Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1882)
- Date
- 1882-12-19
- Page
- Seite 830 (sequence 2)
- Language
- German
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Brüder gegen Brüder bewaffnete, bereitete ihnen und dem Volke den Untergang. Die einander bekämpfenden Hasmonäer riefen die Römer in's Land, welche überall die Politik befolgten, irr die durch Parteien-zerrissenen Völker sich als Schiedsrichter einzudrängen, sich der schwächeren Partei zu bedienen, mm die stärkere niederzuschlagen und dann die Herrschaft in despotischer Weise auszuüben. So kam es, daß die letzten Glieder der hasmonäischen Familie unter dem Henkerbeil des Jdumäers Herodes fielen. So kam es, daß das jüdische Volk in ein zwieträchtiges Parteileben hineingezogen wurde, das es nicht wieder los wurde und dem es zum Opfer fiel. Zwei Jahrhunderte später verlor es seinen nationalen Bestand und Besitz und wurde über die Erde zerstreut, nicht aus Mangel an Ueberzeugungstreue, nicht aus Mangel an Heldenmuth und Tapferkeit, nicht durch die Unbesiegbarkeit der römischen Legionen, die mehrmals harte Niederlagen erlitten, sondern allein durch die Zwietracht, durch die Zerrissenheit und Feindschaft der Parteien, die'sich auf Tod und Leben bekämpften, sobald die Römer zurückwichen, und selbst im Angesichte der Römer. Auch zu der Makkabäerzeit war ein großer Theil des.Volkes passiv gegen ihre Unterdrücker, ja selbst nachgiebig und abtrünnig. Aber die Kämpfer und Sieger waren einig, im Siege wie im Kampfe, und das Volk fiel ihnen zu, als die Feinde aus dem Lande flohen. Anders in der Römerzeit. In Parteien und Faktionen zerrissen, denen nur zum kleineren Theile religiöse Motive einwohnten, bekämpften sich Hiese so-nachdrücklich, daß darüber unter der Führerschaft des Josephus die Vormauer Jerusalems, die Provinz Galiläa mit ihrer 'zahlreichen Bevölkerung und ihren starken Vesten verloren ging, daß innerhalb Jerusalems und selbst des Tempels die brudermörderischen und meuchlerischen Waffen Tags wie Nachts erklirrten und die Besten des Volkes theils vernichteten, theils lähmten. Die Eintracht der Makkabäer war es, die den Sieg errang, die Zwietracht, die das jüdische Volk zum Todesröcheln brachte. So ist uns die Makkabäerzeit dauernd zum Vorbild geworden, wenn für uns der Tag hereingebrochen, an welchem Kampf, Leid und die Forderung des Widerstandes an uns herantreten. Allerdings die ehernen Waffen haben wir als Juden nicht zu führen; wir ergreifen sie nur als Söhne des Vaterlandes, dem wir angehören, als Glieder des Staates für dessen Bestand, Freiheit und Ehre. Wir haben nur mit geistigen Waffen zu streiten; nicht als ob wir allein mit den Wehrmitteln der Gedanken, der Logik und des geeigneten Wortes zu fechten hätten. Stärker noch wühlt dieser Kampf im Herzen, im Heiligth um der innersten Empfindungen. Denn welches Herz bleibt gleichgültig bei den Kränkungen und Hintenansetzungen, die wir erfahren; welche Herz empört sich nicht bei den Verfolgungen und Schmähungen,-die uns treffen. bei dem Unrecht und der Gewalt, die an uns verübt werden! Deshalb müssen wir uns vor Allem mit jenen Tugenden ausrüsten, welche wir an unseren makkabäischen Vorfahren bewundern: Ueberzeugungstreue, Müth und Eintracht. Ohne die feste innerliche Ueberzeugung und die aufrichtige Treue an derselben ist der Jude , als solcher schwach und hinfällig. Denn ohne die Gewißheit, für Gott und dessen lautere Lehre, für die Wahrheit und für i das eigene Heiligthum der Ueberzeügung zu streiten und zu leiden, ist die Kraft der Abwehr und des Widerstandes, gelähmt, und es fehlt an jener Entschädigung, welche uns für jede Anstrengung und für jedes erlittene Unrecht in unserem eigenen Bewußtsein lohnt. Alle anderen Motive sind schwächlich und halten auf die Dauer nicht aus: Ehrgefühl, Familienpietät, Lebensstellung sind immerhin als sekundäre Faktoren von Wichtigkeit, aber sie vermögen die Begeisterung, die Mächtigkeit der inneren und konsequenten Ueberzeugung nicht zu ersetzen. Dahin muß deshalb jeder Jude streben, auf Grund des ihm anerzogenen und überlieferten Bekenntnisses, durch eigenes Forschen und geschichtliches Erkennen und durch Belebung dessen, was ihm vielleicht durch seinen Lebensgang, und Beruf fremd geworden, zu einer gefestigten Ueberzeugung und zu Wärme und Eifer für dieselbe zu gelangen. Dann wird es ihm leichter werden, auch den Muth in seiner Seele zu stählen, und jede Verzagtheit und Schwäche von sich zu bannen. Mein', wir wollen niemals und Niemanden herausfordern; wir wollen nicht angreifen, sondern nur vertheidigen und abwehren; aber jene Zeit muß vorüber sein, wo. so viele Juden nach nichts eifriger /trebten, als daß ihr Judenthum an ihnen ignorirt werde. Sie Haben erfahren, daß dies ihnen nichts hilft, daß sie bei dem Unbefangenen und Gerechten durch ihre Tugenden und. Vorzüge trotz ihres Judenthums Anerkennung finden, daß ihnen bei allen Anderen aber Alles nichts nützt, daß man vielmehr ihr Judenthum an ihnen hervorsucht, um sie, wenn nicht verachten, doch mißhandeln zu dürfen. Allem dem müssen wir den Muth des Bekenntnisses, die Ehre des Selbstbewußtseins entgegenstellen, nicht mehr fordern, als wir das Recht haben, aber uns auch nicht nehmen lassen, was uns zukommt. Dann aber ist die Eintracht unter uns selbst eine unbedingte Forderung in aller Zeit und insonders in der Zeit der Anfechtung. Jede Minorität hat von der Majorität Duldung und Gerechtigkeit zu fordern. Waren doch auch jene immensen Mehrheiten einst schwache Minderheiten und haben als solche das Recht des Bestandes in Anspruch genommen und jeden unbefugten Anspruch aus einem vermeintlichen Rechte der Mehrheit zurückgewiesen. Dies ist der Rechtsgrundsatz, aus welchem wir unser Dasein und unsere Gleichberechtigung ziehen. Denselben Grundsatz Haben wir um so mehr unter einander auszuüben. Daß verschiedene Richtungen unter uns bestehen,