile gegen die Juden bedienten, um Vortheile für ihre Parteien herauszüziehen: so in Deutschland, in Rußland und in Ungarn, im ersteren waren es die Conservativen, im zweiten die Panslavisten, im dritten Lande die Radikalen. Als charakteristisches Moment muß es hierbei gelten, daß gerade die sg. socialdemokratische oder nihilistische Partei der Sache völlig fremd blieb und sich selbst dem Antisemitismus entgegen äußerte; denn aus diesem'Umstande .geht hervor, daß der letztere an sich gar nicht sozialer Natur war, wenn er auch soziale Motive weckte, wie Neid, Klassenhaß und Ranbsucht. -Das ungarische Ministerium erklärte sich durch den Mund seines Präsidenten Koloman Tißa entschieden gegen die antisemitische Bewegung, was jedoch nicht verhinderte, daß im Schooße des Ministeriums selbst antisemitische Regungen sich bethätigten. Auch müssen wir um der Wahrheit willen bemerken, daß sich die. „äußerste Linke" in dieser Angelegenheit spaltete, und daß ftühere Führer derselben, wie Kossuth, energisch gegen den antisemitischen Sturm in Ungarn auftraten. Jndeß behandelte die Partei die Sache als eine „offene Frage", so daß eine Trennung der Partei nicht darüber entstand. Wie dem aber auch sei, diese Partei ist als die eigentliche Ursache anzuklagen,' daß die Volksleidenschaft geweckt wurde und den Agitatoren die nöthigen Mittel zuflossen, um durch die Presse die Aufregung durch das ganze Land zu tragen. Ja, Ungarn hat die Schmach, ein Mittel der Aufhetzung in Anwendung gebracht zu haben, zu welchem man es weder in Deutschland noch in Rußland gebracht hatte, nämlich die BlutLeschuldigung zu rituellen Zwecken. Wir brauchen hier diesen traurigsten aller antisemitischen Kunstgriffe nicht näher zu beleuchten. Wir halten uns unsrerseits überzeugt, daß die ganze Affaire ein Jntriguenstück der antisemitischen Agitatoren ist. Wäre dies aber auch nicht, so kann es doch Niemandem zweifelhaft sein, daß hier die Justiz zu einem tendenziösen Zwecke in einer' Weise gemißbraucht worden und noch immer.wird, wie sich seit langen Zeiten kein anderes Beispiel finden läßt. Von der Einsetzung eines Untersuchungsrichters an, von der Benutzung von unzulässigen Zeugen durch die ganze Kette der Zwischenfälle häufen sich die nur durch sophistische Redekünste zu entschuldigenden Gesetzwidrigkeiten, die Parteilichkeiten, die strafrechtlichen Unzukömmlichkeiten, nur um, wenn man die Juden nicht zu verurtheilen vermöchte, im Volke den Wahn jener Beschuldigung zu erhalten und wirken zu lassen, bis er einentheils sichiy den Geistern eingewurzelt, anderntheils zu Gewaltthätigkeiten verleitet habe. So, schleppt sich dieser Prozeß bereits drei. Viertel Jahre hin, ohne daß ein Ende abznsehen, und man hält die Angeschuldigten in strenger

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