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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1882-12-19 · Heft 51 (19.12.1882) · p. Seite 831

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
46 (1882)
Issue
Heft 51 (19.12.1882)
Date
1882-12-19
Page
Seite 831 (sequence 3)
Language
German
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daß sich die Anhänger derselben, wo Bedürfniß ist, zusammenthun zu gewisser Gemeinsamkeit, das ist natürlich. Darum jedoch darf Spaltung, Zerrüttung, Feindseligkeit, Zwietracht nicht eintreten. Hüten wir uns vor jeder Art Zelotismus, sei es rechts, sei es links! Der Zelotismus hat Jerusalem zerstört. Jeder wahre seine aufrichtige Ueberzeugung, vertheidige sie, wenn sie angegriffen wird, aber wolle sie nicht dem Andern aufdrängen, verketzere mcht den Andern, weil er sie nicht theilt, schließe den Bruder nicht aus, weil er nicht Schulter an Schulter mit ihm steht! Das erste Element wahrer Religiosität ist die Duldung anderer Meinungen, ist der Friede, der auch mit denen bewahrt wird, welche anderen Ansichten folgen, wenn sie nicht der Sittlichkeit und der Pflichttreue zuwiderlaufen. Uns ere Feinde und Hasser dichten uns einen festen Verband, eine Gliederung und Organisation an, die wir zu politischen, sozialen, materiellen Zwecken benutzen und ausbeuten sollen. Wir wissen am besten, daß von allen solchen, Zwecken und Vortheilen auch nicht die geringste Spur vorhanden; wir wissen am besten, wie lose dieser Verband, wie schwach diese Zusammengehörigkeit ist, namentlich da, wo man uns diese nicht aufzwingt, als das letzte Rettungsmittel ausnöthigt. Wozu wir verbunden sind, das befaßt nur den Bestand unserer Religion und die Uebung werkthätiger Liebe, ohne daß durch letztere die Theilnahme an allgemeinen und gemeinnützigen Zwecken geschädigt werde. Wir sprechen an diesem Platze vorzugsweise zu unseren Glaubensgenossen und würden uns wohl hüten, etwas auszusprechen, was nicht Jeder von uns als mit der Wahrheit völlig übereinstimmend sofort erkennen müßte. Deshalb kann aber auch jeder Nichtjude, aus diesen Blättern erkennen, wie es wirklich und in Wahrheit in und um uns steht, was in uns lebt und wem wir Nachfolgen. Aber gerade weil die Verhältnisse so liegen, wie wir sie eben gezeichnet, ist die Eintracht, ist die gegenseitige Nachsicht und Verständigung die unentbehrlichste Lebensbedingung unseres Bestandes und der Befriedigung alles dessen, was die göttliche Vorsehung uns als Aufgabe und Zweck gestellt hat. Gleich wie bei den Makkabäern im Kampfe und Siege, müssen Ueberzeugungstreue, Muth und Eintracht bei uns gefunden werden in der Zeit des Kampfes wie in der der Ruhe und des Friedens! Zur LekiimPfung der filutbefdjulMgung. Ein charakteristischer Zug in den modernen Juden ist ’bie Leichtigkeit, mit welcher sie sich dem Sicherheitsgefühle hingeben, woran sich dann bei der Mehrzahl die Meinung anschließt, vorkommende Fälle am liebsten durch Stillschweigen zu verdecken, durch Jgnoriren darüber hinwegzukommen. An Borbeugungsmittel und an eine direkte Bekämpfung der erntretenden Nebel, der Verfolgungen und Verleumdungen denkt man nicht, und diejenigen, welche dazu rathen, bleiben ungehört, wenn sie nicht geradezu als lästige Störenfriede betrachtet werden. Eine. irgend wie thatkräftige Aktion läßt man nur eintreten, wenn die Schäden offenliegen, wenn die empfangenen Wunden bluten, und kaum ist das Allernöthigste geschehen, so überläßt man sich wieder der Indolenz, und findet es, weil bequem, auch klug, jedes weitere Vorgehen zu unterlassen. Wir haben diese Erfahrung oft genug gemacht, und vergebens dagegen angekämpft. Es war im Anfang der sechsziger Jahre, daß durch Sebastian Brunner in der „Wiener Kirchenzeitung" und durch seine Anhänger die Blutbeschuldigung gegen die Juden wieder ins Publikum gebracht und wie eine erwiesene Thatsache behandelt wurde. Ja, als die Gleichstellung aller Konfessionen in den österreichischen Staaten berathen wurde und beschlossen werden sollte, und die Tyroler Ultramontanen fürchteten, Protestanten und Juden in die Grafschaft einziehen zu sehen, aus welcher sie bis jetzt streng verbannt gewesen, erhob die Innsbrucker Presse jene Beschuldigung als einen nachhaltigen Einwand gegen die Emanzipation. Der Vorstand der.jüdischen Gemeinde zu Hohenems veranlaßte eine strafgerichtliche Untersuchung. (Vgl. Jahrg. 1862, S. 225 ff.) In derselben Zeit ging in der Ortschaft Belimyes des Biharer Komitats in Ungarn eine ganz ähnliche Affäre vowi^ne jetzt in Tißa- Eßlar, nur daß das vermeintliche. Opfer oald zur Stelle gebracht,, und Im dortigen Magistrate kein Vary und Onody und Genossen sich befanden. Aber auch im westlichen Europa kamen Symptome zum Vorschein, welche die Verbreitung dieser scheußlichen Fabel im Volke bezeugten. So wurden in und bei Köln zwei Männer mißhandelt, welche man für Juden hielt unter dem Geschrei: „der Blutjude." Beide waren Christen; im ersten Falle trafen die Uebelthäter schwere Strafen, im zweiten konnten sie nicht ermittelt werden. Bei solchen Erscheinungen glaubten wir, daß ein thatkräftiges Einschreiten Roth thäte, um diesem, von unsren Feinden unermüdlich verbreiteten Wahne, der im Volke immer tiefer zu wurzeln drohte, entgegen zu wirken. Wir erließen in Nr. 24 des Jahrg. 1862 eine dringende „Aufforderung zur Bildung eines Vereines gegen die Blutbeschuldigung." Die Motive zu einem solchen Vorgehen lagen auf der Hand. In der folgenden Nummer stellten wir in wenigen Paragraphen die Organisation eines solchen Vereins auf. Wir halten die Sache immer noch für wichtig genug, um hier diese Paragraphen wiederzugeben, da nicht Vielen jener Jahrgang zur Hand sein wird, die sich dafür interesfiren. „§ 1. Der Zweck des Vereines ist: 1) die Bekämpfung der Blutbeschuldigung im Allgemeinen und in jedem einzelnen Falle; 2) die gerichtliche Verfolgung der falschen Ankläger und Zeugen.

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