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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-12-19 · Heft 51 (19.12.1882) · p. Seite 836

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 51 (19.12.1882)
Date
1882-12-19
Page
Seite 836 (sequence 8)
Language
German
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minister interveniren sollen, um dem klaren Gesetze Geltung zu verschaffen. Die zweite Frage betreffend/ müsse die Antwort des Justizministers verblüffend wirken. Redner habe zwar von informirteu Personen gehört, daß der junge Moriz Scharf auf die.Aussage seines vierjährigen Bruders wegen Borschubleistuug verhaftet worden sei; doch er habe dies für ein unmögliches Kuriosum gehalten. Jetzt aber höre er aus dem Munhe des Justizministers gewissermaßen. die Bestätigung dieser Angabe und der Herr Justizminister scheine auch diese Thatsache als ganz natürlich hinzustellen.Dem berühmten Lehrer des Kriminalrechtes gegenüber, dessen Vorträge Redner mit Andacht angehört, enthalte er sich jeder Bemerkung über diese merkwürdige Auffassung. Die Antwort des Ministers auf die dritte Frage war dem Wesen nach die, daß überhaupt die Untersuchungsgeheimnisse nicht veröffentlicht worden sind. Redner fragt dem gegenüber, wie es gekommen, daß das Protokoll über die Dadaer Leiche im „Függetlensög" früher veröffentlicht worden, als es den Vertheidigern zugekommen? Wenn man eben um jeden Preis den Untersuchungsrichter entschuldigen wolle, kann man allerlei Erklärungen dafür finden, aber die Aufgabe des Justizministers sei es eben nicht,..den Mohren weißzuwaschen. Mit der Antwort auf die vierte Frage, giebt sich Redner zufrieden. Die Antwort auf die letzte Frage -. ist die Wichtigste. Der Justizminister habe die Delegirung eines anderen Gerichtshofes entschieden abgelehnt. Redner kann die Gründe des Justizministers nicht annehmen.. Der Zweck der Schlußverhandlung sei doch der, die Oeffentlichkeit zu beruhigen. Wäre eben nur die Freisprechung der Angeklagten der Zweck, dann könnte man die Angelegenheit getrost beim Nyiregyhazaer Gerichtshof belassen; doch viele Anzeichen sprechen dafür, daß es einem gänzlich.unbefangenen Gerichtshöfe die vollständige Klarstellung des ganzen Tißa-Eßlarer Räthsels gelingen würde. Die Schlußverhandlung soll ja in diesem Falle, wo nicht einmal zur Anklage ein . genügender Grund vorliegt, selbst mit Umgehung des Gesetzes nur zu dem Zwecke stattfinden, oaß die Gemüther beruhigt werden. Nun, eines öffentlichen Interesses wegen das Gesetz , zu verletzen und doch dieses Interesse nicht sicherzustellen, wäre ein freventliches Spiel mit allen sichtlichen Begriffen. Redner beleuchtet nun noch weiter das Vorgehen des Gerichtshofes, welches direkt darauf gerichtet war, einen rituellen Mord herauszubringen. Förmliche Menschenjagden wurden zu diesem Berufe arrangirt. (Heiterkeit.) Der Justizminister hat es gleichgiltig mit angesehen, wie der Friede und die Ehre von 600,000 Menschen gefährdet wurden (Lebhafter Widerspruch), wie die Sicherheit, .die Ordnung der Gesellschaft erschüttert wurden. Der Justizminister hätte sehen müssen, wie man gerade von antisemitischer Seite ihn in einen Gegensatz zur Ober-Staatsanwaltschaft zu:bringen suchte. Der Justizminister kann doch .nicht die Aufgabe haben, wie ein einbalsamirter Pharao im rothen Fauteuil, dazusitzen? (Rufe: Zur Ordnung! Zur Ordnung.') Ich glaube, die Frage der Ordnung in diesem Lande ist gerade die antisemitische Frage. Dies hat der Minister des Innern mit seinen Verordnungen bewiesen. Ich bin überzeugt, Vieles wäre in Nyiregyhaza nicht geschehen, wenn man. nicht gesehen hätte, daß man mit Hintansetzung, der Gesetze die Juden schmähen und beschimpfen, dürfe. (Rufe: Genug! Genug!) Redner wünscht für die Juden nichts Anderes als Gerechtigkeit und von den Juden nichts Anderes, als daß sie das Selbstbewußtsein besitzen mögen, das ihnen als freien Bürgern eines freien Staates zusteht. Er findet beinahe, als ob die Regierung Nachsicht hätte mit den Motiven, welche die Agitation hervorriefen, und dann mit. der größten Energie auftrete, wenn sich die gefährlichen Folgen der Agitation zeigen. Hinsichtlich seiner Mehlung zur Antwort des / Justizministers meint er eben, daß er in derselben keinen einzigen Satz findet, woraus er Beruhigung und Vertrauen in die Zukunft schöpfen könnte. Da fällt ihm ein, was eine Tißa- Eßlarer Jüdin gesagt habe.. (Eine Stimme links: „Was sagte die Jüdin? Heiterkeit.) Reoner erwidert auf den Einwurf, er spreche seine Ansicht ohne Rückhalt aus; vielleicht gebe er auch Jemandem zu Hohn Anlaß, doch glaube er, daß er die Achtung nicht verwirken könne, welche die wahre Ueberzeugung zu fordern berechtigt sei. Die Tißa- Eßlarer Jüdin sagte also,, ob es einen Gott im Himmel gebe, denn sie beginne schon daran-zu zweifeln. Selten habe ihn etwas so erschüttert, wie dieser Aufschrei des alten Weibes, die in ihrem ganzen elenderfüllten Leben einzig in der Religion.Trost gefunden hat. Wenn er zu . antworten fähig gewesen wäre, hätte er ihr gesagt, sie solle nicht nur auf Gott vertrauen, sondern auch darauf, daß es in Ungarn Gesetze, Richter und einen Justizminister gebe. Ob er diese Antwort jetzt geben könne, wisse er nicht; wohl aber gebe.er seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß ein Gott, lebe, d^r sich in der Geschichte, in der öffentlichen. Moral, in dem .Fortschritt Ungarns äußere. Er habe an die moralische Kraft des Hauses, an das öffentliche Gewissen appellirt und nehme mit/Vorbehalt die Antwort des Ministers zur Kenntniß, Nach einer kurzen nichtssagenden Erwiderung Pauler's und einer persönlichen Bemerkung des Abg. Verhovay nimmt das.Haus die Antwort des Ministers zur Kenntniß.

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