Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 50 (12.12.1882)
- Date
- 1882-12-12
- Page
- Seite 825 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227444--40421-3258058- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
giösen Betrachtungen zu ergehen. Lassen wir nun unseren Kaufmann erzählen. Ich war, schreibt er, in der großen Handelsstadt N., hatte meine Geschäfte zu meiner Zufriedenheit erledigt und wollte nun die weite Reise nach der Heimath antreten. Einer meiner Commis begleitete mich und ich bestieg eine mit 3 kräftigen - Pferden bespannte Kibitke. Wir standen am Ende des Sommers, der in diesem Jahre äußerst heiß und trocken gewesen und in jenen Gegenden eine unselige Dürre mit sich gebracht hatte. Mein Weg ging weithin durch unübersehbare Waldungen von Nadelholz, tagelang durch Gegenden, wo kaum ein armseliges Dorf angetroffen wird. Ich hatte mich daher mit allem Bedarf versehen, und konnte es mit meinem Gefährten, dem Kutscher und den Pferden schon einige Tage aushalten. Meine Freunde hatten mich denn auch mit Vielem ausgerüstet, was auf der Reise nützlich und angenehm sein konnte. So fuhr ich denn, von herzlichen Segenswünschen begleitet und ein inniges Gebet auf den Lippen, ab, ging es doch zu Frau und Kindern, zu greisen Eltern und Geschwistern, die mich sämmtlich sehnsüchtig-erwarteten. Nur eines machte mir Besorgniß. In den Wäldern, die ich zu durchfahren hatte, hatten seit Jahren die Wölfe überhand genommen. Es war gerade in diesem Gouvernement nichts geschehen, um die Vermehrung dieser gierigen Unthiere zu verhindern, und man wußte bereits viel über die Unfälle zu erzählen, welche Reisende durch sie erlitten hatten. Da war mir aber plötzlich, wie von Oben eingeflößt, ein Gedanke gekommen. Wenn diese heißhungrigen Raubthiere in Rudeln über die Reisenden herfallen, so hilft ein Büchsenschuß oder eine brennende Fackel nichts gegen sie. Sie drängen so auf einander, daß sie gar nicht zurück können, sondern vorwärts stürzen müssen. Was ist da zu thun? Im Nu sind sie über die Pferde hergefallen, zerreißen und zerfleischen sie, während andere den ohnmächtigen Reisenden Überfällen. Da kam mir aber der Gedanke, gegen diese Unholde ein stärkeres Mittel zu verwenden, und ich verschaffte mir aus einer Fabrik des Ortes einige Dynamitpatronen, die ich sorgfältig bewahrte, doch so, daß ich sie leicht zur Hand hatte. Ich ließ mich genau über die Behandlungsart dieser leichten Exptosionsstoffe unterrichten. So fuhr ich ab. Wir hatten bereits eine tüchtige Wegesstrecke zurückgelegt, befanden uns mitten in den dunklen Tannenwaldungen, die durch die gerade Heerstraße durchschnitten werden; die Sonne begann, sich im Westen zu senken; ein frischer Abendwind hatte sich erhoben und wirbelte den Staub der Straße auf, während rechts und links es im dichtbestandenen Walde schon längst dunkelte. Da .kam es heran. Wir hörten es von ferne schnauben und heulen. Unsre Pferde witterten den nahenden Feind und beschleunigten ihre Gangart, obschon es gerade eine Höhe hinanging, ja sie verfielen bald in eine rasende Schnelligkeit. Aber die Ungeheuer, die von der Wuth nach Beute und Befriedigung ihres Heißhungers beseelt waren, kamen näher und näher. Schon konnten wir sehen, welche Anzahl sie ausmachten und wie sie, da sie in dem Wege sich nicht ausbreiten konnten, fast einer über den andern hinweg sprangen, die Rachen weit geöffnet,, die blutrothe Zunge heraushängend. Mein Gefährte ergriff seine Büchse und schoß sie mit zitternden Händen ab. Der Knall hallte im Walde wieder; aber kaum einen Augenblick machte er die Bestien stutzig, und da sie den Schreck schnell überwunden hatten, jagten sie uns nur rasender nach. Da faßte ich drei meiner Dynamitpatronen, ließ die Wölfe noch etwas näher kommen und schleuderte dann schnell eine der Patronen nach der anderen in ihre Mitte. Die erste versagte, die beiden anderen trafen wohl auf harte Gegenstände und eine furchtbare Detonation erfolgte. Der Sprengstoff hat seine Wirkung gethan, zerrissen flogen die Glieder zahlreicher Wölfe umher und erreichten selbst unseren Wagen. Es sah wie ein Schlachtfeld aus, und die unversehrt Gebliebenen rannten heulend rechts und links in den Wald hinein. Allerdings sahen wir von der Höhe, die wir erreicht hatten, und auf welcher wir jetzt unsre Pferde eine Zeitlang rasten ließen, wie nach und nach einige einzelne Wölfe aus dem Walde wieder herauskamen und sich über die ^gefallenen Genossen und die zerstreuten Glieder stürzten, um'sie zu verschlingen. Aber wir hatten doch nicht zu fürchten, daß sie sich wieder sammeln und uns verfolgen würden. Allein bald gewahrten wir die Anzeichen einer neuen Gefahr, die uns nicht minder bedrohte. Der ganze Boden des Waldes war mit einer dichten Decke herabgefallener Nadeln überzogen, welche durch die anhaltende Dürre in hohem Grade ausgetrocknet war. Einige Stücke der Explosionsstoffe mußten auf den Boden gefallen sein, denselben entzündet und schnell auch die dürren Reiser der Bäume ergriffen haben. Es währte nicht lange, und die aufsteigenden Rauchwirbel sagten uns, daß, und nicht fern von uns, ein Waldbrand' begonnen hätte, und da die Dämmerung einzutreten begann, konnten wir an den einzelnen Flammen,' die ausschlugen, zu unsrem Schrecken' gewahren, daß derselbe schon sich auszubreiten anfing. Der anschwellende Wind führ in den Brand und trieb ihn weiter und weiter. Es war ein für uns sehr ungünstiger Wind, denn er trieb die Flammen gerade nach der Richtung hin, wo wir uns befanden. Ringsum nichts als dünner Tannenwald. Unser Schicksal schien besiegelt zu sein. Die Straße, die wir zu. verfolgen hatten, führte gerade mitten in die Gluth, in das Herz des Waldbrandes. Ein schneller Entschluß war nothwendig. Eine Grenze des Unheils konnte nur der Fluß bilden, den wir vor einer Stunde passirt hatten. Er floß rechts von uns und er mußte