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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-12-19 · Heft 51 (19.12.1882) · p. Seite 837

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 51 (19.12.1882)
Date
1882-12-19
Page
Seite 837 (sequence 9)
Language
German
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837 ^£1/144^^ Deutschland. Berlin, 4. Dezember. (Privatmitth.) Da kommt mir eben Ihr geschätztes Blatt in die Hand. Ich lese in einer Notiz aus Wien, daß der Antisemitismus dort wahrscheinlich das Stadium durchmachen werde, wie hier und, auch schließlich so „ende" als in Norddeutschland. „Ende"! Welch' eine harmlose Ausfassung hat doch, der sicher „gemächliche" Wiener. Ist das ein Ende^ wenn in einem der größten und vornehmsten Stadtbezirke ein Führer der Antisemiten, Herr Pickenbach, als Stadtverordneter gewählt wird? Ist die Sache todr, wenn von 1500 Studenten circa 1100 einen „Deutsch- Nationalen",, was in diesem Falle mit Antisemiten identisch ist, als Ihren ersten Vertreter wählen? Ist es ein Ende, wenn man bei der Stadtverordnetenwahl einem Ludwig Löwe, einem Manne, der den Bezirk seit 20 Jahren vertritt, einen Conservativen— hier in Berlin ist Antisemit oder Conservativ so ziemlich .schon gleichbedeutend — gegenüberstellt und derselbe von circa 580 Stimme 250 erhält? Nein, nein, zu Ende ist die Sache noch lange nicht, im Gegentheil, glauben Sie, sie blüht und was noch schlimmer ist — sie gedeiht. Sie gedeiht insofern, als der Antisemitismus in der Wahl des Herrn Pickenbach den ersten, nicht zu unterschätzenden Erfolg aufzuweisen hat. Wenn die Herren auch praktisch nichts ausrichten können und mit Gottes Hilfe es nicht werden, so darf man nicht vergessen, daß sie bei Vielen eine tiefe Abneigung gegen die jüdischen Mitbürger hervorgerufen haben und noch immer mehr Hervorrufen. Ich wollte mit Obigem nur Ihrem Wiener zeigen, wie falsch es ist, zu behaupten, hier in Berlin sei die Sache zu Ende! , S. T. Berlin, 6. Decbr. (Privatmitth.) Das hiesige orthodoxe „Rabbiner-Seminar" hat von dem Breslauer und Pester Seminar die sehr angemessene Gewohnheit angenommen, Jahresberichte mit voraufgehenden gelehrten Abhandlungen zu veröffentlichen, dadurch die Theilnahme zu wecken und zu pflegen und hiermit auch seine Mittel'an Jahresbeiträgen und Fonds vergrößern zu sehen. Der Jahresbericht „pro 5642 (1881—82)" ist in diesen Tagen erschienen mit einer Abhandlung von Dr. D. Hoffmann: „Die erste Mischna und die Controversen der Tanaim. Ein Beitrag zur Binl.eitung in die Mischna." Wir wünschten wohl, daß auch die hiesige „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums" diesem Beispiele folgte, und so eine Kunde seines Daseins -in das Publikum getragen werde. Das Seminar wurde in -diesem Jahre von 27 Hörern" besucht, unter welchen sich viele stud. phil. befinden. Zu bemerken ist, daß! 10 derselben aus Deutschland sind, freilich die meisten aus dem Posen'schen; . die übrigen sind aus Rußland und Ungarn. Auch in seinen Mitteln ist das Seminar im Wachsthum, wozu eine Reise des vr. Hildesheimer wesentlich beigetragen. Die Einnahmen beliefen sich auf 49,209 Mark, die Ausgaben auf 32,851 Mark, so daß 16,357 Mark übrig blieben. Das Vermögen des Seminars belief sich am Schlüsse des Jahres auf 188,064 Mark, worunter sich ein Stipendienfond von 27,862 Mark befand. Auf die Abhandlung des Dr. Hoffmann kommen Sie wohl an einer anderen Stelle zurück. Berlin/ 6. Dec. Der Antrag der Berliner Staatsanwaltschaft, den bekannten Antisemitenführer Henrici wegen Anreizung zum Klassenhasse unter Anklage zu stellen, wurde vom Anklage-Senat der Strafkammer des Landgerichts abgelehnt. (Es wäre von großem Interesse für uns, zu erfahren, welche Gründe der Anklage-Senat für diese Ablehnung aufgeführt hat? Bemerkenswerth ist, daß wir die obige Nachricht erst aus der „Bonner Zeitung" erhielten, in Berliner Zeitungen jedoch nichts darüber fanden. Es giebt sich hieraus zu erkennen, wie wenig Bedeutung noch der antisemitischen Angelegenheit beigelegt wird. Denn die Zeitungen, namentlich die lokalen, richten sich stets nach dem Interesse, welches das große Publikum einer Sache beilegt. So sind denn auch die tonangebenden Berliner Zeitungen über antisemitische Versammlungen, Reden, Flugblätter u. dgl. völlig verstummt, und dies ist uns mehr Beweis für die Abschwächung des Antisemitismus als die von dem Herrn Corresp. S. T. oben angeführten einzelnen Vorkommnisse. Redaktion.) Berlin, 7. Dec. (Privatmitth.) Eine Wahrnehmung, die gewiß sehr erfreulich ist, hat sich abermals bewährt/ nämlich daß der Minister Maybach,, ebenso wie der Justizminister vr. Friedberg, bei Anstellungen in seinem Ressort nur nach Tüchtigkeit urtheilt und konfessionelle Rücksichten gänzlich unbeachtet läßt. So wurde jüngst der Regierungs- Assessor vr. Pieck zum Mitglied der königl. Direktion der Anhalter Eisenbahn und zugleich zum Regierungsrath ernannt. Er ist, nach unserem Wissen, der vierte preußische' Regierungsrath, der unserer Religion angehört. Bonn, 10. Dec. (Privatmitth.) Wir brauchen an dieser Stelle über die Hochwasser und die Verheerungen, welche sie beiWten, nicht zu referiren, da die Zeitungen genügend darüM berichten. Wenn unsere Stadt durch ihre hohe Lage weniger davon betroffen wurde, so bieten die Ortschaften oberhalb und unterhalb Bonns und noch mehr gegenüber auf dem rechten Rheinuser traurige Bilder der Verwüstung und des menschlichen Elends genug dar. In allen diesen Dörfern und Flecken wohnen auch zahlreiche Glaubensgenossen. Aber es erwies sich überall in erhebender Weise,

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